Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Karl Mickel* 1935† 2000

Tereszin mit Reisegruppe

Jetzt, meine Damen und Herrn, sagte Bohumil
Taks, der Reisebegleiter
Nähern wir uns Tereszin, auf deutsch
Theresienstadt Maidanek Auschwitz, vielleicht
Haben Sie davon gehört

Grab an Grab und Gräber hinter Gräbern
Fußschmal die Wege, Gullies in den Wegen
Unter Rosten Schlieren Licht auf schwarzem
Wasser: in Höhe der Toten

 

Karl Mickel: Eisenzeit. Gedichte. Berlin [1976].

1972

Karl Mickel wird zur sächsischen Dichterschule gerechnet, er wurde 1935 in Dresden geboren und verstarb 2000. Karl Mickel studierte Wirtschaftsgeschichte und war zwei Jahre als Wirtschaftsredakteur und zwei Jahre als Kunstredakteur tätig. Helene Weigel engagierte ihn für das Berliner Ensemble, an dem er bis zur Abberufung von Ruth Berghaus tätig war. Danach war er Dozent an der Schauspielschule „Ernst Busch“, seit 1992 als Professor. Er arbeitete u. a. an den Staatsopern Berlin und Wien, an der Freien Volksbühne Berlin und am Thalia–Theater in Hamburg. Karl Mickel schrieb Gedichte, Stücke, Prosa, Libretti, Aufsätze und Studien zur Geschichte der deutschen Dichtung. Er war Mitglied zweier Akademien und erhielt bedeutende Preise.

Der Theatermann Karl Mickel ist zu spüren: Er fasst eine kleine Szene in ein Gedicht, der Reiseleiter spricht, die Reisegruppe steht vor ihm. Ist es tatsächlich nötig, die Frage nach den Unorten, die ganz reale Orte des Schreckens sind, zu stellen? Offenbar verhält es sich so, was hieße, dass bereits Amnesie einsetzte. Das lyrische Ich jedenfalls erschrickt vor diesem Ort des Todes. Die zweite Strophe vermag den Schrecken in einer verbalen Reihung zu fassen: „Grab, Grab, Gräber, Gräber, schwarz, Tote“.

Letzte Feuilleton-Beiträge