Fixpoetry

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Lesart
Marie Ramlo* 1850† 1921

Moderner Adonis

Monocle,
Glatze,
Cylinder,
Aeh baeh!
Schneidiger Troddel,
Weibischer Zoddel,
Aeffischer Held –
Was kostet die Welt?
Aeh baeh!

(1891)

Vornehme Herren in der ersten Reihe

"Unser Heim war nichts andres als eine Spielstube. Zu Hause, bei Papa, wurde ich wie eine kleine Puppe behandelt, hier wie eine große. Und die Kinder wiederum waren meine Puppen. Ich war recht vergnügt, wenn du mit mir spieltest, so wie die Kinder vergnügt waren, wenn ich mit ihnen spielte. Das war unsere Ehe, Torvald." – diese Sätze knallt Ibsens Nora ihrem Ehemann vor die Füße und verläßt den Mann, dem sie acht Jahre lang seine Liebe geglaubt hatte.

Das Stück hatte seine Uraufführung am 21. Dezember 1879 in Kopenhagen am Det Kongelige Teater. Die deutsche Erstaufführung war 1880 in Hamburg. Für diese Aufführungen musste jedoch, mit Rücksicht auf die heilige Institution der Ehe, der Schluss verändert werden. Vorgesehen war, daß Nora schließlich Helmer und die Kinder verlässt. In diesen Aufführungen jedoch blieb Nora der Kinder wegen. Die erste Aufführung mit dem Originalschluss fand später – im gleichen Jahr -  in München statt. Und die Schauspielerin, die das Publikum in genau dieser Rolle begeistern konnte, hieß Marie Ramlo.

Sie hatte zwei Jahre zuvor ihr erstes Kind geboren und ein Jahr später ein weiteres und alles sah zunächst danach aus, daß ihr ein familiäres Glück gelingen könnte – ihr Mann war der sorgenfrei im Dienste Ludwigs II. von Bayern stehende, brave Schriftsteller Ludwig Schneegans. In dessen Haus gingen literarische Größen wie Paul von Heyse, Ferdinand von Saar und Marie von Ebner-Eschenbach ein und aus und trotzdem konnte „das stille gelehrte Männchen“ (wie ihn ein Zeitgenosse beschreibt) und sein intelligenzprotzender Umgang der innerlich glühenden Schauspielerin, die auf der Bühne erfolgreich das eigene verpaßte Leben auslebte, nicht das Brennmaterial bieten, das sie für sich brauchte.
 "Und das ist's ja, was wir brauchen im Leben, in der Kunst, auf der Bühne - Menschen, Menschen! Menschen von Fleisch und Blut, Kerls, die reden, empfinden und handeln wie Menschen - nicht wie Schablonenhelden, Schmachtlappen, oder Kladderadatschfiguren!" wird sie 1887 in der Münchner In-Zeitschrift Die Gesellschaft unter dem Pseudonym „L. Willfried“ schreiben. Unter dem männlich klingenden, aber nicht zwangsläufig männlich hinterlegten Pseudonym wird sie in Aufsätzen und Rezensionen in dieser Zeitschrift viele dicke Ausrufezeichen setzen und sie wird dabei den Herausgeber des Blattes ebenso intensiv brennend hinter sich wissen: Michael Georg Conrad aus Marktbreit in Unterfranken, den sie im Jahr des Erscheinens dieses Aufsatzes heiratet.

Die Trennung von Ludwig Schneegans ist kein einfacher Schnitt. Es gibt bereits zwei kleine Töchter. Und die Aussicht statt der pulsierenden Intensität der Bühne das Vertröpfeln des Lebensmutes in einem bürgerlichen Haus zum Lebensinhalt zu haben. Sie nutzt die Bekanntschaft mit einem eitlen Pfau, um sich lossagen zu können aus dem Klammern des Hofpoeten, der zwar aufgrund seiner Stellung wohlversorgt, aber auch jedem tieferen und ernsthaften Inhalt verschlossen ist: da seine Stücke nur als Privataufführungen für den König umgesetzt werden, wobei alle Rechte jeweils direkt auf den König übergehen, sind ihm alle wirklichen Publikumskontakte und –erfolge verwehrt und es gibt in dieser ganzen Konstellation keinen Lebensentwurf der das Menschsein auch für Marie Ramlo zuließe. Bereits ihr Vater, der Gerichtssekretär Joachim Ramlo, war als Sohn eines berühmten Cellisten in München dem impulsiven, kreativen, schlicht lebendigen Leben alles schuldig geblieben. Und ihr Mann würde ebenso alles schuldig bleiben. Eine Puppe war sie und wäre sie geblieben. Marie Ramlo hat die Nora nicht nur gespielt, sie entdeckte sie in ihrem eigenen Leben.

Der eitle Pfau heißt Ernst von Possart und ist Schauspieldirektor des Münchner Hoftheaters. Er spielt oft selbst in Stücken mit und nutzt jede auch noch so kleine Rolle um das Augenmerk auf sich zu lenken. Aber es ist ein Mann der klotzt und kleckert und Marie Ramlo rettet sich in seine Arme, bloß um den biederen Schneegans los zu werden. Bereits 1883 wird die Ehe geschieden, beide Mädchen werden dem Vater zugesprochen. Ludwig Schneegans übersiedelt mit den Kindern zunächst nach Rorschach in die Schweiz, läßt sich dann 1888 mit ihnen in Wien nieder, wo er bis zu seinem Tod 1922 lebt.

Der Preis für die Freiheit vom Mann ist nicht klein. Marie Ramlo wird den Kontakt zu ihren Kindern verlieren - der Vater will es nicht. Der verratene, bloßgestellte Hahnrei will nicht, daß seine Kinder mit einem Ungeschöpf wie ihr zu tun haben und Strafe muß ja sein. Rache und Strafe müssen immer sein. Merken soll sie’s und daran zugrunde gehen. So wehren sich die Esel. Sie schalten auf stur.

Marie Ramlo wird immer wieder versuchen Kontakte herzustellen und unterschreibt ihre wenigen Briefe mit „treue Mutter“. Doch die Töchter wollen sie nicht mehr in ihrem Leben und die eine, Therese, aus der eine Künstlerin, eine Malerin geworden ist, schreibt während eines Münchenaufenthalts an die andere, die Eva, im Jahr 1913: „Die fremde Frau spielte auch an diesem Abend, aber nur eine kleine Rolle in dem gräßlichen Stück von Thoma: Magdalena. Das ist viel zu erschütternd, als daß ich es hätte ansehen können.“

Und neben dem vergrämten Schneegans und dem eitlen von Possart, der bald seine Schuldigkeit als Grund für eine Trennung getan hatte, tanzten genug andere Männer um Marie Ramlo herum. Das München jener Tage gebar alle möglichen (und auch heute noch weit verbreiteten) Sorten. Sie hatte ausreichend Zeit alles zu betrachten. Jeder der beiden Unglücksbringer hatte ihr etwas genommen – der eine die Kinder, der andere den Glauben an die Liebe. Um so energischer (und erfolgreicher) spielte sie ihre Rollen im Theater. Sie spielt und wird dafür geadelt und spielt eigentlich immer gegen einen Satz an, der überall schwelt: „Das absolute Weib hat kein Ich“.
Frauenhasser Otto Weininger sagt ihn um die Jahrhundertwende, aber es gab ihn längst die Jahrzehnte davor in den Köpfen der durch München mit weißen gestärkten  Kragen spazierenden Männer, vornehme Herren in der ersten Reihe, die Marie Ramlo zunicken, in der Hoffnung sie könnten sie ficken.

Es ist nicht belegt, wann sie Michael Georg Conrad kennenlernt, der selber eine gescheiterte Ehe hinter sich hat, der gerade aus Paris kommt, wo er feuilletonistisch arbeitete und im Kreis um Emile Zola zuhause war. Der Naturalismus ist sein Ding. Alles was echt und klar und wirklich ist. Und genau dort trifft er sich mit Marie. Es ist wie eine Erlösung für sie – endlich einer, der genau so denkt wie sie, endlich einer der ernst macht, ein Mann, der das vertritt und verteidigt, was sie bislang nur spielt.

Während sie weiterhin in Stücken beachtete und weniger beachtete Rollen spielt, arbeitet MGC an seiner Zeitschrift „Die Gesellschaft“ – alles soll anders werden, reeller, realer, wahrer und wahrhaftiger. Und irgendwann beginnt Marie Ramlo-Conrad (sie haben mittlerweile geheiratet) mitzuschreiben an dem großen Projekt, wählt ein Pseudonym und haut auf die Pauke. "Ich für mein Teil, wenn ich ins Theater gehe, will ein volles farbenglühendes Stück wirklichen Lebens sehen, keine durch die Zauberlaterne moderner Vorurteile erzeugten Nebelbilder.“ schreibt sie alias L. Willfried.
Die Ehe geht gut – sie streiten miteinander – für eine Sache und jeder für sich.

Was Marie Ramlo sonst noch von einigen (beispielhaften) Männern ihrer Zeit hielt, hat sie uns in einem Gedicht aufgeschrieben, das 1891 in dem „modernen Musenalmanch“ Sommerfest in der Münchener Kunst- und Verlagsanstalt erschien: Moderner Adonis. Das Sommerfest war ein Ereignis, das Otto Julius Bierbaum veranstaltete und viele namhafte Autoren wie Oskar Panizza oder Hermann Bahr, Gustav Falke, Hanns von Gumppenberg, Otto Erich Hartleben präsentierte - die Koryphäen des literarischen Lebens des Münchens jener Zeit, die man bis heute kennt. Marie Ramlo ist vergessen worden.

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