Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
John Linthicum* 1948† 2008

Alltägliche Flut

Steine finden dann ihre
              Stimme, wenn sich das Meer
                              in sich selber zurückzieht.
Von der Wucht des Wassers
               bewegt, schlagen sie sich
                             gegenseitig ihre harten
Lieder heraus.

Im Zwielicht
             zwischen Wolkenkratzern
                            aus verspiegelten Sonnenbrillen
werden wir von riesigen
                übelriechenden Atemstößen
                               aufeinander geschleudert
und schreien.

Erschienen in: Amerikanische Nacht, Gedichte, Düsseldorf 1996, Grupello Verlag, S. 36

Die sanfte Stimme des Verhängnisses

 

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, hier gehe es um so eine Antithese von Natur und Zivilisation. Nicht nur der Zeilenumbruch legt es nahe, sondern auch die Opposition der Bilder: das Meer – die Wolkenkratzer, die Steinewir, Liederschreien. Damit aber landeten wir schnell bei jenem Entfremdungsgerede, das direkt in die poetischen Sackgasse führt, wo Plattitüden gern nochmal nett dekoriert werden: Die Entfremdung von der Natürlichkeit der Natur als Hybris der Zivilisation bekäme den zigsten Neuanstrich. Das wäre lyrisches Malen nach Zahlen.

Dem zweiten Blick hält dieser Anschein nicht stand: Was parallel aussieht, ist in Wirklichkeit eine vertrackte Wechselwirkung. Schon die Überschrift macht es deutlich. Der Alltag und die Flut haben nichts miteinander zu tun: Der Alltag bezeichnet Routinen, denen wir uns mehr oder weniger freiwillig unterwerfen, die Flut folgt bloßer Physik. Dass beides sich durch Gleichmaß auszeichnet, hat unterschiedliche, wenn nicht gegensätzliche Gründe. Das eine ist zweckgerichtete Strategie, ___STEADY_PAYWALL___das andere blinde Kausalität. Das Vermögen des Poetischen, ein magischer Atavismus, erlaubt es, Unverbundenes in Beziehung zu setzen. Dieses Vermögen ist auch in der Alltagssprache überaus wirkmächtig, zum Beispiel, wenn ein Frühstücksgebäck Hörnchen genannt wird: eine Bezeichnung wird zum Bild für etwas ihr Fremdes gemacht. – Leider ist dies Vermögen auch für Verschwörungstheorien nutzbar, aber das ist ein anderer Schnack …

In Linthicums Gedicht erzeugt das poetische Vermögen eine wechselseitige Metaphorisierung, der Bildspender ist zugleich der Bildempfänger seines Bildempfängers, der sich so ebenfalls als Bildspender erweist: Die Flut wird zur Metapher der Alltäglichkeit und der Alltag zur Metapher der Flut: So erscheint einmal der Alltag als etwas, das uns überschwemmt, das uns mit sich reißt, in dem wir ertrinken können, zum anderen erscheint die Flut als Routine, die geschäftsmäßig vollzogen wird, egal ob banal oder ungeheuerlich. Beides zusammengenommen erzeugt beunruhigende Vorstellungen, in denen das Natürliche und das Zivilisatorische verfilzt sind wie Kaugummi in der Frisur: getrennt, doch unentwirrbar. Während Kaugummi in der Frisur bloß ärgerlich ist, oszillieren in Alltägliche Flut die Kategorien, gehen Gewissheiten zugrunde. Der Alltag ist eben nicht nur der Alltag und die Flut nicht nur die Flut, während Kaugummi Kaugummi bleibt und Haar Haar, wenn auch die Frisur hinüber ist.

Auf diese Weise erweist sich die simple Antithetik der Strophen (MeerWolkenkratzer etc.) als hinfällig. Das Klackern der rollenden Kiesel in der Dünung wir zur Stimme, die die Steine nutzen, weil sie sie finden konnten. Es ist nicht auszuschließen, dass John Linthicum, der US-amerikanische Lyriker mit dem eminenten Sensorium für die deutsche Sprache, hier den Topos des rolling stone vor Augen hatte, der auf eine Liedzeile von Muddy Waters zurückgeht und in der angloamerikanischen Gegenkultur seit den sechziger Jahren eine Rolle spielt: Neben der englischen Band, dem Musikmagazin und dem Lied von Bob Dylan entfaltet der rolling stone seine vielfache popkulturelle Signalwirkung. Dass John Linthicum dieser Gegenkultur verbunden war, zeigte sich, wenn er als Moderator des Poetry-Cafés immer wieder mal mit Mercedes Benz von Janis Joplin oder Dream A Little Dream Of Me von The Mamas And The Papas das Ende der Rauch-Trink-und Gesprächspausen herbeisang. Daher liegt es nahe, dass es sich bei den harten Liedern der rolling stones auf dem Strand tatsächlich um Rock and Roll handelt, zumal die Steine in der Dünung ja tatsächlich schaukeln und rollen. Gegenkultur entsteht, wenn sich das Meer in sich selber zurückzieht. Diese Metapher benutzt die Physik des ablaufenden Wassers als Bild des Paradigmenwechsels: Was sich nicht einfach zurückzieht, sondern sich in sich selber zurückzieht, kehrt nach einer Metamorphose in verwandelter Form zurück. Die neu auflaufende Flut wird am Ende nicht dasselbe gebracht haben wie die abgelaufene. Es ist Bob Dylan, der genau diese Flutmetaphorik verwendet:

Come gather 'round people wherever you roam
And admit that the waters around you have grown
And accept it that soon you'll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin'
Then you better start swimmin' or you'll sink like a stone
For
the times, they are a-changin'.

Die Violenz dieses Wandels bringt auch Linthicum zum Ausdruck: Unter der Wucht des Wassers schlagen die Steine sich gegenseitig ihre harten Lieder heraus. Das ist nicht Woodstock, das ist Altamont.

Es wäre verführerisch, John Linthicums Gedicht insgesamt mit der US-amerikanischen Popkultur kurzzuschließen, die Verbindung von Zwielicht mit der Fernsehserie Twilight Zone liegt allzu nahe. Doch der Verlauf der zweiten Strophe zeigt, dass Entertainment Linthicums Sache nicht ist. Im Gegensatz zu den Steinen schlagen wir in der zwielichtigen Zone des Gedichts (anders als das Deutsche mit Zwielicht und zwielichtig kennt das Englische keinen etymologischen Zusammenhang zwischen twilight und dubiuos) uns nicht gegenseitig. Wirwerden aufeinander geschleudert.Wir tun nichts, uns widerfährt etwas. Was geschieht, bleibt unklar, entweder werden wir zu Haufen aufgetürmt, oder wir werden aufeinander gehetzt. Fehlende Eindeutigkeit ist in der Poesie kein Defizit, beide Aussagen des Doppeldeutigen können nebeneinander bestehen. Was da schleudert, ist keine Flut, aber auch nichts Gesellschaftliches, wie der erste (falsche) Eindruck des Gedichts vermuten ließ, es sind riesige organische Miasmen. Das Schrecken dieses Bildes ist buchstäblich namenlos, es lässt sich nicht sprachlich auflösen. Ebenso wenig auflösen lässt sich das Bild der Wolkenkratzer aus verspiegelten Sonnenbrillen. Solche Chiffren liefern Sinnpartikel, suggerieren Sinnzusammenhänge, stimulieren die Phantasie, bleiben aber rätselhaft. Was im Zwielicht der zweiten Strophe durch die Chiffren geschieht, erzeugt Grauen. Auch die Fernsehserie Twilight Zone arbeitet in gelungenen Momenten mit Chiffren, aber diese erzeugen kein Grauen, sondern Horror. Horror ist konsumierbares Grauen.

Die beiden Strophen des Gedichts Alltägliche Flut singen also nicht den alten Gassenhauer von der Entfremdung zwischen Zivilisation und Natur. Vielmehr findet das eine sich verfilzt mit dem anderen, beides findet sich im Verhängnis. Die Steine singen die harten Lieder, die wir nicht singen können, weil wir – aufeinander geschleudertschreien müssen, denn es geht für uns um Leben Tod. Aufeinander gehetzt oder getürmt – einmal droht der Tod, das andere Mal ist er bereits eingetreten. Wir müssten eigentlich in unseren Routinen sein, der alltäglichen Flut der Aufgaben, aber die riesigen übelriechenden Atemstöße haben uns gepackt. Die Steine müssten einfach nur Steine sein, aber sie bekommen die Routinen verpasst.

Da findet keine Entfremdung statt, da ist ein Verhängnis eingetreten, dargestellt mit sanfter Stimme, deskriptiv, ohne artistische Volten und sprachliche Manierismen. Die Chiffren kommen unaufdringlich daher.

Die sanfte Stimme ist hier mehr als eine Metapher, tatsächlich hatte John Linthicum eine sanfte Stimme, mit der er Gedichte vortrug, mit der er redete und argumentierte, eine Stimme, die zum Zuhören einlud. Ich lernte ihn Anfang der 90er Jahre kennen, als er Bewegung ins beschauliche Düsseldorfer Literaturleben brachte. Er schuf mit dem Poetry Café eine viel beachtete Veranstaltungsreihe, die sich deutlich von den damals boomenden Slams absetzte und bekannten wie unbekannten Autor*innen kurze Auftrittsmöglichkeiten bot. Er hat sich damit beileibe nicht nur Freunde gemacht, stiftete aber Freundschaften. Er unterstützte die um 1970 geborenen Newcomer, unabhängig von ihrer künstlerischen Ausrichtung. So half er Saskia Fischer, Alexander Nitzberg oder Hendrik Rost auf ihren Weg. Auch ich selbst, nur wenige Jahre jünger als er, habe von John Linthicum gelernt und verdanke ihm, dass ich lyrische Formen nicht mehr nur als Fingerübungen zur sprachlichen Geschmeidigkeit nutzte, sondern mich ernsthaft aufs lyrische Handwerk einließ und 1996 mein erstes Gedichtbändchen veröffentlichen konnte.

John Linthicum, im Hintergrund der Autor

 

Dank an Birgit Martin für die Erlaubnis, die beiden Standbilder aus ihrer Videodokumentation "Poetry-Cafe - Live- Mitschnitt des 33. Poetry-Cafes im Schnabelewopski-Literaturtreff im Heine-Geburtshaus Düsseldorf" von 1996 zu verwenden.

 

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