Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Jan Skudlarek* 1986

ausgang, zurück

grauberliner fensternächte, spaziergänge
in fleischwarmer luft & sporadisch
                                                      auch landminen
im zinndunkel sie wachsen
              auf s-bahn-gleisen
                                      wie primeln & primzahlen, die
                                      es brüderlich zu teilen gilt.

schwer tragen wir an den macheten, mit denen sätze
                                          (ehemals endoparasiten)
zu verdaulichen happen gehackt werden
für so manches gegenüber
         & ab und zu bleibt wer zurück, ein sterbenswort;

unsere seufzer sind ruinen
                   in denen ein blindgewünschtes kind haust.

beim spazieren der sekundenschlaf;
                   er löst sich von den dächern
                   & die schuhe versinken bis zum hals
                                         in seinem schlick  –  zurück

in meiner wohnung liegen wir
                             aufeinander im kies
bett, geben uns straßennamen
                                                        beim vögeln.

aus: erloschene finger, parasitenpresse 2010

Exit und Vollzug

„Jan Skudlarek ist ein lyrisches Ausnahmetalent.“ bescheinigte Susanne Schulte Jan Skudlarek bei ihrer Laudatio zum GWK Förderpreis 2008. Und ähnlich bliesen auch andere ins Horn. „Jan Skudlarek zählt zu den erfolgreichsten jungen Dichtern“ konnte man in Westfalen heute lesen, und weitere Preisverleihungen folgten (Westfälischer Förderpreisträger beim Ernst Meister Preis für Lyrik 2011). Daß hier ein ganz normal talentierter junger Mann am Werk ist, den man in Ruhe seine eigene Sprache sich entwickeln lassen sollte, wird von der wenig fachkundigen Journaille nicht gesehen. Ihr geht es um markige Meldungen und den Preis dafür zahlt sie nicht selber. Es gibt Anzeichen, daß Jan Skudlarek ein guter Lyriker werden kann – die gibt es bei einigen dutzend anderen auch – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Von einem Ausnahmetalent kann nicht die Rede sein.

grauberliner fensternächte, spaziergänge
in fleischwarmer luft & sporadisch
                                                          auch landminen
im zinndunkel sie wachsen
                 auf s-bahn-gleisen
                                   wie primeln & primzahlen, die
                                   es brüderlich zu teilen gilt

also grauberlin (grauwien? münchenblau? frankfurtgrün?). Und zwar in einer Fensternacht. Eine Nacht, die zum Fenster wird, nein mehrere. Nächte, die an Fenstern vorbeiführen? Nächte, die Fenster in das graue Berlin aufstoßen – nämlich dann, wenn man spazierengeht (und zwar gleich mehrfach, vom Plural ist die Rede). Die Luft ist warm wie Fleisch, hat Körpertemperatur, also rund 36-37°. Das dann doch eher nicht. Aber Wärme gibt es – vielleicht weil man umschlungen geht – als Pärchen unterwegs ist. Oder doch fleischwarm wie ein Braten vom Metzger – direkt aus dem Kühlfach. Also unterkühlt und alleine? Ich entscheide mich fürs Pärchen.

Es geht also ein Paar nachts in Berlin spazieren und sporadisch begegnen ihm Landminen. Berlin kurz nach dem zweiten Weltkrieg? Um welche Art Minen geht es hier? Landminen sind runde Teller mit einem Zündkopf in der Mitte, und die wachsen auf den S-Bahn-Gleisen wie Primeln. Zinndunkel ist gut, das ist die Farbe, das verstehe ich.

Manchmal tauchen im Dunkel des Wegs auf den S-Bahn-Gleisen Gebilde auf, die wie Tellerminen aussehen. Irgendwelche Stellelemente, Abdeckbleche für irgendeine Mechanik,  Hydranten etc.  Das alles gibt es. Meint er das? Das wäre ein schlecht gewählter Vergleich. In der Regel sind die Sprengfallen auch vergraben und liegen unsichtbar im Weg. Sind das Gesprächsthemen, die auftauchen, während man des Wegs geht. Der Weg ist das Gespräch. Dort liegen Minen. Sie liegen und wachsen nicht. Aber da sie im Gespräch auftauchen, könnte man sagen, sie wachsen ins Gleis. Wie Primeln. Das sind Schlüsselblumen. Die schließen was auf? Die öffnen etwas? Eigentlich nicht – die Landminen sind wie Primeln? Mit Landminen sprengt man. Irgendwie ist das nicht sauber durchgespielt. Hier wird nicht sauber durchgespielt. Hier liegt Sprengkraft rum.

Und den Primeln, die eigentlich Landminen sind, gesellen sich dazu Primzahlen, die auch Landminen sind.  Primzahlen kann man nur durch eins oder sich selbst teilen.  Wen meint Skudlarek mit den Primzahlen? Man kann sich mit sich selbst teilen und man kann sich mit dem anderen teilen, wenn der die Nummer Eins darstellt  – mathematisch geht das. Brüderlich? Auch. Man kann sich mitteilen. Meint er Schlüssel-Sätze, Mitteilungen, die explodieren können? Aber ein Paar, das sich selber Landminen ins Gleis wachsen lässt, geht wohl nicht fleischwarm, also in enger Umarmung durch diese Nacht, die dann wohl auch eher Fenster zuschmeißt, als welche aufstößt. Ganz stimmt das Ganze nicht.

schwer tragen wir an den macheten, mit denen sätze
                                         (ehemals endoparasiten)
zu verdaulichen happen gehackt werden
für so manches gegenüber
            & ab und zu bleibt wer zurück, ein sterbenswort;

Jedenfalls hat das alles mit einem Dschungel zu tun – dem Großstadtdschungel oder dem eigenen-Hirn-Dschungel, denn man hat Macheten dabei. Aber ganz besondere Macheten, mit denen man Sätze zerhauen kann. Es sind also (innere?) Macheten, an denen die Spazierenden schwer tragen und mit denen sie dennoch erstaunlich filigran, schließlich wägend nach verdaulich und unverdaulich, hantieren – denn die Hiebe zerteilen gekonnt zu Happen, was vorher ein Wurm war, ein Endoparasit, ein Satz der sich im Inneren wie ein Schmarotzer von seinem Wirt ernährte. Offensichtlich wiegt das Befallensein weniger schwer als die Machete = das Denken, mit dem der Parasit zerteilt und mitgeteilt wird. Das verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Ich würde erwarten, daß Sätze, die in mir leben und mich innerlich aufzehren, eine schwere Last sind, von der ich froh bin, daß ich sie häppchenweise loswerde. Und nicht, daß das Denken, das die Happen mundgerecht zurechtstutzt, eine schwere Last darstellt. Da ist noch Kuddelmuddel.

Offensichtlich ist die ganze Situation reichlich verfahren. Man schleppt sich unter der Last des eigenen Denkens, serviert sich gegenseitig innere Wahrheiten wie Kekse und manchmal fällt ein Wort dabei, das besser nicht gesagt sein sollte. Der andere bleibt sprachlos stehen und fällt zurück. Es gibt also ein Sterbenswort. In der Fensternacht. Normal sagt man kein Sterbenswörtchen, will heißen: man sagt niemals nichts, bis hin zum bitteren Ende nicht. Hier wird es aber gesprochen. Es ist das Wort, das etwas abtötet, ein Ende herbeiführt. Der tödliche Satz, der eine Beziehung für immer und endgültig zerstört. Nachdem er gesprochen ist, geht es nicht mehr weiter. Sterbenswort. Das hat schon Pathos.

unsere seufzer sind ruinen
                  in denen ein blindgewünschtes kind haust.

Was ist das – ein blindgewünschtes Kind? Hat man ihm Blindheit gewünscht? Ist man blind in dem Wunsch nach einem Kind übereinander hergefallen und hat gerammelt bis zur Ohnmacht, obwohl man das - bei Tageslicht betrachtet – besser nicht getan hätte? Fest steht, es haust in Ruinen. Vielleicht kann man die Verse so übersetzen: das Seufzen ist wie ein Gebäude, das zerfällt und schon zerfallen ist und in ihm hört man das Kind, das in jedem von uns versteckt wohnt, schluchzen, das Kind, das am vielen Wünschen blind geworden ist, blind für die Wahrheit, blind für Anfang und Ende oder dafür, daß eigentlich alles da ist und man nur sich selber im Wege steht. So könnte es gemeint sein. Schade, daß die Seufzer selbst zur Ruine werden. Wenn selbst die Seufzer nicht mehr umfassend da sind, sondern zerfallen unter der Gegenwart verblendeter Ichs, dann ist auch kein Verlass mehr, dann ist alles nur noch ein träger Haufen Scheiße, mit dem niemand mehr etwas anfangen kann.

beim spazieren der sekundenschlaf;
                     er löst sich von den dächern
                     & die schuhe versinken bis zum hals
                                           in seinem schlick – zurück

Der Sekundenschlaf kommt abrupt. Er ist das Resultat von monotoner Arbeit, behaglicher Bequemlichkeit und/oder zurückgefahrener Gehirnaktivität. Ein Spaziergang ist immer anregend und das Gegenmittel der Wahl gegen jeden drohenden Sekundenschlaf. LKW-Fahrer sollten stoppen, die Fahrerkabine verlassen und ein paar Schritte gehen, wenn sie merken, daß sie der Müdigkeitsattacken nicht mehr Herr werden. Ich persönlich glaube nicht, daß beim Spazierengehen ein Sekundenschlaf denkbar ist, aber ausschließen kann man das natürlich nicht. Was dennoch passieren kann ist, daß sich Sekunden urplötzlich verlangsamen, daß ihr Tropfen zäh wird und man sich in einer dicken Soße aus Zeit wiederfindet, während man gen Himmel schaut, auf Dächer hin meinetwegen und spürt, wie man einsinkt in einen Morast falsch gelebter Gedanken.

Es könnte gut sein, daß Jan Skudlarek genau das meint. Richtig gut hinschreiben tut er es nicht. Das Wort Sekundenschlaf darf bedeuten, daß die Sekunden schlafen, und das Gedicht kann beschreiben, wie dieser Schlaf heruntersickert, die Fußsohlen umfließt , das Schuhleder zu Blei und Eisen macht, während der Kopf sich in die Luft hängt, wo die Dächer sind, aber er tut es nicht gut, sondern eher unbeholfen. Klar wird es nicht, was dort passiert. Die Sekunden beginnen zu schlafen? Der Schlaf, der in Sekunden kommt? Hat das eine oder andere überhaupt Zeit um zu sedimentieren? Schlick zu werden. Daß die Schuhe bis zum Hals darin versinken! Das ist ein gutes Bild. Man kann das so denken: wir laufen in Schuhen durch die Welt, die mehr sind als das, was den Fuß kleidet. Unser Leben selbst ist ein Schuh, den wir uns anziehn. Und wenn der beim Spazierengehen plötzlich im Schlick des Sekundenschlafs stecken bleibt und versinkt, dann ist was? Was fühlt man da? Was passiert da mit einem? Was passiert mit dem Schuh? Was passiert mit den Sekunden? Welche Farbe hat das und welche Temperatur? Gefriert das Gesicht?

Aber zurück.
Das „zurück“ übrigens gehört dort nicht hin, sondern schon zur nächsten Strophe, also so:

zurück

in meiner wohnung liegen wir
                                aufeinander im kies
bett, geben uns straßennamen
                                             beim vögeln.

ein ziemlicher Sprung, und genau ihn kürzt Skudlarek ein, indem er das „zurück“, das eigentlich und zwingend zum ersten Vers der letzten Strophe gehört als Brücke in die vorangegangene Strophe setzt. Vom Ausflug zurück. Vom Ausgang, wie er das im Titel nennt. Ausgang haben als Vollzugslockerung Strafgefangene. Ausgang ist auch das Ende. Exit.

Der Spaziergang ist tüchtig mißlungen, Landminen wurden ausgemacht, Sterbensworte gesprochen, die Zeit ist eingeschlafen. Zurück in der Wohnung kann man vielleicht das eine oder andere zurücksetzen. Reset-Taste. Vielleicht mit Sex. Versöhnungssex ist immer gut. Es gab einen mißlungenen Spaziergang und das ganze Gerede hat zu nichts geführt. Man ist vollkommen aus der Bahn geraten. Man hat das Kiesbett und den guten Fluß verlassen. Aber jetzt, zurück und nebeneinander auf dem Bett, da gehört man wieder zur gleichen Bodenfracht, die der Fluß des Lebens da hin gespült hat, vor allem wenn die eine Sprache, die endoparasitische, ersetzt wird durch die andere, die tierische (was das Vögeln meint), die doch sehr viel mehr als tierisch ist, nämlich ein Navigator, den man mit Straßennamen füttert. Ein Routenplaner auf dem stairway to heaven oder so ähnlich.

Jan Skludlarek hat Talent, aber er ist ganz gewiß kein Ausnahmetalent, wie man das gleich mehrfach lesen konnte. Man tut ihm keinen Gefallen, wenn man ihn hyped. Ich habe Sätze von ihm gelesen, die gute Klasse haben, aber in vielen seiner Gedichte ist meines Erachtens noch viel zu tun.

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