Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Johannes Bobrowski * 1917† 1965

Die junge Marfa

In der gelben Glut der Schlangennester
ruhend, Marfa, hinterm Schlummerkraut, -
eine Wolke, müdgewehte Schwester,
taumelt fort, es rührt ihr Wind die Haut.
 
In der Hüfte noch, im Schoße, Nächte
hütet sie im Schatten einer Hand,
singt das Alte: wie die Mondenflechte
überwuchs den Himmel und das Land.
 
Ganz im Dunkel fällt sie bei den Steinen
die benarbten Hügelpfade ab.
Wann denn kommst du, Eignes zu beweinen,
Windbruch zu verstreun um Marfas Grab?

Windbruch um den Monolithen

Woher kommt dieses Gedicht? Wohin strebt es? Wen will es erreichen und an welcher verborgenen Stelle?
Alles bis auf den stabilen Kreuzreim ist rätselhaft an ihm. Will es überhaupt entziffert werden, oder kommt es als Unerklärliches zur Welt, als vollkommenes Geheimnis des Lyrischen, das sich seinen Auslegungen stets aufs Neue entwindet?

Die junge Marfa  weht uns an und zieht uns hinab in die tieferen Schichten unseres Selbst, jene Sphäre, in der Frage und Antwort sich hellsichtig und ausweglos ineinander verstricken.
Gefahr lauert an jenem märchenhaften Ort, an dem Marfa in der gelben Glut der Schlangennester ruht;  zugleich erscheint sie jedoch als deren Hüterin, als Teil der unberechenbaren Natur, die den Menschen verlockt und ihn das Fürchten lehrt.

An Marfas Grab verdichtet sich die widersprüchliche Stellung des Menschen auf der Erde als natürliches und rationales Wesen, als Zerrissener zwischen zwei disparaten Seinsformen. Hier steht die Zeit still. In Marfa, dem Urbild der Frau, deutet sich die Versöhnung der Gegensätze an, zu der es aber wahrscheinlich niemals kommen wird.
   
Was bleibt also zu tun?
Windbruch verstreun lautet Bobrowskis Antwort.
Die hohe Suggestionskraft dieses Wortbildes, die Unauslotbarkeit seiner Bedeutungsnuancen, wirkt auf Ebenen, die dem wachen Selbst weitgehend unzugänglich sind.
     
Ebenso wie seine Marfa  kommt auch Johannes Bobrowski (1917-1965) von weit her. Sarmatien ist der klangvolle Name jenes Landstrichs östlich der Weichsel, in dem einmal deutsch gesprochen wurde und dem Bobrowski in seinem schmalen Werk ein bleibendes Denkmal gesetzt hat.

Geboren wurde er in Tilsit, 1938 siedelte er mit seinen Eltern nach Berlin Friedrichshagen über, wohin er nach Krieg und sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1949 mit seiner Frau zurückgekehrte. Seine Heimat hat er bis zu seinem Tode niemals wieder gesehen; stattdessen erweckt er sie in seiner Lyrik zu neuem, symbolischem  Leben.

Seine Stellung im Staat nicht unproblematisch. Zwar gehört er nicht zu den regelrecht Geächteten oder Verfolgten des Regimes, im offiziellen Panorama der DDR Literatur, die in jenen Jahren mit dem so genannten Bitterfelder Weg die Leitlinien sozialistischer Kulturpolitik neu definiert, findet sich jedoch definitiv kein Platz für seine Poetik der Sprachmagie. Bobrowski ist, schon aufgrund seines unbeugsamen Christentums, kein Mann, den der Staat jemals für seine Zwecke hätte vereinnahmen können. Sein unverwechselbarer Blick auf die verlorene Welt seiner Herkunft steht quer zu allem, was sowohl in Ost – als auch in Westdeutschland in jenen Jahren literarisch propagiert wird.

Im Jahre 1961 erscheint sein erster Gedichtband Sarmatische Zeit,  zunächst  in der westdeutschen DVA, wenige Monate später im der ostdeutschen CDU nahe stehenden Unionsverlag Berlin, bei dem er seit 1959 als Lektor arbeitet.  Um Johannes Bobrowski bildet sich in jenen Jahren eine kleine Gruppe ost- und westdeutscher Schriftsteller und Künstler, die sich regelmäßig in seinem  Haus in der Ahornallee in Friedrichshagen treffen und zu denen unter anderem Uwe Johnson und Ingeborg Bachmann gehören. Der Bobrowski Kreis - eine  Ausnahmeerscheinung in der Zeit unmittelbar nach dem Mauerbau, in der innerdeutsche Kontakte von der DDR Führung scharf bekämpft wurden.

1965 stirbt Bobrowski, 48jährig, überraschend an einem Blindarmdurchbruch. Zu keinem Zeitpunkt hat der eigenwillige Dichter  Mehrheiten auf sich vereinigen können. Sowohl diesseits als auch jenseits des Eisernen Vorhangs ist er im literarischen Panorama seiner Zeit eine monolithische  Erscheinung, niemals ganz fassbar, seine Leser mit Versen beschenkend, die noch fortwirken, wenn ihre Herkunft längst vergessen ist.

Letzte Feuilleton-Beiträge