Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Kerstin Becker* 1969

Netz

der stille Uwe Merte gibt von seinen beiden
eibelegten Pausenschnitten manchmal ab
ich lieb ihn dann

die Mutter lebt ums Seelenheil besorgt mit ihm
eine Eisenbahnerin in Blau und nah
am Wasser gebaut

auch Uwe Merte geht zur Bahn aus Tradition
die Deutsche Reichsbahn heißt obwohl
doch Sozialismus herrscht

ihn sucht eine Erkrankung nach
der ihm schleierhaften Wende heim
er angelt fortan gern allein

seine letzte Nachricht:
ein toter Fisch auf einem Stein
im Netz

Erschienen als Text des Tages bei Fixpoetry am 24.09.2016

2016

Kerstin Becker ist 1969 in der DDR geboren und in Moosheim und Hainichen aufgewachsen. Sie war u.a. Schriftsetzerin, Friedhofsgärtnerin, Reisende und lebt seit 2001 als Freie Autorin in Dresden. Kerstin Becker erhielt einige Preise für ihre Lyrik. Gedichte von Kerstin Becker wurden ins Tschechische, Arabische, Serbische, Ungarische und Mazedonische übersetzt.1

Unspektakulär erzählt Kerstin Becker vom Unglück eines Jungen aus ihrer Kindheit. Eine offenbar schwere mit dem Bibelwort Heimsuchung verbundene Krankheit führte ihn in die Einsamkeit und bald in den Tod, der mit dem Bild des toten Fisches im Netz des Anglers angezeigt wird. Große Geschichte (die Wende), die untergegangene DDR (Deutsche Reichsbahn, Sozialismus, die alleinerziehende Eisenbahnerin) wird mit der katastrophalen Geschichte eines Individuums verknüpft.

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