Fixpoetry

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Lesart
Henri Cazalis* 1840† 1909

Hospital

 

Es litten die Kinder, weil sie jemand gebar,
und sterbende Frauen, weil sie das Leben geben.
Es heulten Männer aus einer verdammten Schar,
die Tod wollte und nicht mehr leben.

Es wand sich röchelnd wild ein Kind,
mit Schaum vorm Mund, ein Tier im Schrein,
und Greise schleppten sich, verbraucht und blind,
durchzitterten grau Kopf, Hand und Bein.

Ich verließ diesen Ort und wußte nicht weiter;
Ich bückte mich fort in mein krankes Gehirn,
ich sah und sah nichts, nur eine endlose Leiter,
in keinen Himmel gelehnt. Taub, meine Stirn

betastet den Frühling im Morgen. Im Licht
bleibt mein Blick im Irgendwo suchend,
taucht im Himmel, hadernd, hassend und fluchend:
Vergessen beschwebt alles, dies Elend nicht.

 

(ca. 1870. Nachdichtung Frank Milautzcki 2008)

Infektionsherde

 

Am Ende der Nacht steht einer im Frühling und plagt sich mit dem Elend anderer. Wie scharf das frühe Licht die Unschärfe zeichnet. Man ist leer und bereit für die Pakete, die der Tag bringt, eine seltsame Akustik legt sich um die Gedanken, die, wären sie Töne, leise und brummend in uns wabern, ganz anders als das Glockenspiel des Tags. Es ist die gute frische Luft, mit der man die Ereignisse der Nacht wegatmen will, es ist die Reinheit, die man nun fast willenlos herbeisehnt, während die nächtlichen Anstrengungen Schicht um Schicht ___STEADY_PAYWALL___Denkmale in den Kopf getürmt haben und unsere Ideen wie Betende davor knieen. Weg mit all dem, neu in den Tag. Aber es geht nicht.

Henri Cazalis ist von Haus aus Arzt und er beendet sein Gedicht mit einem Satz, der für die meisten gerade andersherum stimmt. Elend verschwindet in der Regel schnell und gründlich aus unseren Augen und aus unserem Sinn, es wird ausgelagert und wir überlassen es Spezialisten mit seinem Antlitz fertig zu werden. Cazalis ist einer der Lageristen. Im Hospital wechselt man die Wäsche, aber das Sterben bleibt. Zwischen zwei Schicksalen bleibt gerade noch Zeit Bett und Schrankutensil zu tauschen. Schließlich kann das Leiden weitergehen und Vergänglichkeit das einzig Unvergängliche sein. Schwer vorstellbar, welche hygienischen Verhältnisse zu Cazalis Zeit herrschten und wie der Klinikalltag anno 1870 ausgesehen haben mag. Unsichtbar in die Unausweichlichkeit eingemauerte, niederliegende Menschen, bleich und überwältigt von Reduktion, unter farblosen Laken wird offen gesiecht als wäre das Sterben ein Atmen. Wer anfängt zu bleiben, wird alles verlieren. Selbst neues Leben ist immer bedroht.

Heute geben wir unsere Kranken in eine technisierte, durchrationalisierte Gesundungsindustrie, geben ihre Körper in die Obhut machtvoller Apparate und Arzneien und bekommen die allermeisten, die zu Cazalis Zeiten noch sichere Todeskandidaten waren, geheilt zurück. Dennoch konzentrieren sich im Krankenhaus nach wie vor Eindrücke, denen wir im Alltag nicht ausgesetzt sind: das Kranke und Hilflose, das Elend und der Eiter, das Leiden, das ein inneres Eitern ist, und das Sterben. Aber auch das Gesunden, das Erneuern, das Überleben.

Cazalis hat am Ende einer Nacht fast ausschließlich Elend gesehen, wird immer zu den Betten gerufen, in denen gekämpft wird und am Ende gestorben. Jetzt am Morgen ist Zeit durchzuatmen. Die Eindrücke, die Dellen im Fett dieser Nacht, lassen Cazalis im Irgendwo nach einem Gegenmittel suchen, nach Ausdruck. In der Welt ist er ratlos verlassen und resigniert an der Ohnmacht.

Der Dichter Cazalis bekennt als Mensch betroffen und verwirrt zu sein, machtlos neben dieser endlosen Leiter aus Leid, Schmerz und Qual. Als Arzt darf er es nicht zeigen und muß lernen, es nicht mehr wahrzunehmen - wahr ist die Krankheit, nicht der einzelne Mensch.

Henri Cazalis, Freund Mallarmés, ist in Deutschland am ehesten bekannt durch eine Vertonung seines Gedichtes „Totentanz“ im Orchesterwerk „Danse macabre“ von Camille Saint-Saens. Hier zu erahnen ist eine vielleicht unfreiwillige Affinität für morbide und dem Tod verwandte Themen, die ihn vom Alltag her umfliegen. Er schrieb meist unter Pseudonymen, u.a. als Jean Lahor eine hindustanische Literaturgeschichte. Diese Zuneigung zum Orient machte ihn in Paris bekannt als „Hindou du Parnasse contemporain“. Er gehörte in eine Künstlerklique um Mallarmé, zusammen mit Emmanuel Des Essarts, Henri Regnault und dem Ägyptologen Eugène Lefébure. Sein Briefwechsel mit Mallarmé (120 Briefe alles in allem) ist heute Teil der berühmten Sammlung von Henri Mondor, den Mallarmés Biographen fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Cazalis' frühen Gedichte, um die es hier geht, erscheinen zwischen 1866 und 1871 in der Zeitschrift „Le Parnasse contemporain“. Und ja, war er auch ein Parnassien und stammte vom Berg der Musen, so kann man bei ihm vom paradigmatischen Schlagwort „Impassibilité“ nicht reden – Gefühllosigkeit war nicht sein Ding, sondern Empathie. Aus dem Erleben des Schmutzes und des Elends leitet er durchaus sozialreformerische Grundgedanken ab, auch für die Künste und die Schriftstellerei, die seien „wie das Licht, die Luft und das tägliche Brot, für das Volk genau so unentbehrlich wie für uns;  und in unserem eigenen Interesse, im Interesse dessen, was ich ästhetische Hygiene nennen könnte, dürfen wir das Volk nicht in seinen abscheulichen Häßlichkeiten lassen, an denen es Gefallen zu finden scheint, anstatt gegen sie zu revoltieren; diese um sich herum Gestank und ungesunde Atmosphäre verbreitenden Abscheulichkeiten sind so etwas wie ein Infektionsherd für Geschmack und Kunst.“ Ob dahinter die Bigotterie des Parnassiens steckt, oder echte Anteilnahme und Überzeugung?

Die Krankenhäuser jener Zeit, in der Cazalis sein Gedicht schrieb, waren tatsächlich eher ein Ort des Sterbens als der Gesundung. Das Fortschreiten der Medizin fand nur träge in die angestammten Häuser und die Alltagspraxis blieb traditionellen Konzepten und Methoden treu, die oft genug in der Tragödie mündeten. „Noch in den frühen 1870er Jahren erkrankten z.B. in der chirurgischen Klinik des Münchener Allgemeinen Krankenhauses 50% bis 80% der operierten Patienten an Pyämie und Hospitalbrand. [Der Münchener Chirurg, Anm. FM] Nußbaum operierte deshalb nach Möglichkeit nur noch außerhalb des Krankenhauses, beispielsweise in angemieteten Hotelzimmern. Erst ab 1875, nach einem Besuch bei Lister in Edinburgh, brachte das nunmehr eingeführte Listersche antiseptische Verfahren rasch Besserung.“ Studien zur Geschichte des Krankenhauswessen Bd. 38.

Wartesäle des Todes, in die sich nur bringen ließ, dem es unausweichlich wurde. Ohne das Wissen von Asepis und Antisepsis verschleppten sich Keime und diese überrannten die Wunden. Der Arzt obduzierte eben noch einen Tuberkulösen und setzte einen Raum weiter einen Luftröhrenschnitt. Das Kindbettfieber wütete, weil es von Hebammen und Ärzten auf die Gebärenden übertragen wurde. In manchen Hospitälern starben zwei Drittel aller Wöchnerinnen durch die iatrogene Infektion. Das Wasser war dreckig und nicht frei von Fäkalien und bakteriellen Erregern. Man sah die wirklichen Feinde schlicht nicht, weil die vorhandenen Mikroskope längst nicht leistungsstark genug waren für deren Mikrowelt. Also wurden die Helden zu Tätern. Cazalis Idee der ästhetischen Hygiene kam aus seinen Überzeugungen, die er im Hospital gewonnen hatte, weil sich ihre medizinische Notwendigkeit dort vehement zeigte. Hygiene war fortan sein Thema, sein Ideal, sein Heilmittel. Ihm war klar, es gab den Status der Sauberkeit, das war keine Behauptung von oben herab – es war eine wissenschaftliche Notwendigkeit, die sich im Überleben zeigte.

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