Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Matthias Claudius* 1740† 1815

Kriegslied

´s ist Krieg! ´s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
        Und rede du darein!
´s ist leider Krieg  -  und ich begehre
         Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
         Und  blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
         Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
           Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
           In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
            So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
             Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
            Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
            Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
            Die könnten mich nicht freun!
´s ist leider Krieg – und ich begehre
            Nicht schuld daran zu sein!

(1779)

Gedicht an die Zuständigen

Ein ungeheuerliches Gedicht. Die Kakophonie, die Beethoven 50 Jahre später am Beginn des vierten Satzes seiner neunten Sinfonie veranstaltet, wirkt geradezu harmlos dagegen. Ein naives Gedicht, doppelt naiv mit der Hilfe suchenden Wendung an ´Gottes Engel´ und mit dem Rückzug ins Private - „und ich begehre/Nicht schuld daran zu sein!“ ?  Das klingt wie: ´Hauptsache, ich bin nicht schuld´.

Die Wendung an Gott und seinen Engel wird ganz schnell und endgültig zurückgenommen, sie taucht nicht mehr auf im Gedicht; was ja – um der Ästhetik willen – als rahmender Schluss gut vorstellbar wäre. Das wirkt für mich so, als sei Matthias Claudius (1740-1815) selbst erschrocken über dieses Ausweichen zu Gott vor dem Irdischen,  vor dem vom Menschen selbst Gemachten und zu Verantwortenden, als habe er gemerkt: Gott ist nicht mehr zuständig, ist selbst hilflos. Er erscheint, unerbittlich, nicht mehr im Gedicht.

Und was den Rückzug ins Private angeht  -
Die so privatistisch klingende Wendung  „ich begehr ...“ enthält auch die Lesart: ´Ich wünschte, ich wäre nicht daran schuld, aber ich bin es ...´ , damit ein Eingeständnis von Schuld, damit eine ungeheuerliche Öffnung des Privaten ins Politische. Dieses Ich weiß um seine Mitschuld, es steht - anders als die wirklich Verantwortlichen - zu seiner Verantwortung. Ausgelöst durch eine Frage („Was sollt ich machen ...?“), in einem Atemzug über vier Strophen in immer erneuten Anläufen in einen langen Konditionalsatz gepresst, bedrängen alptraumhafte Bilder vom Weinen, Fluchen und Wehklagen der entmenschlichten Opfer des Krieges das Ich; Bilder, die wir, über 200 Jahre später, nur zu gut kennen. Diesen erbarmungslosen Bildern stellt sich das Ich, ohne den Beistand von ´Gottes Engel´, erbarmungslos, gegen sich selbst, gegen uns, die Leser. Ihren grässlichen Höhepunkt findet die Bilderfolge in der fünften Strophe. Unter einer unerträglich widerlichen Kakophonie – die Auswirkungen des Krieges entziehen sich jeder Sinngebung – bricht die distanzierende ästhetische Gestaltung zusammen. Ein unmittelbar Sprache gewordenes Entsetzen gebiert eine groteske, eine apokalyptische Szene, die an Goya erinnert, in der für Gott, für die Begründung eines ´gerechten Krieges´ gegen ´das Böse´  kein Platz mehr ist. Der Krieg – hier hört alle Naivität auf -  zeigt sich unverhüllt als das vom Menschen gemachte, zu verantwortende Böse.

Und die letzte Strophe? Im abschließenden Versuch der Rettung einer ästhetischen Gestaltung und einer Sinngebung erweist sich der Mensch als Täter und Opfer zugleich. Gekleidet in eine rhetorische Frage, entlarvt Matthias Claudius die ideologische Rechtfertigung des Täters Mensch. Dessen Unschulds-  und ´Opferbegehren´, gefasst in eine Art Refrain (aus der ersten Strophe), haben wir längst, dank der ungeheuerlichen und naiven Kunst von Matthias Claudius, als unsere eigene ungeheuerliche Naivität, naive Ungeheuerlichkeit durchschaut.

 

 

 

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