Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Gottfried Benn* 1886† 1956

Blaue Stunde

I
Ich trete in die dunkelblaue Stunde -
Da ist der Flur, die Kette schließt sich zu
Und nun im Raum ein Rot auf einem Munde
Und eine Schale später Rosen – du!

Wir wissen beide jene Worte,
die jeder oft zu anderen sprach und trug,
sind zwischen uns wie nichts und fehl am Orte:
dies ist das Ganze und der letzte Zug.

Das Schweigende ist so weit vorgeschritten
Und füllt den Raum und denkt sich selber zu
Die Stunde - nichts gehofft und nichts gelitten -
Mit ihrer Schale später Rosen - du.

II
Dein Haupt verfließt, ist weiß und will sich hüten,
indessen sammelt sich auf deinem Mund
die ganze Last, der Purpur und die Blüten
aus deinem angestammten Ahnengrund.

Du bist so weiß, man denkt, du wirst zerfallen
Vor lauter Schnee, vor lauter Blütenlos,
todweiße Rosen, Glied für Glied - Korallen
nur auf den Lippen, schwer und wundengroß.

Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde,
von einem Glück aus Sinken und Gefahr
in einer blauen, dunkelblauen Stunde
und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.

III
Ich frage dich, du bist doch eines andern,
was trägst du mir die späten Rosen zu?
Du sagst, die Träume gehn, die Stunden wandern,
was ist das alles: er und ich und du?

„Was sich erhebt, das will auch wieder enden,
was sich erlebt - wer weiß denn das genau,
die Kette schließt, man schweigt in diesen Wänden
und dort die Weite, hoch und dunkelblau.“
 

Ingeborg Bachmann* 1926† 1973

Die blaue Stunde

Der alte Mann sagt : mein Engel, wie du willst,
wenn du nur den offenen Abend stillst
und an meinem Arm eine Weile gehst,
den Wahlspruch verlorener Linden verstehst,
die Lampen, gedunsen, betreten im Blau,
letzte Gesichter! Nur deins glänzt genau.
Tot die Bücher, entspannt die Pole der Welt,
was die dunkle Flut noch zusammenhält,
die Spange in deinem Haar scheidet aus.
Ohne Aufenthalt Windzug in meinem Haus.
Mondpfiff - dann auf freier Strecke der Sprung,
die Liebe geschleift von Erinnerung.

Der junge Mann fragt: und wirst du auch immer?
Schwör’s bei den Schatten in meinem Zimmer,
und ist der Lindenspruch dunkel und wahr,
sag ihn her mit Blüten und öffne dein Haar,
und den Puls der Nacht, die verströmen will!
Dann ein Mondsignal, und der Wind steht still.
Gesellig die Lampen im blauen Licht,
bis der Raum mit der vagen Stunde bricht,
unter sanften Bissen dein Mund einkehrt
bei meinem Mund, bis dich Schmerz belehrt:
lebendig das Wort, das die Welt gewinnt,
ausspielt und verliert, und Liebe beginnt.

Das Mädchen schweigt bis die Spindel sich dreht.
Sterntaler fällt. Die Zeit der Rosen vergeht:
ihr Herren, gebt mir das Schwert in die Hand,
und Jeanne d’Arc rettet das Vaterland.
Leute wir bringen das Schiff durch’s Eis,
ich halte den Kurs, den keiner mehr weiß.
Kaufe Anemonen! Drei Wünsche das Bund,
die schließen vorm Hauch eines Wunsches den Mund.
Vom hohen Trapez im Zirkuszelt
spring ich durch den Feuerreifen der Welt,
ich gebe mich in die Hand meines Herrn,
und er schickt mir gnädig den Abendstern.

Die Stunde zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit

Für D.H. ( 1945-1998)

Ein alter Mann. Eine junge Frau. Ein Anderer. Das verführerische Rot auf den Lippen der Frau. Späte Rosen in einer Schale auf dem Tisch. Hoffnung und Vergänglichkeit. Ein Augenblick, der im Vollzug bereits zur Erinnerung wird.
In Gottfried Benns Blauer Stunde werden alle großen Motive klassischer Liebeslyrik zum melancholischen Zitat. Angerufen  im  - dennoch - ungebrochenen Vertauen des Dichters auf die Möglichkeit ästhetischer  Sinnfälligkeit wird die Begegnung zwischen Mann und Frau noch einmal zur universellen Metapher der Möglichkeiten und Begrenzungen menschlichen Lebensvollzuges schlechthin : dies ist das Ganze und der letzte Zug.

Im Wissen um  das unaufhaltsame Verfließen der Zeit erfährt das lyrische Ich die blaue Stunde als Konzentrat. Als unvermitteltes Zusammenschießen aller möglicher Erfahrung: Hoffnung und Vergeblichkeit, aufgehoben nur im entrückten Blau der Dämmerstunde, verleihen dem Gedicht in ihrem beunruhigenden Nebeneinander seinen  besonderen Ton der Zerbrechlichkeit, des fast Vorbei.
Die traditionellen Attribute der Liebe zwischen Mann und Frau - die Rosen, die roten Lippen, das verheißungsvoll Unbestimmte der Begegnung: Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde,/ von einem Glück aus Sinken und Gefahr -  sind überzogen von einer Firniss aus leidenschaftsloser Trostlosigkeit. Einer transzendentalen Trostlosigkeit, welche beides, die Flüchtigkeit des Zaubers und das Wissen um die innere Notwendigkeit der Utopie, umklammert.
Nur in der blauen Stunde können Mann und Frau einander begegnen, nur in ihr erfahren sie  die erträumte Aufhebung alles Trennenden in einem  Raum außerhalb der Zeit: Die Stunde – nichts gehofft und nichts gelitten- / mit ihrer Schale später Rosen- du .

Wo aber das Wissen um die Unmöglichkeit der Verlängerung des Augenblicks in die Ewigkeit  unabwendbar geworden ist, ist der Rückzug aus der Sprache in ein gemeinsam erfühltes Schweigen die einzige noch verbleibende Möglichkeit des Paares: Wir wissen beide jene Worte, / die jeder oft zu anderen sprach und trug,/ sind zwischen uns wie nichts und fehl am Orte.
Und doch. Kein  friedlicher Einstand im Augenblick. Kein Sich Begnügen.
Wider besseres Wissen will das lyrische Ich, der alte Mann, mehr, will die unmögliche Verlängerung des Augenblicks in seine Wirklichkeit. Herrisch erhebt er seine Stimme und fragt die Frau nach ihm, dem Anderen : Was trägst du mir die späten Rosen zu?
Und bekommt keine Antwort auf diese Frage. Die Begegnung in der bewusst erlebten Präsenz des Augenblicks setzt  nämlich jede Logik außer Kraft: Die Träume gehen, die Stunden wandern, / was ist das alles: er und ich und du?
Keine Antwort.
Und so schließt das Gedicht  in hohem Tone mit den apodiktischen Zeilen: Was sich erhebt, das will auch wieder enden,/ was sich erlebt, wer weiß denn das genau,/ die Kette schließt, man schweigt in diesen Wänden/ und dort die Weite, hoch und dunkelblau.
Die Antithese, Wirklichkeit und Möglichkeit, - sie mündet ins Offene : und dort die Weite, hoch und dunkelblau.

Nicht anders als die helleren Stunden des Tages, die aufregenden und die gleichgültigen Phasen des Lebens unterliegt auch die blaue Stunde dem Gesetz des Werdens und Vergehens. Auf den Augenblick imaginierter Einheit kann nichts anderes folgen als die kühle Einsicht des Intellekts in die definitive Spaltung: vorbei die blaue Stunde, dahin ihre Weite, ihre Bläue : und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.
Wirklichkeit? Illusion? Die ideale Begegnung zwischen Mann und Frau - am Ende nur eine milde Täuschung?
Gegenstandslose Fragen.
Begriffliches Vorurteil.
Denn die Wahrheit, welche die Körperseele erfährt, wenn sie sich im sicheren Wissen um die Gefährdung des Augenblicks dennoch einem anderen aufschließt, als sei es das aller erste Mal, als sei sie niemals betrogen worden und habe niemals betrogen, ist nicht hintergehbar. In ihrer einzigartigen Qualität ist sie das gültige Maß für Scheitern und Gelingen aller menschlicher Möglichkeiten.

Hat Ingeborg  Bachmann Benns Blaue Stunde  gekannt, als sie die ihre schrieb?
Vieles spricht dafür, dass die junge Lyrikerin in ihrem Gedicht bewusst auf Benn reagiert, ja dass sie ihre Stimme eben jener namenlosen Frau leiht, die bei Benn weitgehend stumm bleibt.
Der alte Mann. Der junge Mann. Die begehrenswerte und begehrte junge Frau. Drei Personen. Eine klassisch zu nennende Konstellation des Konflikts, hier wie dort.
Und doch, welch ein Unterscheid im Atmosphärischen!
Während bei Benn das lyrische Ich, der alte Mann, um Abgeklärtheit und Leidenschaftslosigkeit ringt, verkörpert Bachmanns junge Frau die ganze Fülle noch zu lebenden Lebens. Eine Ungewissheit, die nichts Beängstigendes hat, sondern im Gegenteil als erregend empfunden wird: alles ist möglich! Die Bilder der Männer nur Projektionen, die es allesamt zu überwinden gilt!
Anders als Benn geht es Bachmann in ihrem Gedicht keineswegs darum, den magischen Augenblick  im Gedicht zu bannen - ist doch das was ist, noch lange nicht das, was sein könnte!

Die müde Liebe des alten Mannes - geschleift von Erinnerung -, die rücksichtslose Liebe des jungen Mannes - schwör’s bei den Schatten in meinem Zimmer - : für die junge Frau  erschöpfen sich in diesen Varianten  kaum die infiniten Möglichkeiten der Begegnungen. Weder der alte noch der junge Mann, weder Melancholie und Abschiedsstimmung noch herrische Inbesitznahme sind für sie die Erkennungszeichen des idealen Geliebten. Liebe denkt weder noch will sie oder hat zu wollen. Sie ist  - das genügt. Und wenn sie ist, dann setzt sie ohne zu zögern alles auf eine Karte: lebendig das Wort, das die Welt gewinnt,/ ausspielt und verliert, und Liebe beginnt.
Im Unterschied zu Benns blauer Stunde ist die Frau bei Bachmann Subjekt nicht Objekt des amourösen Dreiecks. Sie überblickt die unterschiedlichen Erwartungshaltungen der beiden Männer, doch sie ist selbstbewusst genug, sich mit keiner von ihnen  vollends zu identifizieren : ist sie es doch schließlich, die die Wahl hat!
Drei Personen. Drei Strophen. Nur die letzte gehört der Frau allein. Ein irreales, märchenhaftes Szenario. Durch Spindeln, Sterntaler, Schwerter, magische Wünsche und Feuerreifen, bahnt sich das lyrische Ich seinen Weg in eine unbekannte Ferne; dies ist seine Freiheit: ich halte den Kurs, den keiner mehr weiß.
Ungewissheit, ja Rätselhaftigkeit prägen das Finale des Gedichtes. Alles ist möglich, nichts ist sicher.

Während Benn den Geschmack der Vergänglichkeit zum ästhetischen Programm erhebt, ja die Verheißung in gewisser Weise bereits als die Einlösung ihrer selbst begreift und nur mehr in seinen Versen gleichsam bannt , ist Bachmanns blaue Stunde gesättigt von dem Willen und der Lust dem Leben selbst abzutrotzen, was in blauen Stunden  als geheimes Versprechen  mitschwingt.

Der alte Mann. Die junge Frau. Zwei Gedichte. Blaue Stunden, wie sie unterschiedlicher nicht erlebt werden können. Ein impliziter Dialog über eine existentielle Begegnung. Der Begegnung zwischen Mann und Frau. Der Begegnung  zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Der Begegnung nicht zuletzt zwischen Leben und Kunst - entfaltet die Dämmerstunde ihre ganze suggestive Kraft doch erst durch das poetische Vermögen dessen, der ihr als blaue Stunde einen Namen zu geben weiß. Einen Namen, dessen vage Konturen Raum lassen für eigene Zusätze, für die unendliche Vielfalt möglicher Begegnungen.

Letzte Feuilleton-Beiträge