Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Johannes Bobrowski * 1917† 1965

Kaunas 1941

Stadt,
über dem Strom ein Gezweig,
kupferfarben, wie Festgerät. Aus der Tiefe die Ufer
rufen. Das hüftkranke Mädchen
trat vor die Dämmerung damals,
sein Rock aus dunkelstem Rot.
 
Und ich erkenne die Stufen,
den Hang, dieses Haus. Da ist kein
Feuer. Unter dem Dach
lebt die Jüdin, lebt in der Juden Verstummen,
flüsternd, ein weißes Wasser
der Töchter Gesicht. Am Tor
lärmen die Mörder vorüber. Weich
gehn wir, im Moderduft, in der Wölfe Spur.
 
Abends sahn wir hinaus
auf ein steinernes Tal. Der Habicht schwebte
um die breite Kuppel.
Sahen die Stadt, alt, Häusergewirr hinunter
bis an den Strom.
 
Wirst du über den Hügel
gehn? Die grauen Züge
– Greise und manchmal die Knaben –
sterben dort. Sie gehn
über den Hang, vor den jachernden Wölfen her.
 
Sah ich dich nicht mehr an,
Bruder? An blutiger Wand
schlug uns Schlaf. So sind wir
weitergegangen, um alles
blind. Im Eichwald draußen
mit der Zigeuner Blick die Dörfer, hinauf um die Firste
des Sommers Schnee.
 
Tief im Regengesträuch
werd ich treten an den Uferstein,
lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben
stromhinauf und die Nacht
grün, die Waldtaube rief:
Mein Dunkel ist schon gekommen.

Johannes Bobrowski: Die Gedichte. Gesammelte Werke (Hrsg.: Eberhard Haufe), Bd. 1, Stuttgart 1998, S. 60

1941

 

Johannes Bobrowski wurde 1917 in Tilsit geboren. 1928 zog die Familie nach Königsberg, wo er von 1928 bis zum Abitur 1937 das humanistische Gymnasium Altstadt/Kneiphof besuchte. 1934 trat er der Bekennenden Kirche bei. Vom Beginn des II. Weltkrieges 1939 bis zum Ende 1945 war er in einem Nachrichtenregiment Soldat in Polen, Frankreich (1940/41) und in der Sowjetunion (1941). Im Wintersemester 1941/42 studierte er in Berlin Kunstgeschichte. Einen Beitritt zur NSDAP lehnte er ab. ___STEADY_PAYWALL___Vom 8. Mai 1945 bis Dezember 1949 befand er sich in Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion. Er arbeitete im Literatursektor der DDR und veröffentlichte Prosa und Lyrik in Ost– und Westdeutschland. 1962 erhielt er den Preis der Gruppe 47. Johannes Bobrowski verstarb 1965 in Ostberlin.

Offenbar hat Johannes Bobrowski das Wüten der Einsatztruppen im Osten erlebt. Seine Erkenntnis ist klar: Es handelt sich um „jachernde Wölfe,“ es handelt sich um Mörder. Ebenso klar ist benannt, wer die Opfer sind: Zuerst stellvertretend „die Jüdin […] in der Juden Verstummen“, dann als Gruppe „Die grauen Züge / Greise und manchmal die Knaben“, die hinter dem Hügel erschossen werden. Was allen folgenden Generationen fortwährend mitgegeben ist, Johannes Bobrowski erfuhr und benannte es: „Mein Dunkel ist schon gekommen“.

Letzte Feuilleton-Beiträge