Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Jürgen Becker* 1932

Zwischendurch im Erzgebirge

Still sitzen und sehen, wie unten der Nachmittag
die Dämmerung erwartet, wie Scharfschützen hinter
einem Mauerrest verschwinden und Kinder
einem weißen gepanzerten Fahrzeug nachlaufen, wie
eine Hügellinie, die eine Grenzlinie ist, das Nichts
des Schnees vom Nichts des Himmels trennt, und
entlang der Grenze, die eine diesseits, die andere
jenseits, fliegen die beiden einzigen Krähen, die
es in dieser baumlosen Landschaft gibt, wie
das changierende Muster eines Ölteppichs entsteht
mit dunkler werdenden Rändern, wie auf der Wiese
ein Baumstumpf die Form eines Körpers annimmt mit
abgeschlagenen Armen und Beinen, wie unterm Kirschbaum
sich die Avantgarde zeigt, mit spitzen, grünen Lanzen,
die später, in den nächsten Tagen, die Konvention
der Schneeglöckchen annimmt, wie in dunklen Fenstern
Bildschirme aufleuchten und auf jedem Bildschirm
zuerst eine Schrift und dann das Gesicht einer Frau
erscheint, die lautlos die Lippen bewegt.

Jürgen Becker: Foxtrott im Erfurter Stadion. Gedichte. Frankfurt am Main, 1995

1993

 

Jürgen Becker ist 1932 in Köln geboren, 1939 Umzug nach Erfurt, 1947 nach West–Deutschland, 1950 nach Köln. Nach dem Abitur 1953 studierte er kurzzeitig (1954) Germanistik. Darauf war er beim Westdeutschen Rundfunk und als Lektor bei Rowohlt tätig. Seit 1968 ist er freier Schriftsteller, 1973 war er Leiter des Suhrkamp-Theaterverlags, von 1974 bis 1993 Leiter der Hörspielabteilung im Deutschlandfunk. Jürgen Becker hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2014 den Georg Büchner–Preis.

Jürgen Becker erzählt: Er sitzt und sieht, wie… Ein kurzer elliptischer Hauptsatz (ohne Subjekt und flektierte Verben), gefolgt von sieben modalen Nebensätzen hat narrativen Charakter. Die Prosa soll durch den vom Satzspiegel vorgegebenen Zeilenumbruch zu einem Gedicht mutieren. Es fehlen alle Eigenschaften der Form Gedicht. Die Überlagerung oder besser Aneinanderreihung von Erinnerungsbild („Scharfschützen, gepanzertes Fahrzeug“), Angabe des Ortes („Grenzlinie, baumlose Landschaft“) und der Jahreszeit („Schnee“), metaphorischen Assoziationen („Muster eines Ölteppichs, Baumstumpf“ als Form eines Körpers), Erwähnung der Flora und Fauna („Krähen“, hervortreibende „Schneeglöckchen“) und Verweis auf die umgebende Stadtgesellschaft leuchtende („Bildschirme, Gesicht einer Frau“) haben mit ihrer Metaphorik lyrische Qualität, könnten aber auch in einem als Prosa definierten Text stehen.

Der Text zeigt, dass mit dem Erinnerungsbild („Scharfschützen, gepanzertes Fahrzeug“) der während der Kriegszeit in Erfurt lebende Jürgen Becker die destruktive historische Periode nicht verdrängt hat, aber auch in keiner Weise bewertet. Er fasst in seinem Text die Faktizität der Wahrnehmung, zu der immer auch grundierende Elemente aus dem individuellen Erinnerungsspeicher gehören.1

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