Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Julietta Fix* 1957

Unter uns

Unter uns ist das Leben.
Das Klirren der Gläser,
das Klappern der Teller,
ein Lachen, ein komisches
Meckern, Streit, das Stampfen
von Füßen, Furzen und
quälendes Stöhnen, ein Lied,
ein laufender Wasserhahn,
der Duft von Kaffee durch
die Ritzen, röchelnder Husten,
gellendes Schreien, Musik,
Stimmengewirr, das Schweigen
der Nacht, ein Rascheln und
Zurren, Türen, die schlagen,
ein Rennen und Fallen, ein
pfeifender Kessel, das Klingen
der Glocke, ein piepender
Vogel. Wir liegen mit dem
Ohr auf dem Boden und leben
mit.

 

 

Veröffentlicht in Wortschau Vorhang auf, gemeinsam mit Romanfragmenten.

2020

 

Julietta Fix ist 1957 in Würzburg geboren. Nach einer Ausbildung zur EDV-Kauffrau arbeitetete sie als Produktmanagerin bis 2007 in der Wirtschaft. Sie lebt in Hamburg, wo sie seit 2007 das Online Magazin www.fixpoetry.com unterhält, das vor allem der jungen Lyrik ein Forum bietet. Neben Beiträgen für Zeitschriften und Anthologien hat sie 2007 und 2009 zwei Lyrikbände veröffentlicht.

Julietta Fix benennt abgesehen von einem Duft (Kaffee) die ganz alltäglichen Laute ganz alltäglicher menschlicher Lebensäußerungen. Darunter auch wahrheitsgetreu solcher körperlicher Vorgänge, die wir wohl eher nicht hören möchten. Von der Benennung ist erkenntlich, dass es sich um menschliches Leben in der Neuzeit handelt: Wasserhahn, Kaffee. Was verstörend auffällt und aufhorchen lässt, ist der Eingangsvers und sind die drei letzten Zeilen: Unter uns ist das Leben.
Und: […] Wir liegen mit dem / Ohr auf dem Boden und leben / mit.

Man könnte an den Film „Das Leben der anderen“ denken, in dem StaSi-Agenten auf einem Dachboden sitzen und über die in einer Wohnung unter ihnen installierte hardware das Leben eines Paares ausspionieren. Andere denken vielleicht an Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“, die beschreibt, wie sich der Erzähler und Bewohner einer Burg auf „das fremde Tier, das in der Ferne seinen Weg zieht“ lauscht, das ihn mit seinen Geräuschen in Verwirrung stürzt.1 Beide genannten Kunstwerke weisen eine Ähnlichkeit zu dem Gedicht auf: Die in ihnen vorherrschende Stimmung ist die einer existentiellen Gefährdung und damit Angst.

Bei zwei Gelegenheiten in meinem Leben traf mich unvorhergesehen und unmittelbar ein ungeheuerlicher Satz, wie ein Blitzschlag. Einmal in Frankfurt am Main vor der Bockenheimer Warte, wo ich auf die Betreuerin der Judaica-Sammlung in der nahegelegenen Universitätsbibliothek traf, die ich durch meinen wiederholten Besuch des speziellen Lesesaals kennen gelernt hatte. Das kurze Gespräch kam auf Israel und die Idee, dort zu arbeiten. Im Verlaufe sagte die Bibliothekarin: „Meine Großeltern sind in Auschwitz ermordet worden.“ Was soll man auf diese Mitteilung sagen? Vielleicht: „Es tut mir leid?“ Es tut mir leid, ja, aber die Formel kommt mir inkommensurabel und falsch vor, denn man gerät unmittelbar in einen sehr nahen Zusammenhang mit dem Holocaust und da ist ein alltäglicher Ausdruck des Bedauerns einfach zu klein, ja nichtig. Es gibt keine Worte, das Ungeheuerliche kommunikativ zu fassen, weshalb sich eine plötzliche Unfähigkeit ergibt, den angemessenen Ausdruck des Mitleidens zu finden. Heute bin ich selbst Großvater und hörte vor Kurzem ein zweites Mal unerwartet den Satz eines anderen Menschen: „Meine Großeltern sind im Konzentrationslager ermordet worden.“ Die Folgen des Holocausts sind gegenwärtig.

Wir in Deutschland Geborenen stehen alle im historischen Kontinuum dessen, was als Zivilisationsbruch verstanden wird. Wenn die Zivilisation geprägt von den Größen des Geistes der Vergangenheit zerbricht, dann endet die Wirkung der abendländischen jüdisch-christlichen Werte, die das Erbe der Antike enthalten und Barbarei bricht sich Bahn. Der militärisch von den Alliierten überwundene Bruch kann nicht einfach vernarben: Er muss aufgehoben werden, das heißt hegelianisch einerseits in allen Einzelheiten so gut es geht bewahrt und gleichzeitig mittels der Wiederherstellung und Entfaltung der zerbrochenen Geltung der humanistischen Werte überwunden werden. Das Perfide des in den Wahn ver-rückten Naziregimes war, Angehörigen als divers definierter Minoritäten den Charakter von Menschen zu entziehen. Mit diesem ungeheuerlichen und unvorstellbaren Schritt wurde alles möglich bis hin zur Elimination der Opfer in quasi industrieller Weise. Über die Bedingungen, wie ein ganzes Volk diesen Prozess mitvollzog, ist viel nachgedacht worden, wirklich zu verstehen, fällt mir bis heute schwer. Es ist aber unbestreitbar, dass Menschen in großer Zahl für Hasslehren empfänglich sein können, wie sich u.a. im Wüten der Roten Khmer, der serbischen Soldateska in Srebrenica, des IS im Irak und Syrien, an Pogromen in Ruanda, Myanmar und im China der Großen Proletarischen Kulturrevolution gezeigt hat.

Julietta Fix hat in ihrem Gedicht die Situation von Anne Frank und einer zahlenmäßig geringen Gruppe von anders als Anne Frank in Verstecken Überlebenden des Naziregimes aufgehoben, die zu den als divers Definierten zählten und denen die Mächtigen damit das Recht auf Leben abgesprochen hatten. Auch sie hörten in ihren Verstecken die Lebensäußerungen der Ungefährdeten.

Jeder Mensch, der das Gedicht liest, möge sich fragen, wie seine Familie in den Zivilisationsbruch eingebunden war. Dabei geht es heute nicht um die Frage der Schuld, denn es werden Nachgeborene sein, die das Gedicht lesen, sondern um die Präzision der Erinnerung in möglichst scharf umrissenen Einzelheiten und einer ebenso genauen Ausrichtung auf die humanen Werte, die wieder die Grundlage einer freien und menschlich lebenden Gesellschaft sind. Wenn jeder einzelne sich darum bemüht, kann jeder einzelne nachfühlen, was die Menschen (wie die Familien Frank, Degen, Senger u. a.) in unterschiedlichen Verstecken gefühlt haben mögen und ist gefeit gegen die unsäglichen, pathologischen Versuche, den Zivilisationsbruch zu relativieren.

  • 1. Max Brod (Hrsg.:) Franz Kafka: Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlaß, Frankfurt 1986, S. 132 ff.

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