Fixpoetry

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Lesart
Hans Ehrenbaum-Degele* 1889† 1915

Der helle Klang der springenden Schrapnelle
Ist im Gewölk und Abendrot verweht.
Aufsteigt die Nacht wie eine graue Welle,
In der die laute Schlacht nun untergeht.

Nur selten ziehen noch in schrillen Strichen
Verirrte Kugeln her; man weiß nicht wie,
Als käm der Tod nun heimlich angeschlichen,
Der tags blutwild nach Hekatomben schrie.

Und was noch blieb, paar Dutzend Mann vielleicht,
Kriecht dicht an dicht, daß Herz am Herzschlag klopft
Und uns das bisschen Wärme alle tränkt.

Bis einer plötzlich still die Schläfe senkt
Und auf das Land, das weiß im Monde bleicht,
Sein rotes Leben schweigend niedertropft.

(1915)

Bejaht allen Zweifel bis er zerbricht

„Einmal sagte er zu mir: / »Ich muß früh sterben.« // Da weinten wir beide / Wie nach seinem Begräbnis.“ schrieb die Lasker-Schüler in einem Gedicht, das den Namen „Hans Ehrenbaum-Degele“ trägt und im Oktober 1915 in den von René Schickele herausgegebenen „Weißen Blättern“ erschien. Der Herausgeber hatte angefragt, ob sie nicht die Grabrede zu der Beerdigung des jungen Dichters halten wolle und sie schickte stattdessen das erwähnte Gedicht.

Die Lasker-Schüler hatte Hans Ehrenbaum-Degele (1889-1915) in der Villenkolonie Grunewald unweit Berlins kennengelernt, wo sie 1912 eine Zeit lang in einem winzigen Mansardenzimmerschlauch in der Humboldtstraße wohnte. Vom Bahnhof aus führte ihr Weg vorbei am Anwesen des Paares Ehrenbaum – Degele. Er, erfolgreicher jüdischer Bankier und Kunstsammler, sie, gelernte Konzert- und Opernsängerin. Gute Adressen für die Lasker-Schüler, die sich gerade von ihrem zweiten Mann, dem „Sturm“ Herausgeber Herwarth Walden, getrennt hatte und nun mit ihrem 13jährigen Sohn beinahe mittellos dastand.
„Meine Spelunke ist ein langer banger Sarg“ & „Immer muß ich weinen und bald bin ich gar nicht mehr fähig Gedichte zu schreiben“ schildert sie - wie um Hilfe rufend - ihre Situation in einem Brief – dem ersten –  an den Münchner Maler Franz Marc, der  unlängst einen Holzschnitt zu ihrem Gedicht „Versöhnung“ gemacht und im „Sturm“ veröffentlicht hatte, weil er die Gedichte der Lasker-Schüler sehr ungewöhnlich fand.

Sie durchstreift die geldstrotzende Gegend opiumberauscht und findet nur wenig Unterstützung, obgleich der Grunewald ein traditionell gutes Pflaster für Künstler auf der Suche nach Mäzenen ist. Seit Jahren überbieten sich die Villenbesitzer dort in künstlichem Kunstverstand und wettbewerben und eifersüchteln untereinander wegen mehr oder weniger gelungenen Engagements.
Die Ehrenbaum-Degeles unterstützen die Lasker-Schüler auf Bitten ihres Sohnes zunächst mit kleinem Geld (und später mit größerem). Sie lebt von Spenden und was sie an öffentlichen Stiftungen erhält, reicht nicht einmal für das Schulgeld des Sohnes für ein Quartal. „Wo der Prinz von Theben seine Lieder hinsendet, sind sie zu dichterisch. Wo der Prinz von Theben vorträgt kommt kaum die Reise heraus, wo der Prinz von Theben spielen will, mißlingt es ihm.“, klagt sie in einem Brief an Dehmel.

Der junge Hans Ehrenbaum-Degele wird ihr ein Freund. Man sitzt zusammen im Café Josty und redet über Gedichte (im Mai 1911 sind seine ersten Texte  im „Pan“ erschienen und der Expressionismus funkt aus allen Zeilen, Hans hat Kontakt mit dem Insel-Verlag und der dortige Lektor Anton Kippenberg lehrt ihn Distanz zu seinen Gedichten zu wahren). Im Café redet man und redet. Auch über Schauspiel und Kunst. „Wilhelm von Hutten“, wie sie Friedrich Wilhelm Plumpe, den langjährigen Studienfreund von Hans Ehrenbaum-Degele, der dabeisitzt, nennt, besucht die Theaterschule von Max Reinhardt und schwärmt von Erlebnissen am Deutschen Theater, wo er bisweilen kleinere Rollen spielt.

Hans ist ein fein erzogener und irgendwie immer trauriger Junge, der Gedichte schreibt und an Gedichte glaubt, und die Lasker-Schüler schlägt ihn bald zum Ritter der Traurigkeit. „Tristan“ nennt sie ihn und “meinen reinen Liebesfreund“. Dessen Studienfreund Friedrich ist schwul und Hans schwimmt, ist schwul und auch wieder nicht und letzten Endes doch. Die Lasker-Schüler liebt das, liebt Männer, die schwimmen oder homosexuelle Männer (im hohen Alter wird man sie für verwirrt halten, als sie einmal unvermittelt auffährt und losplappert: »Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, wäre ich homosexuell.«). Solche Männer kann sie lieben, gefahrlos und völlig aufgelöst.
Man lacht am Tisch im Café und amüsiert sich und ist trotzdem im Verborgenen traurig, ein jeder für sich. Da geht die Tür auf und Franz Marc betritt die Szene. Er ist aus München angereist, um die Lasker-Schüler zu retten.

Friedrich Wilhelm Plumpe hat seit 1909 zusammen mit Hans Ehrenbaum-Degele zunächst in Berlin, dann in Heidelberg Kunstgeschichte und Philosophie studiert. Als er eines Abends auf der traditionsreichen Heidelberger Studentenbühne spielt, ist Max Reinhardt zugegen und spricht den jungen Mann an – er suche noch genau solche Schüler. Hans und Friedrich reisen Reinhardt nach ins oberbayerische Murnau, um ein Gastspiel der Max Reinhardt Truppe anzuschaun. Plumpe ist hin und weg, ein rauschender Abend im Park in den Armen von Hans, und so nennt er sich fortan Murnau. Friedrich eilt gleich nach Berlin und will Schauspieler werden. Hans kommt ihm nach, im Sommersemester 1911 verläßt er Heidelberg und folgt seinem Freund.

Ob Ehrenbaum-Degele schwul war? Er und Murnau waren nachweislich Abonnenten der ersten Homosexuellen-Zeitschrift der Welt: „Der Eigene“. Die Zeitschrift erschien monatlich und brachte Gedichte, Prosa und männliche Aktfotos. Namhafte Schriftsteller veröffentlichten dort, u.a. auch Klaus und Thomas Mann, auch der Bohèmien und Anarchist Erich Mühsam, der mit dem selbsternannten Psychoanalytiker Johannes Nohl auf einer Reise nach Italien selbst einmal homoerotische Abenteuer einging. Der Eigene, das war der, der seinen Weg ging, angelehnt an Max Stirner. Der Eigene, das war der freie Mensch.

Die empfindsame Lasker-Schüler schrieb: “Er sang den Frauen Lieder /  In süßerlei Abendfarben.“ – aber das stimmt eigentlich gar nicht. Seit 1911 veröffentlichte Ehrenbaum-Degele Gedichte und manchmal gab es Frauen darin, aber sie stehen nirgends im Zentrum und in seinem eigenen Leben finden sie nicht statt. Es gibt überall nur Murnau. Ehrenbaum-Degele lebt über Jahre mit Murnau zusammen. Zuerst in Heidelberg, dann – zurückgekehrt nach Berlin – zusammen mit ihm im eigenen Elternhaus. Murnau gehört zur Familie. Er begleitet die Familie nach überallhin. Ist oft mehr Bruder als Geliebter. Das macht es einfach - und nicht schwierig. Später wird die Witwe Degele die Familienvilla an die Berliner Universität vermachen, unter der Auflage, daß Murnau ein Wohnrecht dort habe, solange er lebt (wovon er bis 1926 tatsächlich Gebrauch macht).

Nach diesem Winter 1912/13 mit der Lasker-Schüler und Murnau verläßt Ehrenbaum-Degele die Berliner Universität und tritt in Neuruppin ein einjähriges Freiwilligenjahr beim Militär an. In dieser Zeit wirkt er als Mitherausgeber der Zeitschrift „Das neue Pathos“ - „ein schlankerer, nichtsdestoweniger direkter Nachfahr des „Pan", in Großfolio auf holländischem Bütten wundervoll gedruckt in einer weichgerundeten Type von fester Ruhe und geschmückt mit meisterhaft reproduzierten Kunstblättern....“, wie Die Literatur seinerzeit befindet. Es ist zunächst ein gemeinsames Projekt mit Ludwig Meidner, Robert R. Schmidt und Paul Zech. Die Auflage, in einer Handpresse in der Schwabacher Fraktur gedruckt,  ist verschwindend gering (oft nur 100 Exemplare pro Ausgabe --- ein Original-Heft kostet heute mindestens 500 Euro das Stück), dennoch sind die Druckkosten exorbitant und der wohlhabende und kunstliebende Vater Ehrenbaum zahlt. Anfangs. Nicht lange, dann stellt man das regelmäßige Erscheinen ein und schafft es mit ein paar Sonderausgaben dennoch sich bis ins Jahr 1920 durchzuwursteln.

Während der Ausbildung zum Soldaten entstehen die ersten Sonette, die später im „Tausendjährigen Regiment“, das auf Betreiben von Murnau (als Nachlaßverwalter von Hans) bei Insel erscheint, aus dem Soldatenalltag erzählen. Das Leben beim Militär verändert ihn. Die überstandenen Entbehrungen, Verknieungen und gelungenen Behauptungen geben ihm eine Aura mit, die in der Welt der Bohème insgeheim verzaubert – im März 1914 besucht er die Lasker-Schüler, die hinschmilzt unter seiner Gegenwart, weich wird und – wieder mal -  liebend. Der arme Kerl kann nichts dafür, er ist nur nett und begehrt eigentlich nichts – aber sie liest das alles als Einladung endlich sein zu können, wie sie glaubt, daß sie eigentlich ist. „Ich kann überall besser sein bei ihm.“, schreibt sie. Und dabei ist gar nichts zwischen ihnen. Hans hat Urlaub und ist müde vom Reisen und sein Herz quält sich mit Murnau. Alles passiert nur in ihrem Kopf. Ihr Tristan ist ihr Ritter, sie webt ihn und spinnt ihn und nutzt die so gewonnene Figur, um an eine Liebe zu glauben, die jenseits des Animalischen eine reine ist.

Im April 1914 immatrikuliert sich Ehrenbaum-Degele in Rostock, doch schon vier Monate später zieht er freiwllig mit seinem Regiment in den großen Krieg, den alle euphorisch begrüßen. Auch Hans schreibt dumme Parolen in seine Briefe. Doch der Krieg selbst bekehrt ihn rasch. Im Juni 1915 ist er auf Heimaturlaub und sieht Murnau zum letzten Mal. Der schreibt über den Freund: „Aus einem durch Großstadt und Umgebung etwas pessimistisch verzerrten Jungen, wurde ein strahlend glücklicher wahrer Mensch, dessen innerster Glanz sich auch anderen mitteilte. – Er hat dieses Werden und Geworden-Sein wohl selbst gefühlt und es hat ihn, der sich kannte, beglückt. Als ich ihn das letzte Mal sah, […] fand ich ihn heiter, in sich selbst beruhend, gereift und gewandelt, wie ich es in so kurzer Zeit nicht für möglich gehalten hätte. Das hatte der Krieg an ihm getan….!“

Während des Heimaturlaubs überarbeitet Hans die Sonette, die er zuvor im einjährigen Dienst und nun im Krieg geschrieben hatte – „Das Tausendjährige Regiment“ entsteht. Es hat nichts zu tun mit einer Heroisierung des Sodatenlebens. Es hat jene Distanz, die Kippenberg von Ehrenbaum-Degele forderte und trotzdem ein warmes Da-Sein, das nicht zerfließt in unklares Gebell oder tränenreiche Schleier. Die Traurigkeit, die Murnau überwunden sah, ist nicht wirklich verschwunden, sie hat sich aber verwirklicht. Die Welt lebt diese Traurigkeit mit großer Gebärde, alles ist von Grund auf traurig, die Dinge geschehen wie ein grausamer Zauber und verzaubertes Grauen. Der Krieg macht die traurige Seele zur stimmigen Sache und bejaht allen Zweifel bis er zerbricht. Ehrenbaum-Degele hat Glück, spürt Glück, weil er täglich davonkommt. Minute für Minute ist das Leben ein Geschenk.

Lange konnte Ehrenbaum-Degele den neuen Hans nicht leben – am 28. Juli 1915 stirbt er bei einer russischen Gegenoffensive am Narew.

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