Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Klaus F. Schneider* 1958

dem leben einen sinn geben

dem leben einen sinn geben
wie luftgereifter ziegenkäse
schlicht und ergriffen kartoffeln
                               schälen
                            & mit W. C. Williams tee
                               trinken während der hasenstall
                                         dahin modert verlassen
              vom lebendigen spielzeug das 30 cm im jenseits
              unter der erde anheim gefallen ist
              der fäulnis
                           & es wird ein apfelbaum drüber wachsen
                           & viele gedichte
                 tragen & da drunter werden wir
                           sitzen in die abende tief
                  rein & tee trinken & vorlesen
bis zum doku auf arte vielleicht auch noch eine
karaffe des roten  & die kleinen freuden des lebens
                             vermehren sich wie hasen
                             unserer wahl …

Schnoddrige Predigt

Beim Lesen eines Gedichts entsteht vor dem inneren Auge auch ein Bild von der Person desjenigen, der es geschrieben hat; selbst wenn dieses Bild nicht der Wirklichkeit entsprechen mag, es entsteht unweigerlich. – Bei diesem Gedicht, in dem das lyrische Ich mit dem Schreiber mehr oder weniger identisch scheint, ist es offenbar ein Intellektueller; er schaut den „doku auf arte“ und nicht DSDS, er trinkt erst Tee und dann eine „karaffe des roten“ statt Wein aus dem Tetrapack oder Dosenbier. Aber kein Intellektueller, der sich für so einzigartig hält, dass er seine Gedanken hermetisch formulieren muss; in dem Gedicht ist alles sofort verständlich außer der viel sagenden Anspielung an den amerikanischen Lyriker William Carlos Williams, die sich mir durch Googeln erschließt; die Zeilenbrüche erzeugen lediglich ein kurzes Stocken im Lesefluss, einige nicht ganz gewöhnliche Wendungen und die fehlende Zeichensetzung eine kurze Verwunderung, sonst liest es sich wie „normale Sprache“.

Es ist offenbar jemand, der nicht mehr ganz jung ist, sondern ein Kind hat, dessen „lebendiges spielzeug“, ein Hase, vor einiger Zeit gestorben ist und im Garten begraben wurde; wahrscheinlich konnte sich niemand überwinden, den Hasenstall wegzuräumen, so dass er nun im Garten vermodert. Es ist jemand, der den Tod eines Tiers nicht nach Baudelaire-Manier dichterisch-abgebrüht verarbeitet, sondern recht unmodern persönlich davon berührt erscheint, ihn jedenfalls in ein melancholisches Gedicht über Tod und Leben mit hineinnimmt. Jemand, der sich nun mit der Zubereitung des Essens beschäftigt und dabei nachsinnt, ob und wie man „dem leben einen sinn geben“ kann. Jemand, der im zweiten Teil des Gedichts hoffend voraussieht, dass er später Tee und Wein trinkend im Garten zusammen mit einem oder mehreren anderen sitzen und die „freuden des lebens“ sich (wieder?) vermehren sehen wird.

Die Stimmung des Gedichts erinnert mit Abend und Rotwein an Trakls „Dämmerung mit Ruh und Wein“, ebenfalls mit der Nähe des Todes und den bei Trakl sehr häufig vorkommenden Wörtern Moder und Fäulnis. Die „freuden des lebens“ in Verbindung mit dem Sterben hingegen lassen mich an das Buch des Predigers aus der Bibel denken, das ich von aller Literatur am meisten schätze: „So geh hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut … Genieße das Leben mit deinem Weibe, das du liebhast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat.“

Im Gegensatz zum Prediger hat der Dichter jedoch etwas Schnoddriges: Die pathetische Wendung „dem leben einen sinn geben“ wird durch den Vergleich mit dem sehr konkreten und sicher stark duftenden „luftgereiften ziegenkäse“ locker gebrochen, das potentiell sentimentale „ergriffen“ durch die Vermischung mit der Redewendung „schlicht und ergreifend“ entschärft, „drüber“ und „drunter“ und „rein“ sind der mündlichen Sprache entnommen, die hohen „freuden des lebens“ werden vom Podest genommen, indem sie sich fast lächerlich „wie hasen“ vermehren, dazu noch „nach wahl“, als könne man sie sich wie Beilagen auf einer Speisekarte aussuchen. Dass die zukunftsweisenden Sätze im Futur, die lutherisch häufig mit „und“ beginnen, das Zeichen & am Anfang haben, tut sein Übriges zur Schnoddrigkeit des angeschlagenen Tons. Hier hat kein Prediger das Wort, der dem ganzen Volk endlich einmal sagen will, was Sache ist, sondern ein relativ bedeutungsloser Mensch in einer überbevölkerten Welt mit zahllosen anderen relativ bedeutungslosen Menschen, der sich dessen bewusst ist und eher für sich selber nachdenkt und spricht.

Altmodischerweise mag ich Gedichte, die auf etwas hinauswollen, eine Aussage haben oder jedenfalls eine solche entnehmen lassen; Verfremdung und Verwirrung erlebe ich ständig und muss sie nicht auch noch in der Lyrik finden. Dieses Gedicht setzt bereits im ersten Teil der Trakl’schen Weltuntergangsstimmung die Beschäftigung mit etwas Konkretem wie Käse und Kartoffeln entgegen; die Konzentration auf das, was da ist, grenzt eine Trauer ein, die sonst leicht allumfassend werden kann. Durch den Infinitiv hat dieser Teil allerdings etwas Kraftloses; der Sprechende scheint sich selbst verloren zu haben und eher in der Situation zu treiben, als seine Handlungen zu bestimmen. – Im zweiten Teil führt das Gedicht aus Fäulnis und Tod hinaus mit dem Futur und dem biblisch oder liedhaft wiederholten, beharrenden „und“. Nicht Gras wird über das Vergangene oder Verlorene wachsen, sondern ein Apfelbaum, ebenfalls lutherisches Zeichen der Hoffnung; dieser wird „viele gedichte“ tragen, lässt also auf dichterische Produktivität nach der lähmenden Trauer hoffen; aus der Person-Losigkeit wird ein Wir. Die „kleinen freuden des lebens“ stehen nicht mehr im Futur, sondern wieder in der Gegenwart; sie sind im Verlauf des Gedichts also plötzlich oder wieder fühlbar geworden. Das ist eine Wahl, die ich aus dem Gedicht ins Leben mitnehmen und zumindest versuchen kann.

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