Fixpoetry

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Lesart
Hartwig Mauritz* 1964

draußen I

rostende landschaft, rotoren: ihre scharniere kreisen
in windmühlenparks, flügel, schwalben, und die luft
häuft nordlichter in falschen höhen. du schnippst

zwei, drei kippen beim gang durch die gräser, wirfst glut
ab und wie der wind die asche verteilt, denkst du
an gras, das deinen schritten folgt, ziehst an der kippe

schnippst aus dem rauch halm um halm dieses feld
langsam brennt dir die nacht aus der hand. dein brillenglas
dahinter ein kopf voll kindheit legt dir scheuklappen an

bleibt nur der rauch, kreisende scharniere, flügel
die deine asche verwehen, weiter wachsendes gras
das unter scheren bald fällt.

Verwirrung im Windmühlenpark

Ich schätze es, wenn mir bei der Lektüre eines Gedichtes der Boden unter den Füßen weggezogen wird, sowohl in grammatikalischer als auch in inhaltlicher Hinsicht, wenn mir dabei aber ein paar Orientierungspunkte angeboten werden, so dass ich meine Verwirrung verorten kann. Ich schätze es auch, wenn ein Gedicht nicht alles preisgibt, sondern ein paar Geheimnisse für sich behält. Einen solchen Erfahrungsraum bietet das Gedicht "draußen I" von Hartwig Mauritz.

Die Szenerie: im Norden, Windmühlenparks - vermutlich vertrautes Gelände, der Lyriker lebt in den Niederlanden. "rostende landschaft, rotoren" leitet Mauritz das Gedicht ein, er arbeitet gekonnt rhythmisch und mit dem Gleichklang. Rostend? Ich sehe Herbstfarben, flaches Land, der Begriff "Rost" deutet Vergänglichkeit an. Weiter lesend höre ich die "scharniere kreisen", ein bisschen kreischen, quietschen sie. Es folgt das Rotieren der Windmühlenflügel, der rasende, unberechenbare Flug von Schwalben. Hier ist die Luft frisch, kühl und bewegt, sie "häuft nordlichter in falschen höhen". Nordlicht oder Polarlicht entsteht hauptsächlich in polaren Gebieten, wenn elektrisch geladene Teilchen in etwa 100 km Höhe in der hohen Erdatmosphäre zum Leuchten angeregt werden. Wer hoch in die Luft aufragende Windmühlen, die - meist in Gruppen aufgestellt - zur Erzeugung von Energie dienen, nachts gesehen hat, weiß, dass an oberster Stelle ein Licht angebracht ist; es dient der Flugsicherung, also der Warnung. Da die an den Windmühlen angebrachten Lichter weit entfernt sind von der Höhe, in der echte Polarlichter leuchten, werden die Höhen, in denen sie zu sehen sind, vermutlich als "falsche" Höhen bezeichnet. Eine andere Erklärung für die "falschen höhen" wäre die, dass sich das Adjektiv "falsche" eigentlich auf die Nordlichter bezieht: falsche nordlichter. Das wäre dann das Stilmittel der Hypallage (Umstellung), mit der ein besonders außergewöhnlicher Eindruck betont werden kann. Im Mittelalter galten Polarlichter als Zeichen kommenden Unheils.

Nun wird ein lyrisches Du eingeführt: eine Person schreitet durch die Gräser, Zigaretten rauchend. Formal besonders gelungen ist der Strophensprung von der ersten zur zweiten Strophe: "du schnippst // zwei, drei kippen". Ich spüre die Bewegung der Zigarette in den Fingern, ein leichtes Zögern dabei, auch in den folgenden Worten "wirfst glut / ab und wie der wind die asche verteilt, denkst du /an gras, das deinen schritten folgt". In der Formulierung "wirfst glut" steckt ein Hauch von Aggressivität, von Wut. Allmählich schleicht sich auch eine gewisse Beunruhigung ein. Vom Wind verteilte Asche verheißt nichts Gutes (wir erinnern uns an die "rostende landschaft"). Und wieso denkt das lyrische Du an das Gras, "das deinen schritten folgt", über das sie oder er also eben gegangen ist? Fühlt sich das lyrische Du verfolgt? Ist sie oder er verabredet? Oder ist das "gras, das deinen schritten folgt" die Spur niedergetretener Halme? Ist das Gehen im Gras nichts Selbstverständliches? Nun, das lyrische Du zieht weiter an der Kippe, "schnippst aus dem rauch halm um halm dieses feld". Hier sabotiert Mauritz auf überzeugende Art gängige Satzerwartungen: Bilder überlagern sich: die Zigarette, der Rauch, die rostigen Halme, von denen jeder einzelne jetzt in Gefahr schwebt, und auch das Feld. Man kann sich zu dieser Zeile einen Ausschnitt aus einem Film über die Gefahren des Zigarettenrauchens in trockenen Herbstlandschaften denken: Gesamtblick auf das zerstörte Feld, auf einzelne verbrannte Halme, der Rauch, der aus der brennenden Zigarette strömt, und schließlich die Asche, die jemand achtlos wegschnippt. Nur eine Gedichtzeile lang. So schnell brennt ein Feld ab.

Brennt es wirklich? Der Höhepunkt des Gedichtes liegt in der Formulierung "langsam brennt dir die nacht aus der hand". In diesen Worten bleibt alles offen: ob das Feld oder ein Grasstück abbrennt, ob das lyrische Du im Feuer verbrennt, ob sie oder er in dieser Nacht aus welchen Gründen auch immer einfach nur eine Zigarette nach der anderen raucht oder ob der Satz symbolisch gemeint ist, also ob hier ein Stück Zeit im Sinn einer geplanten oder wenigstens akzeptierten Lebensführung entgleitet.

Dann wird es plötzlich sehr konkret und greifbar: Ein Brillenglas des lyrischen Du. Und es stellen sich wieder Fragen: warum nur eines? Die Zeiten, in denen man sich ein einziges, loses Brillenglas nur im Bedarfsfall vors Auge klemmte, sind doch längst vorbei. Ist das andere Brillenglas bereits aus der Fassung des Brillengestells heraus gefallen? Wer steckt hinter dem Brillenglas? "ein kopf voll kindheit legt dir scheuklappen an". Ein Jugendlicher, der eigentlich noch ein Kindskopf ist und seine Grenzen austestet? Oder ein Mensch, aus dessen Gehirn die meisten Erinnerungen entschwunden sind und nur noch die Kindheit geblieben ist: ein an Demenz Erkrankter? Ein geistig behinderter Mensch? Oder eine sonst eher unauffällige, an diesem Tag aber kindisch-übermütige Person mit einem Hang zur Sorgfaltspflichtverletzung?

"bleibt nur der rauch". Mauritz führt uns zurück zur kühlen Technik: "kreisende scharniere, flügel". Es sind "flügel, die deine asche verwehen". Handelt es sich bei der Asche um die Überreste des verbrannten lyrischen Du? Oder geht es nur um die von der Zigarette abgestreifte Asche? Beides ist möglich. In jedem Fall wächst Gras darüber: "weiter wachsendes gras". Das hat etwas Tröstliches. Kein Vorwurf. Auch wenn das Gras verbrannt sein sollte, wächst es nach. "gras das unter scheren bald fällt". Dem Prozess des Wachsens wird in naher Zukunft Einhalt geboten durch den Menschen, diesmal gezielt durch scharfe Schnitte. Die Verletzlichkeit der einzelnen Grashalme wird spürbar.

Der Titel "draußen I" klingt zunächst etwas allgemein. Doch schnell stellt sich der Gedanke ein, dass das draußen-sein an sich für das lyrische Du etwas Besonderes ist. Sie oder er verkriecht sich lieber ins Innere geschützter Räumlichkeiten. In diesem Gedicht versucht sich das lyrische Du draußen zu bewegen und scheitert. Der Titel "draußen I" suggeriert, dass ein Gedicht mit dem Titel "draußen II" folgen wird. Doch "draußen I" benötigt keine Fortsetzung. Es steht für sich.

Das Gedicht "draußen I" von Hartwig Mauritz ist eine großartige, sprachlich und strukturell sehr genau komponierte Arbeit, die dem Lesenden auf einem klar umrissenen Feld interessante Interpretationsspielräume öffnet.

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