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Khun S’ra Prasôt

Siamesische Nacht

Die Wellen des Menam, darin Strähnen aus Stahl,
wie frisch gegossen aus weiten Feuertoren,
zerlaufen im Schilficht, wo der schlanke Gavial
und Echsen Sternen nachstarren, traumverloren.

Vier Priester aus der Pagode dort schleichen
nachts zu den Tempeln, um in dieser Stunde
den Krallen und Schnäbeln der Geier zu reichen
menschliche Leichen wie tote Hunde.

Im Dschungel indessen dehnt sich der Panther,
schwarz durchtaucht er die Nacht ungesehn,
nach Beute hin, lechzend, wo auch sein Verwandter
- der Tiger - den Raub plant auf seidigen Zehn.

Irrlichter, die wie Vögel hoch auf Palmen hocken,
verzittern sich im Hauch der Luftspiralen.
Bananenfresser, die leise Junge locken,
blinken hell aus ihren schrägen Augovalen.

Der Mond beflutet schön die Blumenwiesen,
in Hütten lehmgelb ruhn die Weiber.
Als Schönstes soll in dein Erinnern fließen,
wie Siams Frauen lieben, das Mehr der Leiber.

(Nachdichtung von Frank Milautzcki)

Drei Stunden Anmaßung und Hochstapelei

Khun S’ra Prasôt’s „Siamsänge“ ist ein kleines, trotz zahlreicher Vorworte, Einleitungen, Erläuterungen, Nachworte und Anhänge gerade mal 85 Seiten starkes Büchlein, das 1955 in den Niederlanden erschien. Es beinhaltet 28 Seiten Gedichte, die Hellmut Draws-Tychsen in den Jahren 1924-1926 aus dem T’hai ins Deutsche übertrug, obgleich er selbst niemals in Siam gewesen ist und er sich deshalb angeblich „die Sprache selbst angeeignet hat“. Dabei habe er die Originalfassungen benutzt und auf englische oder französische Vorarbeiten verzichtet, um möglichst den ursprünglichen Ton zu erfassen. Wir können ziemlich sicher sein, daß Draws-Tychsens lügt und eigentlich nur und ausschließlich von solchen Vorarbeiten lebte – er war ein äußerst begabter und umfangreich in sich selbst verhedderter Hochstapler.

Seine großenteils mißlungenen Übertragungen fördern ein vorschnell negatives Urteil über Prasôts Dichtkunst. Ein Urteil, das wohl viele deutsche Verleger teilten, die es Jahrzehnte ablehnten, das bescheidene Werk zu drucken, so daß es erst 28 Jahre nach seiner Fertigstellung und dann auch nur im Ausland und wohl gegen Bezahlung erscheinen konnte.

Zwei vergessene Menschen treffen sich um dieses Buch herum – zum einen der Hofdichter zweier siamesischer Könige, Khun S’ra Prasôt, dessen hier versammelten Poesie ca. aus den Jahren 1860-1870 stammt. „Der Sklave mit Füssen von Lotosblumen“, wie er sich selbst bezeichnete, lebte sowohl unter der Regierung des Königs Mongkut (1851-1868) als auch unter der beginnenden des Königs Schulalongkorn (1868-1910), für den er seinen umfangreichen „Sang bei Einführung des Weissen Elephanten“ dichtete.

Prasôt, höfischer Gelehrter, bewohnte ein kleines Gartenhaus in einer abgelegenen Vorstadt der siamesischen Metropole Bangkok, ein Reservat des Geistes, in dem er viele seltene Bücher der älteren siamesischen Literatur aufbewahrte. Nach seinem Tod verging das alles unbeachtet. Lianen holten sich das Terrain zurück. So sind wohl seltenste Zeugnisse der ohnehin nahezu unbekannten alten siamesischen Literatur dem Tropenwald zurückgegeben worden.
Bücher, das waren in Siam viele Meter lange, aus der Rinde des Papierbaums durch Abkochen brauchbar gemachte Streifen, die mit einer Schabmuschel hart poliert und dadurch sofort beschreibbar waren. Die Papierbahnen wurden gefaltet und erhielten vorne und hinten steife Deckel, so daß harmonikaartige Klappbücher mit bisweilen gut hundert Meter Länge entstanden.

Und zum anderen: der zeitlebens weitgehend unbekannte, selbst ernannte „Ethnologe“ Hellmut Draws-Tychsen, der zur Zeit der Manuskriptabfassung – also um 1925 herum - Probleme erörterte wie „Die Wahrscheinlichkeit eines autothalattischen Ursprunges der polynesischen Rasse, erörtert an der Vokalfülle ihrer Sprachen“.
Die Themen seiner Auslassungen spiegelte er sich aus Büchern, die der Allgemeinheit kaum zugänglichen waren, heraus und zurecht – schwer erreichbare Universitätsbibliotheken im Norden und Osten Europas waren seine Anlaufstellen. Er schrieb ab und um, suchte abseitige, unauffindbare Quellen und tat als hätte er Ahnung.

Hellmut Draws-Tychsen, Lette von Geburt, wird Anfang der 30er Jahre dann doch in die Literaturgeschichte eingehen: als die unglückliche Liebschaft der Schriftstellerin Marieluise Fleißer, die seinetwegen zeitweise sogar in nationalistische Schwärmereien abgleitet und schließlich einen Selbstmordversuch unternimmt. Ihre fünfjährige Beziehung zu dem exzentrischen Draws-Tychsen, dem es nicht gelingt eigene Dichtungen irgendwo unterzubringen, hat Marieluise Fleißer in dem Buch „Avantgarde“ verarbeitet, wo sie ihr leidenschaftliches Abdriften in Hörigkeit und Verzweiflung eindrucksvoll wiedergibt.

Draws-Tychsen ist jenen Lyrikinteressierten heute noch bekannt, die sich mit Paul Scheerbart oder dem wundervollen, leider im ersten Weltkrieg gefallenen expressionistischen Dichter Ernst Wilhelm Lotz beschäftigen, deren Nachlässe von Draws-Tychsen betreut wurden. Ein Hang zum Besonderen, zum Exzeptionellen, zum Vergessenen paart sich mit dem Wunsch nach einem eigenen besonderen Werk. Das eigene Übersehen- und Vergessen-Werden arbeitet er auf, in dem er sich in unbedrängten Randbereichen Randfiguren widmet. Wer Angst hat vor sich selbst, erklärt anderen die Welt. Damit sie stimmen möge. Draws Tychsen übersetzte Märchen aus der Südsee und Lyrik so unbekannter Schriftsteller wie des Spaniers Pedro Antonio de Alarcón und des Ungarn Béla Bibiczky. Und vermittelte das Gefühl: er wisse bescheid. Und war doch nur ein Hampel, der die Literatur mißbrauchte um selbst zu Geltung zu kommen.

Die Geschichte der „Siamsänge“ ist beispielhaft für viele mühsamen Anstrengungen in Draws-Tychsens Leben – nämlich das, was er einmal herausdestilliert hatte aus Bibliotheken, dann auch tatsächlich ins Licht zu stellen. Die Rechtfertigung sich mit diesem oder jenem Thema aufgehalten zu haben. Draws-Tychsen hält noch 1947 den Inhalt und die Probleme der Siamsänge für „jung und neu, unüberholt und zeitlos“, zu einer Zeit, als es in Europa ganz andere Probleme gab, als weit zurück in das entfernte Königreich Siam zu schauen. Und sich mit schlecht übersetzten Gedichten zu Gemüte zu führen, was der königliche Hofdichter dort zur Übergabe der Regentschaft in 46 Strophen zu sagen hat. „Der Sang bei der Einführung des Weissen Elephanten“ umfaßt mehr als die Hälfte der von Draws-Tychsen versammelten Dichtungen Khun S’ra Prasôts. Den wenigen (vier) enthaltenen Sinnsprüchen, denen man unzeitliche Aktualität zusprechen könnte, sollte man wirklich große Bedeutung nicht zumessen. Obwohl es – aus persönlicher Sicht - sehr schön war, bspw. den nachfolgenden Satz umzudichten und ihm fast schon klassische Gültigkeit zu geben.

Su p’hasit – Spruch

Glaub dich gross und glaub dich wichtig
und besser als die Welt und bist doch nichtig.
Vom Lichtkreis deines Auges lerne, wie man sich bescheidet, der alles schaut,
sich selbst jedoch dabei stets meidet.

Wohl war das Interesse an den siamesischen Dichtungen schon kurz nach Entstehung der „Übertragungen“ nicht wirklich groß. 1928 ist zwar ein Vertrag mit J.M. Spaeth in Berlin unterzeichnet, nur geht der Verlag sehr bald darauf in Konkurs. Die Bemühungen 1929-1930 das Buch bei einem Pariser Orientalisten-Verlag unterzubringen, scheitern gleichfalls. Aus 1936 erinnert Draws-Thychsen eine nicht nur kaufmännisch bedingte Absage des schweizerischen Verlegers Ernst Reinhardt. Im März 1937 stirbt dieser an den Folgen eines Fahrradunfalls.  Dessen Neffe und Nachfolger Hermann Jungck allerdings unterstützt Draws-Tychsen, nicht nur finanziell, während seiner „Flucht“ vor den Schergen des Dritten Reiches, die Draws-Tychsen wegen seiner ständigen Großkotzerei und Hochstapelei und daraus resultierenden diplomatischen Verwicklungen ins Visier genommen haben, sondern verbringt auch das Büchlein in einen Schweizer Banktresor, wo es die Zeit bis nach dem Krieg überdauert. Und wo es Draws-Tychsen irgendwann ausgräbt, um es doch noch irgendwo zu plazieren.

Das alles wußte ich natürlich nicht, als ich das Buch kaufte. Mich hatte etwas ganz anderes fasziniert, als ich es aus einer Bücherkiste gegriffen und darin geblättert hatte. Es finden sich darin einige unpaginierte s/w Fototafeln mit Abbildungen mit Referenz zu verschiedenen Völkerkundemuseen, wovon mir eine sofort und für immer ins Auge sprang. Sie zeigt einen menschlichen Leichnam, aufgespannt auf bloße, staubige Erde und umringt von einer großen Schar heiliger Geier. Ein Mann mit einer dünnen Rute steht inmitten der Szenerie. Von dem Leichnam sind schon sorgfältig Streifen Haut und Fleisch abgezogen, unblutige helle Schnitte.
Was ist übrig vom Menschen? In Verwesung übergehende, riechende Masse. Wo das Leben fehlt, erscheint die Welt brutal. Das Foto schockiert mich, den westlichen Leichen-Verscharrer. Ich habe zwar schon viele Leichen in meinem Leben gesehen, sie in Kühlfächer verfrachtet, während nebenan Pathologen den Brustkorb aufmeißelten und den öffnenden Schnitt bis genau unters Kinn zogen – aber dieser wehrlos aufgespannte Tote, bereit von den unzähligen Vögeln zerrissen zu werden, war etwas anderes.
Ich stellte mir vor, wie ein verstorbener, mir wertvoller Mensch dort läge, mein Vater, nackt und ausgestreckt, schon teils abgeschält und in Erwartung der kräftigen Schnäbel. Die Vögel hüpfen heran, verhauen sich in geliebte Arme, ziehen und zerren, bohren, Fetzen lösen sich, legen Knochen bloß, die Nase wird in zwei raschen Hieben zertrümmert und zwei junge rangniedere Tiere streiten sich um ein Auge. Es wird geschlungen und gewürgt und die kahlen Köpfe werden rot vom Blut.

Das Buch las sich leicht, aber sofort mit einem inneren Widerstand.

„Des Menam Wellen strähnen sich wie Stahle,
die eben aus dem Feuersud geboren;“

Menam bedeutet „Mutter der Gewässer“, gemeint ist der Hauptstrom Thailands, der das Land von Norden nach Süden durchfließt und durch seine Überschwemmungen fruchtbaren Boden für den Reisanbau schafft. Die Wellen sind stark wie frisch gegossener Stahl. Ein Bild das sicher brauchbar ist, aber „strähnen“, das war als Verb unbrauchbar.
„Im Schilficht schlafen schlanke Gaviale
und Hia schauen zum Äther traumverloren.“

Was man wissen muß, erfährt man weiter hinten in den Worterklärungen: Gaviale sind Rüsselkrokodile, Reptilien mit vor den Augen eingeschnürtem Kopf und sägeartiger Schnauze. Und Hia sind fast meterlange Eidechsen, die zu Tausenden den Menam bevölkern. Aber was ist ein Schilficht? Ich kenne Röhricht und ein Dickicht aus Schilf, aber ein Schilficht? – ein Schil, das ficht mit dem Schlamm und der verwässerten Erde? Doch, das ist gut, Schilficht hat etwas.
Und der Äther? Äther ist da und betäubt - Himmel ist dort und weit weg. Vom Himmel träumt man, liegt und schaut in die Sterne. Also Sterne statt Äther. Da mußte man doch was machen....

Ich spürte während dem Lesen, daß ich im Kopf Satz um Satz umschrieb, umdachte, neu formulierte.
„Aus der Pagode dort vier Bonzen schleichen.“
Bonzen. „Eingebildete, überhebliche Persönlichkeit in Amt und Partei“ sagte mir der Duden. Neureiche Schnösel, dachte ich. Prasôt im fernen Siam jedoch meint etwas ganz anderes damit:  „Priester und Tempelhüter“, und das sollte uns Draws-Tychsen schon verraten, bevor uns der Text vor lauter Spezialausdrücken unverständlich wird. Also: die Bonzen müssen weg und Priester müssen her.

„Wat Saket sie ersehnt zu nächtiger Stunde,
Leichname kralligen Geiern darzureichen,
daß Menschen sie verzehren wie tote Hunde.“

„Wat Saket“ ist die Totenstätte, ein besonderer Tempel, wo man die Leichen der Verwesung durch die Sonne oder der Vertilgung durch gefrässige Vogelschnäbel aussetzt („Wat“ heißt Tempel). Man sollte – wenn man mit „kralligen Geiern“ arbeitet, also durchaus dichterisch statt völkerkundlich – auch den Tempel als das benennen, was er ist. Zu viele Rätsel blockieren den Leser und fördern die innere Resignation.
 --- So ging es den gesamten Text hindurch: entweder störte mich mein Nichtwissen und ich mußte zunächst nachschlagen, was hier gemeint ist, oder es störte mich die Sprache. Oder beides.
Und dann fanden sich doch auch schöne, ja fast schon geniale Passagen, die Draws-Tychsen sich aus dem Expressionismus borgt. So reimen sich auf „Luftspirale“ die „schrägen Augenovale“ der Bananenfresser, das sind Vögel mit großen Hornschnäbeln, die auf der Stirne eine zusätzliche hornige Platte haben.

Dann wieder hoffnungslos Überfrachtetes in ungelenker Sprache:

„Mondlicht umflutet üppige Blumenwiesen
Drin lagern sich lehmgelbe Frauenleiber;
Willst Sejam-Nächte Schönstes du erkiesen,
Nimm eines dieser blütenartigen Weiber!“

Sejam ist die höfisch-chinesische Variante von Siam und sonst ist klar, was gemeint ist: es geht um die lehmgelben Frauenleiber. Bis zu einer Verordnung des Königs im Jahre 1899, die es bei Strafe verbietet sich außerhalb der Behausung mit bloßen Brüsten zu zeigen, gingen die Siamesinnen barbusig durch das Land. Natürliche Nacktheit gab es, Dirnentum und Geldgier nicht. Aber: im fernen Deutschland einen eloquenten Blöffer, der niemals in Thailand gewesen war, nichts weiß von der Liebe und Weiber „nimmt“, weil er nichts anderes kann als haben.

Dieses Gedicht gnadenlos ins Expressionistische umzuschreiben und es dabei uneinholbar vom Original, das man ohnehin nicht kennt, wegzutreiben, war  schönes Spiel und Zeitvertreiben, drei Stunden auf dem Liegestuhl – drei Stunden Anmaßung und Hochstapelei. Draws-Tychsen läßt grüßen.

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