Fixpoetry

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Lesart
Marie Luise Kaschnitz* 1901† 1974

Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstanden aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der der Hecke stand, das Auge der Welt.

 

 

Marie Luise Kaschnitz: Neue Gedichte. Hamburg 1957.

1957

 

Marie Luise Kaschnitz kam 1901 in Karlsruhe mit dem Mädchennamen Freiin von Holzing–Berstett als Tochter eines Generalmajors zur Welt. Sie wuchs in Potsdam und Berlin auf und wurde nach ihrem Abitur Buchhändlerin. Sie war mit dem Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg verheiratet. Sie verstarb 1974 in Rom.

Nach frühen Gedichten in traditioneller Formung, von denen die Autorin sich später distanzierte, begann sie nach dem II. Weltkrieg zeitkritisch ohne Bindung an Metrik und Reimung zunehmend Lyrik mit elliptischen Formulierungen zu schreiben. Ihre poetologische Position umschreibt sie in der Aussage:

"Was vom Gedicht der Jetztzeit tatsächlich vermittelt werden kann, ist die vielfach gebrochene und stückhafte Innenwelt des heutigen Menschen."1

Die erste gegen Menschen eingesetzte Atombombe traf 1945 die Großstadt Hiroshima. 70.000 bis 80.000 Menschen waren sofort tot, im folgenden Jahr erlagen den Spätfolgen 90 000 bis 166 000 Menschen, Erkrankungen und Todesfälle setzten sich über Jahre fort. Marie Luise Kaschnitz sieht für den verantwortlichen Piloten Paul Tibbets die Last seiner Schuld, die zum Suizid oder in den Wahn führen müsste, angesichts der unfassbaren Handlung. Stattdessen muss sie den Schein einer heilen Welt sehen, der allerdings das verzerrte Gesicht des Täters nicht überdecken kann, da die Welt seine Tat wahrnahm. Der verantwortliche Pilot sagte in einem Interview des Spiegels 2003:

SPIEGEL: Haben Sie sich nach Hiroschima moralische Fragen gestellt?

Tibbets: Als ich in Europa Bombeneinsätze flog, überkamen mich so lange Zweifel, bis ich mir sagte: Wenn ich mir solche Probleme zu Eigen mache, werde ich ganz schön zu tun haben, sie zu kurieren. Ich habe sie dann nicht mehr zugelassen. Ich habe Aufträge erfüllt, die man mir gestellt hat. Nicht ich habe den Krieg angefangen.

Die Bemühungen einer weltweiten atomaren Abrüstung führten zu keinem völligen Erfolg, im Gegenteil sind mehrere Länder nach dem ersten Abwurf einer Atombombe u. a. Pakistan, Indien, Volksrepublik China, Nordkorea und Israel zu Atommächten geworden. Bis heute lagern im Fliegerhorst Büchel in der Eifel Atomwaffen der US–Armee, die von der Bundeswehr eingesetzt werden könnten.2

Die von Marie Luise Kaschnitz mit ihrem Gedicht aufgerufene Frage der ethischen Bewertung ist bis heute keineswegs allgemeingültig beantwortet.

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