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Lesart
Leopold F. G. von Goeckingk* 1748† 1828

Kritik über ein Drama

Herr Tragiskribax wähnt,
sein Drama hab uns sehr gefallen,
denn, spricht er, keiner pfiff von allen;
doch wer kann pfeifen, wenn er gähnt?

Von der Liege in die Kladde ins Buch und ins Netz

Persönliche Erlebnisse und überpersonale Mächte zugleich – die Liebe und das Gedicht. Goethe hatte seit 1770 versucht so etwas wie „wahr“ zu werden, den Schmus von Barock und Rokoko hinter sich zu lassen - „Erlebnislyrik“, die nicht das idealisierte, sondern das erlebte Selbst preisgab. Jedem Menschen, der viel und unentwegt schreibt und in Topoi landen will, die nicht vordefiniert sind, begegnet dieser Moment. Er ist unausweichlich. Und in den Zeiten des Sturm und Drang besonders notwendig – denn vor lauter Kraftmeierei und Geniegeplautze tat etwas Irdisches zwischendurch wirklich gut. Eine Zeit des zwiefachen Umbruchs. Der Mensch sollte mündig und gleichzeitig „wahr“ werden. Aber was wahr war und was nicht, konnte niemand mehr so einfach entscheiden.

Vielleicht für sich selbst: „Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ erläuterte Kant einige Zeit später. Also einfach das tun, wohin man sich selber getraut. Gedanken wie Orte tun. Und diese behaupten. Oder die Orte verwischen und das Geschehnis betonen. Wie die 1777 in Leipzig erschienen „Lieder zweier Liebenden“.

Leser und schreibende Zeitgenossen fanden sie gut – die Kritik indes drückte den Verfasser an den Rand und ins Vergessen. Geschrieben hatte sie Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748-1838), der als Kanzleidirektor in Ellrich im Harz die Subalternen zu überwachen und eigentlich sonst fast nichts zu tun hatte. Er selbst bekannte: „Ich thue nichts, was nicht tausend andere eben so gut thun könnten.“ Mit 200 Talern Jahresgehalt und monatlich zusätzlich 15 Talern für abzufassende Zeitungsberichte (also zusätzlichen 180 Talern) konnte er mindestens sorgenfrei leben (ein gut beschäftigter Tagelöhner hatte damals rund 50 Taler im Jahr).

Obwohl ihm sein Job viel Luft zum Müßiggang ließe, kümmert er sich pflichtbewußt -  erst der Job, dann die Muse. Es bleibt genug Zeit übrig, die er mit Schreiben füllt. Goeckingk ist kein Unbefleckter. Nach seinem Studium in Halle gehörte er dort dem literarischen Kreis um Johann Wilhelm Ludwig Gleim an, dessen anakreontisches Dichten ihn beeindruckt hatte und von dem er das satirischeTändeln in sein eigenes Schreiben hinübernahm.
Er schreibt nicht nur Liebesgedichte. Tagüber ist er in den Landstrichen unterwegs, studiert Land und Leute, und abends notiert er sich daraus die Spitzen.

Der Redner

Und böte man mir zehn Ducaten
Für eine Red‘, ich hielte dennoch keine!
So sagte Stax; doch hielt er für zwei Pfennig eine,
Als ihn zwey Bettler jüngst um die zwey Pfennig baten.

Zu Goeckingks wichtigsten Aufgaben gehört es, das Funktionieren der staatlichen Geldeintreiberei zu überwachen und so verschlägt es ihn regelmäßig zum preußischen Kollekturhof nach Nordhausen, wo das Zinsgetreide der Goldenen Aue und der Niederungen der Helme gesammelt wird. Abends hält man dort Lesegellschaften ab. Es gibt rege Anteilnahme am geistigen Leben der Zeit - Klopstocks Gelehrtenrepublik, die allenorts mehr verschwiegenes Murren bei den Lesern auslöst als Verständnis, die aber gelesen sein mußte! (Arno Schmidt wird  Jahrhunderte später das kaum verstandene Buch aufgreifen und daraus einen dystopischen Roman entwickeln, der genauso kultisch versinkt), fand in Nordhausen immerhin 26 Subskribenten, mehr als in größeren Städten.
Es gab also lesendes Publikum hier und Goeckingk kam gern nach Nordhausen und hatte sich im Kerzenschein über den Tisch hinweg plötzlich verliebt. Sie hieß Sophie Vopel, war die 26-jährige Tochter eines Bäckermeisters, der mit Cleverness zum preußischen Amtmann avanciert war und dann in undurchsichtige Spielchen verwickelt wurde, nur durch vielerlei verwegene Manöver dem Zugriff französischer Truppen (die seine Mehllager leerten und mit Kalk vermischten) einerseits und andererseits erhobenen, preußischen Ansprüchen entfliehen konnte. Irgendwann wurde der (wahrscheinlich ins Ausland) Entwichene für tot erklärt.

Goeckingk und die um drei Jahre ältere schöne Sophie verleben Tage, um „die uns alle Ehemänner und Ehefrauen beneiden.“

Bin ich nüchtern, bin ich trunken?
Wach ich oder träum ich nur?
Bin ich aus der Welt gesunken?
Bin ich anderer Natur?
Fühlt’ ein Mädchen schon so was?
Wie begreif ich alles das?

Goeckingks „Lieder zweier Liebende“ dokumentieren diese Zeit. Infiziert von Gleims Reformlust (mit der dieser u.a. das reimlose Gedicht eingeführt hatte) und Goethes Wahrhaftigkeit wagt Goeckingk seine Gefühle auf eine Weise aufzuschreiben, die ursprünglicher und unbeherrschter als üblich und dennoch klar Empfindungen anspricht - und (so wird es der Historiker sehen) aus dem Feinsinn des Rokoko in etwas Neues, Drängenderes hinüberleitet, ohne aber dunkel triebhaft und erotisch zu wirken. Er unterzeichnet die “Lieder” mit “Amarant” und veröffentlicht sie in Musenalmanachen.

Waren die Liebesgedichte dasjenige von ihm, was ihn zeitweise wirklich berühmt machte, sind aus heutiger Sicht seine Sinngedichte dasjenige, was die deutsche Literatur nachhaltiger bereichern kann. Goeckingks Bekanntheit verblasste im 19. Jahrhundert zusehends und schließlich wird er völlig vergessen. Erst Karl Kraus entdeckt ihn Anfang der 20er Jahre wieder, rezitiert seine Gedichte auf Lesungen und druckt ihn in der Fackel. Über Kraus stoßen Dichter wie Viktor Stadler (der in der Folge 1923 einen Band Gedichte von Goeckingk herausgibt), Werner Kraft oder Friedo Lampe (der über die “Lieder zweier Liebende” zum Doktor der Philosophie promoviert) auf ihn. Kraus wettert gegen die Literaturwissenschaft ob der offensichtlichen Versäumnisse, sie sei “die nichtswürdigste aller Wissenschaften”, die “dem Glücke darin gleicht, daß sie ohne Wahl und ohne Billigkeit die Gaben des Nachruhms verteilt hat.”
Daß ich Goeckingks Gedichte für mich entdecken konnte, hat nichts zu tun mit Karl Kraus, sondern mit handschriftlich geschriebenen Kladden, in die Johannes Bobrowksi eintrug, was ihm aus den Jahrhunderten deutscher Dichtkunst als bemerkenswert hervorschien. Bobrowski lag auf seiner Liege in der Bibliothek der alten Gründerzeitvilla in Friedrichshagen und las (und folgte dabei vielleicht Empfehlungen von Kraus).  Er fütterte seine Bücher mit kleinen Zettelchen und Notizen. Und er extrahierte. Schrieb aus den Büchern Gedichte ab. Seine liebsten Gedichte, wie der spätere Herausgeber einer gedruckten Version dieser Sammlung, der Bobrowski-Kenner Eberhard Haufe betont. Man fand sie in einer 10,5 x 14,8 cm großen Klemm-Mappe, sorgfältig und sauber mit Tinte geschrieben und nach den Geburtsjahren der Verfasser angeordnet. Darunter auch drei Gedichte von Leopold Friedrich Günther von Goeckingk.

Johannes Bobrowksi “Meine liebsten Gedichte – eine Auswahl deutscher Lyrik von Martin Luther bis Christoph Meckel” erschien als Buch 1985 in der Deutschen Verlagsanstalt, immerhin ein gebundener Wälzer von 432 Seiten. Man kann dort Gedichte entdecken, die lange Zeit niemand sonst auf dem Plan hatte - außer Bobrowski.

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