Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Gerhard Falkner* 1951

 

Die Nacht in den roten Zahlen
 

das licht ist so dünn seit du schläfst
so dünn und gesträubt wie die haut
die haut über meinem pulsenden herzen

 

betäubt von der rede nach mitternacht
splittern die beine ins trübe
das licht ist so dünn seit du schläfst

 

die nacht ist so hart seit du träumst
so hart und gespannt wie der halm
der dunkel gegen uns schlug

 

ich blickte mich um aus neid
nach jedem der herrlichen blicke
die wir als noch zeit war versäumt

 

A. R. Penck: Proë, Sonderband, Berlin 1992, ohne Pagina.

Poesie der physischen Präsenz

 

Gerhard Falkner ist 1951 geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Buchhändler. Seit Mitte der 1970er Jahre veröffentlichte er Gedichte und Prosa. Ende der 1980er Jahre wandte er sich der Essayistik, Prosa und Texten für das Theater zu, publizierte 2000 aber wieder einen Band Lyrik »Endogene Gedichte«. Gerhard Falkner gilt als einflussreicher und stilprägender Lyriker.

In dem Künstlerbuch, aus dem das Gedicht zitiert wurde, formulierte Gerhard Falkner eine kurze poetologische Notiz, in der es heißt:

Wir wissen nichts vom Gedicht. […] Die spröden Widersprüchlichkeiten, in die sich das Gedicht verwickelt hat […] verhüllen nachhaltig das Eigentliche, diesen jähen Zugriff aufs Innerste, den es aus seiner Sprache und Besonderheit heraus tut und der so eminent anders sein kann als z. B. der Schauder des Dramas oder das entwickelte Nachfühlen und Nachspüren des Romans.

Wir wissen viel vom Gedicht, z. B., dass es ihm, seit es die Form gibt, immer um den jähen oder sanften Zugriff aufs Innerste ging, Gerhard Falkner sagt nichts Neues. In seinem Gedicht beschreibt das lyrische Ich seine Gedanken in der nahen Gegenwart eines Du. Etwas hat sich verändert, indem das Ich mit sich allein ist, da das schlafende Du anwesend abwesend ist: Das Licht ist „dünn“ oder die Wahrnehmung des Lichts ist mindestens verändert, sie hat an Intensität verloren. Der „halm der dunkel gegen [sie] schlug“ ist ebenso wie die roten Zahlen der Nacht enigmatisch. (Man kann die Zahlen einer LED-Anzeige vermuten.) Etwas stimmt in der Beziehung der beiden Wesen nicht: „herrliche blicke“ sind versäumt worden. Gerhard Falkner versucht, eine höchst intime, höchst private Situation zu fassen. Er will eigentlich gar nichts mitteilen, jedenfalls nicht alles ganz deutlich darlegen, jedenfalls nicht uns, den Lesern. Es bleibt private Rede. „Privat“ ist ursprünglich das Partizip Perfekt Passiv von „privare“ – absondern. Seine Rede ist abgesondert, er spricht zu sich hin. Gerhard Falkner habe mit der Befindlichkeitslyrik Schluss gemacht, heißt es, aber es geht in diesem Gedicht einzig um sein Befinden in einem privaten (abgesonderten) emotionalen Zustand. Der Text wirkt, wie in einem abgedunkelten, stillen Raum gesprochen, die Gesellschaft ist kein Thema, nicht die Geschichte, schon gar nicht politische Vorgänge. Es ist ein radikal selbstbezogener Text, sprachlich angemessen „modern“, freie Rhythmen, indirekte Metaphern, die enigmatisch bleiben und dem Text die Spannung des Rätselhaften vermitteln, aber auch nicht so gewagt, dass der Sinnzusammenhang ganz aufgegeben oder verschlüsselt würde. Konservativ modern.

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