Fixpoetry

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Lesart
Inge Müller* 1925† 1966

 

Wer hat dem Fluss ein Bett gegraben
Was läßt ihm keine Ruh
Wer treibt ihn wo der Berg ihn deckt
Wieder dem Tal zu?
Wie er springt und wirbelt und sich windet
Endlich sich still im Meer versteckt
Bis ein Kind ihn in einer Pfütze findet
Und träumt: es hat den Strom entdeckt

Verschüttet Werden

Das Gedicht findet sich in einem Kapitel früher Texte im Sammelband „Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher“ 1996 herausgegeben von Ines Geipel. In diesen Sammelband hinein fand es als Ausgrabung: „[Frühe Texte] – Die Anordnung der Texte im Abschnitt 'Der Wind kommt wieder' geht zurück auf ein Manuskript, das Heiner Müller einem eigenen beigelegt hatte und das er unter dem Pseudonym 'Heiner Flynt' 1956 an die Literaturzeitschrift 'Akzente', Hanser Verlag, gesandt hatte. Diesem Manuskript waren die hier abgedruckten frühen Gedichte von Ingeborg Schwenkner beigelegt.“

Wer es nicht weiß: Ingeborg Schwenkner wurde geboren als Ingeborg Meyer, verheiratete sich zweimal, und hieß nach ihrer dritten Heirat mit Heiner Müller „Inge Müller“. Als ein zentrales Erlebnis ist festgehalten, daß sie gegen Kriegsende drei Tage verschüttet ist und ihre Eltern tot in den Ruinen birgt. Sie begann 1953 erste Gedichte und Prosa zu schreiben, lernte da auch schon HM kennen, als Paar verwirklichten sie etliche gemeinsame Theaterstücke. Am 1. Juni 1966 nahm sie sich das Leben. HM fand sie tot in der Küche auf dem Steinboden.

Zu ihren Lebzeiten erschien fast nichts von ihrer Lyrik. Erst 1966, in ihrem Todesjahr, gibt es Beiträge in Anthologien und posthum, zehn Jahre später, eine erste eigene Publikation: Das Poesiealbum 105 veröffentlichte 37 Gedichte. Inge Müller selbst wollte ihre Gedichte nicht veröffentlicht sehen, dafür fand Herausgeberin Ines Geipel eindeutige Hinweise im Nachlass. Also haben wir es hier mit einem wirklichen Frühwerk zu tun, das für die Autorin längst vergessen war, man spricht von einem naiven Ton. Es ist ein Gedicht, das eigentlich verschwunden war unter einem Berg Papieren.

Das Gedicht formuliert in einer Anhäufung von Fragen, die fast Kinderfragen sind, den Geist, der wissen will. Es eröffnet mit lauter Wörtern, die mit W beginnen, wo sich die Vokale hinter einem fast explosiven Konsonanten aufstossen, die Lippen springen auseinander, der Mund will in die Welt, das Loch wird zum Auslaß, aus dem es atmet und spricht. Wer weiß was? Und was man weiß, so ist es immer, steckt versteckt schon in der Frage, sonst würde man sie so nicht stellen. Wer hat dem Fluß ein Bett gegraben, ein Bett in dem er fließen kann. Das meint eigentlich: wer macht, daß Flüsse fließen; und Inge Müller beantwortet die Frage sogleich selbst, indem sie die zweite Frage stellt: Was läßt ihm keine Ruh. Es ist kein Wer, es ist ein Was. Es ist kein Gott, wie mancher die erste Frage gern beantwortet hätte, es ist etwas, das womöglich im Fluß selbst, oder in seinem Bett, oder in der Kombination dieser Dinge liegt. Ein Was, ein Zustand, ein Komplex, ein Weltsein. Etwas in der Welt Seiendes, das auch im Fluß ist. Es gibt niemanden, der gräbt, es gibt keine Naturgötter und Gottheiten, einer persönlichen Ansprache fähig, welche die Welt unterhöhlen und dem Fluß einen Weg unterm Berg ermöglichen. Die Frage ist billig, weil sie sich gleich drauf wieder selbst beantwortet: Wie er springt und wirbelt und sich windet. Stößt das jemand an? Wohl kaum, er wirbelt von selbst, er windet sich und springt doch, er fällt hernieder und schwillt an, er drückt, rauscht, knallt, höhlt, frißt, reißt, zieht, schleppt.

Es ist das Wasser selbst. Und es ist die Schwerkraft. Es ist das Wassersein, das das Wasser durch die Welt bringt. Es ist mit dem, wie es ist, ein Etwas, das in die Welt strömt und kann dabei Pfütze, Meer und Gletscher sein. Schafft man es über Normalnull, dann will es herunter, und wenn es dabei den Stein durchtröpfelt und seinen Kalk auslöst, Höhlen auswäscht unterm Berg. Die Schwerkraft will es am Boden, und die Sonne will es im Himmel, und so springt das Wasser zwischen den Sphären, beregnet die Erde, kühlt sie ab, macht sie sanft und fruchtbar, geil und ergiebig, flieht in die Luft und wäscht sie, die Watte der Wolken reinigt den Atem der Erde. Wie er springt und wirbelt und sich windet / Endlich sich still im Meer versteckt / Bis ein Kind ihn in einer Pfütze findet / Und träumt: es hat den Strom entdeckt.

Ihn in der Pfütze findet. Auch das ist keine Person, es ist der Fluß, das Fließen, das nur funktioniert, wenn etwas hart genug ist, sich nicht zu mischen, und leicht genug nicht liegen zu bleiben. Das Wunder des Wassers entdeckt das Kind in der Pfütze. Die Frage steht im Raum, und die Antwort ist da. Direkt vor den Füßen. Kann es so einfach sein? Ist das nur geträumt? Sind die Rätsel dieser Welt von mir als Mensch zu erkennen, im Dreck, im Abraum, in der Pfütze. Bin ich, Kind, fähig zu wissen, fähig intuitiv die Weiten zu durchmessen, die es gibt, mit einer poetischen Ahnung, mehr noch, einem poetischen Schlüssel. Braucht es nicht diesen Schlüssel, um etwas über die Welt überhaupt sagen zu können, weil in ihr auch das Einfachste noch komplex ist, hinterfragbar und ohne echten Vergleich. Der Strom, das rascheste aller Wasser, zeigt sich in der kleinen Lache. Die Verwandlung und das Fließen sind in der Welt, weil die Welt mit sich selber kämpft, sie glüht und ballt sich, sie überwirft sich und fällt auf ewig an der Sonne vorbei. Das geht nicht aufzuhalten, das ist ein großer starker  Dynamo, der davon lebt, alles an sich zu reißen, in sich hineinzurühren, und das Wasser schmiert auf ihm herum, wie eine Salbe. Das Kind erkennt es auf einem unverriebenen Fleck. Weil es ein Kind ist, dem eben noch das Wasser aus der hohlen Hand davonlief und weiß, es läßt sich nicht halten.

Wissen wird im Mensch stumpf. Inge Müller ist schon in diesen frühen Texten jemand, der freilässt, statt fängt. Gleichwohl hinterfragt Inge Müller diese Stumpfheit, hinterfragt am Ende vielleicht zu vieles, und findet sich, indem sie sich dem Akkordeonspiel überläßt. Alleine im Zimmer macht sich Musik. Sie schließt sich ein in die Einfachheit des Spiels. Simplifizierung sorgt für ein Öffnen der Fragen. Das Gedicht, heimlich geschrieben (sie ging damit nirgendwohin), ist ein Echo des ungesagten Satzes, der dort wiederkommt, wo sie im Wasser der Einsamkeit gefunden sein will.

Sie sucht nach der Brücke. Und sieht sich selbst übertreten. Nicht nach dem Gegenüber, sondern nach der Seite, nach neben der Brücke. Dort scheint ihr Platz und dort will sie aufgelesen werden, wie jemand der gestolpert oder abgerutscht ist. Unverschuldet. Immer wieder versucht sie den Tod, und will – so deutet es Heiner Müller in einem Gespräch mit Erich Fried über die Entstehung seiner Todesanzeige an, einem erschütternden Stück Prosa, in dem er das Auffinden ihrer Leiche beschreibt – gefunden werden. Vielleicht will sie immer wieder, aus der Verschüttung heraus, zurückkommen in eine heile, gesunde Welt und findet nur Tod. Aus heiterem Himmel. Von Bomben zertrümmert. Und muß verschüttet weiterleben. Hat „Schutt im Mund“ - so schildert sie es in einer handschriftlichen Version des Gedichtes „Unterm Schutt“ und in einer weiteren: „Unterm Gebell der Eisenrohre schlief ich / schon im Griff der Erde.“ Wie ein Kind fühlt sie sich zurück im Mutterleib, in einer nochmal anderen Version, und niemand kommt, sie zu gebären, keine Wehe treibt sie hinaus. Sie muß sich selbst retten.

Es gibt viele Versionen. Das heißt, es gelingt nicht und es hört nicht auf.

Schließlich findet sich beim weiteren Lesen des Bandes dieses frühe Gedicht:

Trümmer 45

Da fand ich mich
Und band mich in ein Tuch:
Ein Knochen für Mama
ein Knochen für Papa
Einen ins Buch.

Ein seltsames Lesezeichen.

 

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