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Lesart
Fritz Eckhard Ulrich* 1935† 1992

hundstage im zoo

wenn die löwen kleiner wären
hätten sie angst vor den spatzen
und wären sehr nervös kämen abends
die mücken in ihre schlafzimmer

bettvorleger müsste man stückeln
die großfüssigen hätten es schwer

meerschweinchen und weiße mäuse
kämen aus der mode
und die goldhamsterzucht machte pleite

die wächter in den zoologischen gärten
fänden bei ihren kontrollen
berber- und mähnenlöwen
in damenhandtaschen
und löwenbabys
in halbleeren streichholzschachteln

der tierschutzverein
müsste eine besondre abteilung einrichten
für löwen die unter der last ihrer flöhe
zusammenbrächen

wenn die löwen kleiner wären
als zum beispiel acht millimeter
könnte man sie vielleicht
durch kostümierte ameisen
billig ersetzen

 

 

Erschienen in:  Saison für Lyrik Neue Gedichte von siebzehn Autoren, Berlin und Weimar 1968, S 196

Die heimliche Schönheit des Unfugs

Wenn irgendeine Ordnung aus den Fugen gerät, sehen viele gleich die apokalyptischen Reiter auf sich zu galoppieren und wissen dann sofort, wer Schuld an sowas ist. Dann rennen sie mit allerhand symbolischem Krempel auf die Straße und brüllen dummes Zeug. Aber vielleicht produziert so ein Ausdenfugengeraten gar keinen Weltuntergang, sondern einfach nur Unfug. Jedenfalls legt Eckhard Ulrichs Gedicht dies auf charmante Weise nahe. Das Genre Unfuglyrik gibt es wohl nicht, gäbe es das, hundstage im zoo wäre ein gelungenes Beispiel. Von Nonchalance zeugt allein der Umstand, dass entgegen der Überschrift im Gedicht weder Hochsommertemperaturen vorkommen, noch auch nur ein einziger Hund, dafür aber jede Menge andere Tiere. Aber trotzdem lässt die Überschrift durchblicken, dass da irgendetwas heißgelaufen sein muss.

Wie ein entfernter Verwandter von Hermann Harry Schmitz präsentiert Eckhard Ulrich eine durch und durch bürgerliche Welt mit zoologischen Gärten, Bettvorlegern, Konkursen, kontrollierenden Wächtern, Damen mit Handtaschen, Tierschutzverein und dergleichen. Man lebt geruhsam in dieser Welt, wo sogar die Löwen Schlafzimmer haben, man geht mit der Mode, richtet Abteilungen ein und ist sparsam. Doch ist diese ebenso biedere wie reale Welt bedroht vom Irrealen: Im Modus des Irrealis breitet Ulrich genussvoll eine Folge von Irritationen aus, die zusammengenommen die sicher geglaubte Realität in Frage stellen und von Kataströphchen künden: Gesetzt den Fall, dass „die löwen kleiner wären“ – was dann? Eigentlich passiert ja fast nichts, doch gerät alles durcheinander, eine Anarchie der Niedlichkeit. Ausgerechnet die mächtigen Raubtiere, seit je Symbole absoluter Macht, schrumpfen ohne jeden Grund (Oder ist es doch die Sommerhitze? Eine Verschwörung kleiner Hunde gegen Großkatzen?) zu herzigen Kuscheltieren, die Goldhamstern und Meerschweinchen Konkurrenz machen und anständige Damen animieren, sie zu klauen. Wenn das einreißt … Auf einmal sind die Sechziger wieder präsent: Gesetzt den Fall, die Jungs tragen Mädchenfrisuren, ungezügelte Empfängnisverhütung greift um sich, primitiver Lärm gilt als Musik, und besorgten Verantwortlichen in Ost und West spricht Walter Ulbricht aus dem Herzen: „Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“ In dieser längst versunkenen Zeit drohte etwas, mächtig aus dem Ruder zu laufen. Dem Schrumpfen der Löwen war Einhalt zu gebieten, doch in diesem Gedicht sind sie am Ende kleiner als acht Millimeter und können sogar durch kostümierte Ameisen ersetzt werden. Ausgerechnet! Die Ameisen, als selbstlose, emsige Imsen ebenso symbolträchtig wie der stolze Löwe, werden verkleidet und als Billigkonkurrenz der Löwen eingesetzt. Wo aber verkleidet wird, ist der Karneval nicht weit. Nicht auszudenken, wenn die Verkleidung den Ameisen einen Floh ins Ohr setzt. Alles, wie gesagt, natürlich im Konjunktiv. Doch der Irrealis ist der Feind der Realität.

Was Eckhard Ulrich hier augenzwinkernd entwirft, ist nichts Geringeres als ein Bedrohungsszenario. Da flößen Spatzen Angst ein, es gibt keine ordentlichen Bettvorleger mehr, einst beliebte Kleintiere verschwinden von der Bildfläche, das Gewicht der Flöhe wird zum ernsten Problem

Die Einfachheit der prosanahen Sprache verleiht dem Gedicht mit seinen suggestiven Bildern eine Leichtigkeit und Fröhlichkeit, mit der es auch zum quietschbunten Bilderbuch für Vorschulkinder taugt.

Aber das ist nur die eine Seite. Die andere: Das Gedicht steht in der Lyrik-Anthologie Saison für Lyrik Neue Gedichte von siebzehn Autoren, 1968 als Taschenbuch bei Aufbau erschienen. Da heißt es im Klappentext:

[Der Leser] erwarte dabei keine Repräsentanz im quantitativen Sinne. Naturgemäß vermögen siebzehn Autoren keine Totale zu geben. Aspekte zur Situation der Lyrik in der DDR, zur Problematik der hier versammelten Dichter will das Buch dennoch vermitteln. […] Vielleicht vermag die Sammlung darüber hinaus von bemerkenswerten und lebensfähigen neuen Strömungen in der jüngsten Dichtung mitzuteilen.

Eckhard Ulrich repräsentiert also zu einem Siebzehntel Aspekte zur Situation der Lyrik in der DDR und die Problematik der hier versammelten Dichter. Er ist damit so ein Dichterexemplar, das die bemerkenswerten und lebensfähigen neuen Strömungen in der jüngsten Dichtung mitzuteilen berufen ist, jemand der einen Parteiauftrag erfüllt. Da ist eigentlich kein Platz für Leichtigkeit und Fröhlichkeit.

Am Anfang der DDR-Kultur stand der Löwe Johannes R. Becher mit seinen donnernden Versen, vielleicht wäre Eckhard Ulrich gern eine von den kostümierten ameisen, die ihn billig ersetzen. Aber mit den Ordnungen geht auch der utopische Zweifel an ihnen zugrunde. Johannes R. Becher ist Geschichte. Eckhard Ulrich beinah nicht einmal das.

Trauriger Epilog, in der Wikipedia nachzulesen:
Ab November 1991 wurde F. Eckhard Ulrich Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi) als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) vorgeworfen. Die Stasi-Unterlagen-Behörde unter der damaligen Leitung von Joachim Gauck bestätigte dies, obwohl sich herausgestellt hatte, dass die Stasi die Zusammenarbeit als unergiebig bezeichnete, daher der IM-Vorgang eingestellt und daraus ein operativer Vorgang gemacht wurde. F. Eckhard Ulrich wurde zunehmend isoliert, eine öffentliche Hetze inszeniert. 1992 nahm er sich deswegen das Leben. Erst nachträglich wurde er rehabilitiert.

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