Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Lutz Seiler* 1963

 

sonntags dachte ich an gott

sonntags dachte ich an gott wenn wir
mit dem autobus die stadt bereisten.
am löschteich an der strasse stand

ein trafohaus & drei & vierzig
kabel kamen aus der luft in dieses
haus aus hart gebrannten ziegelsteinen; dort

im trafo an der strasse wohnte gott. Ich sah
wie er in seinem nest aus kabel enden
hockte zwischen seinen ziegelwänden

ohne fenster dort am grund
im dunkel an der strasse hinter
einer tür aus stahl

sass der liebe gott; er war
unendlich klein & lachte
            oder schlief

 

Lutz Seiler: pech & blende. Gedichte. Frankfurt am Main 2000, S. 58. edition suhrkamp 2161

2000

Lutz Seiler kam 1963 in Gera zur Welt. Nach Abitur und Ausbildung zum Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. Ab 1990 studierte er Geschichte und Germanistik an der Martin–Luther–Universität in Halle (Saale). Seit 1997 leitet er das literarische Programm im Peter Huchel–Haus in Wilhelmshorst bei Potsdam. Für den Roman Kruso erhielt er 2014 den Deutschen Buchpreis, für Stern 111 den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 für Prosa.

Es ist klar: Auch im 21. Jahrhundert werden wir keine Hilfe von oben erhalten, den „gott“ sitzt in Lutz Seilers Trafohaus, das in meiner Gegend poetisch „Lichthaus“ genannt wird. Gott ist tot, auch das ist klar, aber Lutz Seiler sagt es so anrührend und sein „gott“ ist auch nicht die zürnende Macht des Alten Testaments, sondern er sitzt „unendlich klein“ im Dunklen, sodass man ein wenig Mitleid mit ihm empfindet. Die Verse im Maß des Trochäus, einige mit Auftakt, bilden eine mitreißende rhythmische Bewegung, die leicht ironisch in einem Missverhältnis zu dem nur scheinbar infantilen Gehalt steht. Der Kinderglaube macht sich jedenfalls über „gott“ nicht lustig, er setzt ihn eben an seinen Platz hinter „einer tür aus stahl“. Jeder Erwachsene kann sich fragen, ob er die Türe öffnen möchte. Es ist schwer zu entscheiden, wie es mit dem Gottesglauben in der Republik steht. Die Kirchen schrumpfen zwar schnell, doch sind immer noch 45 Millionen Menschen Mitglieder christlicher Kirchen. Ob sie aber dem unendlichen kleinen, lachenden „gott“ noch Macht zuweisen, ist ungewiss.

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