Fixpoetry

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Lesart
Melanie Katz

Porphyr

Was die Asche einmal
war, aus der Du aufgestiegen bist?
Ging dein Blick über das Meer
oder über Beton in Manhattan?

Das Vergessen und deine Verantwortung
man hatte gesagt
dies gehöre zusammen, ganz un
mittelbar.

 

Die Sprache ist ein solch Ding

Porphyr, das Wort, das dem Gedicht von Melanie Katz als Titel dient, ist ein in seiner Bezüglichkeit leicht unspezifischer Begriff. Er wird allgemein für vulkanische Gesteine verwendet, manchmal mit der zusätzlichen Voraussetzung, dass darin Kristalle eingeschlossen sein müssen. Strenggenommen, so mahnt Wikipedia, wird mit „Porphyr“ nur das Gefügebild eines Gesteins beschrieben und nicht ein bestimmtes Gestein, also eine Art und Weise und kein Ding. Umgangssprachlich werden damit aber immer noch „Dinge“, also einzelne Gesteine, bezeichnet.

Wo kommen wir her? Das ist eine gleichsam leicht und doch wieder schwer zu beantwortende Frage (John Constantine würde an dieser Stelle nur lakonisch sagen „from a fleeting lust of our parents”). Die frühsten Erklärungversuche beriefen sich auf Götter und Göttinnen, die modernen Wissenschaften haben ihre eigenen Systeme zur Bestimmung der Beschaffenheit unserer (und aller sonstigen) Zusammensetzung und Herkünfte. Denn um Zusammensetzung geht es ja: „was die Asche einmal war“, will die erste Frage des Gedichtes wissen.

Das Bild der Asche, aus der dies „Du“ (es kann ein aus sich herausgestelltes Ich sein, aber auch ein angeredetes oder unbesetztes Du) aufsteigt, ist doppeldeutig: zum einen schwingt darin die alte Idee des Phönix mit, der immer wieder neu aus seinen eigenen Überresten aufsteigt (darin klingt dann fast schon Constantines Antwort an – wir entsteigen alle der Asche der uns vorangegangenen Leben(-wesen), die in uns weiterleben) und zum anderen wird der Kreislauf offenbart, in dem sich das Lebendige unwiderruflich befindet: nicht nur werden wir zu Asche, wir steigen auch aus ihr empor, Asche ist alles, immer wieder transformiert, immer wieder wird der Funke des Lebendigen in eine Prä-Asche-Form hinübergerettet. (Oft wird Asche in Gedichten als ein Beweis ex negativo für "Leben" verwendet: wo Asche ist, war auch Feuer).

Überhaupt wird ja viel zu oft die Frage gestellt: was geschieht nach dem Tod, wohin geht es – und selten wird dabei der Kreislauf bedacht; wird bedacht, dass das Leben nicht nur plötzlich endet, sondern auch plötzlich beginnt. Wir alle werden dem Dasein nicht nur entrissen, wir werden auch hineingeworfen. Die Dichterin Mascha Kaléko hat es einmal schön gesagt:

 Es fragt uns keiner, ob es uns gefällt,
ob wir das Leben lieben oder hassen,
wir kommen ungefragt auf diese Welt
und müssen sie auch ungefragt verlassen.

Und der römische Philosoph Seneca sagte einst, dass er den Tod nicht fürchte, denn nach diesem werde er wohl wieder in den Zustand übergehen, in dem er sich schon vor seiner Existenz befunden hatte und so schlimm könne dieser Zustand ja nicht sein, ob da nun ein „Nichts“ regiere oder irgendwas anderes.

Aber noch mal: wo kommen wir her? Ein Geologe kann ein Gestein durchleuchten und anhand der Anteile vermutlich sehr genau bestimmen, woher es kommt und was es für Eigenschaften aufweist. Auch beim Menschen ist es mittlerweile soweit, dass über bestimmte Bereiche der DNA Vermutungen angestellt werden, hinsichtlich der Eigenschaften, die sie repräsentieren, bedingen, festlegen. Es gibt eine Hoffnung (und eine Furcht!), dass der Mensch irgendwann sich selbst und das Dasein vollständig entschlüsselt (und zu seinen Gunsten manipulieren kann), wenn er nur seine Bestandteile und die Bestandteile des Universums genau im Einzelnen betrachtet und kategorisiert, ihr Zusammenspiel bis in die letzte Nuance erforscht. Dann wüssten wir woher wir kommen, unsere Eigenschaften, Anlangen. Wüssten wir dann auch, wohin wir gehen (müssten/könnten/sollten)? Wieviel würden diese Erkenntnisse wirklich über uns aussagen?

Die zweite Frage des Gedichts scheint all diesen metaphysischen Überlegungen einen Dämpfer zu verpassen und holt den Interpreten wieder auf den Boden zurück. Wir befinden uns am Meer und auf Beton. Aber, Vorsicht. Das große „Du“ ist zum kleinen „dein“ geworden. Hat hier eine Verschiebung stattgefunden? Ist es noch dasselbe Du? Nehmen wir einmal an, dem ist nicht so. Was für ein du ist jetzt gemeint? Dieses du hat auf jeden Fall Blicke, es schaut, es sieht, es nimmt wahr, es sucht vielleicht sogar; es ist auf jeden Fall belebt. Markiert dieser Wechsel von groß zu klein den Wechsel von metaphysischem Auftakt/Überbau zu konkretem Beispiel?

Ist die zweite Frage ein weiteres „wo kommen wir her“, nur anders geäußert, abgekoppelt vom Bild des Vulkangesteins? Was sah das imaginäre du in seiner Kindheit, Meer oder Beton? Und kann man daraus etwas schließen? Hinterließen Meer oder Beton Spuren in diesem du, haben sie es angereichert mit etwas? Hat dieser Anblick Auswirkungen, schlägt sich dergleichen nieder in dem Leben, das da ausbrach und sich durch die Wirklichkeit wühlte, sie unter sich selbst begrub und mitzog?

Die nächste Strophe beginnt: „Das Vergessen und deine Verantwortung“ und legt fest: das gehört zusammen. Aber wie geht das zusammen? Folgt das zweite auf das erste, un-mittelbar? Oder das erste auf das zweite? Versucht sich hier jemand zu lösen von dem, wo er/sie herkommt und davon, wie diese Herkunft ihn/sie definieren könnte? Mahnt das Gedicht diesen jemand ab?

Die Kunst und Crux des Gedichtes ist, dass es als sehr weiträumig aufgefasst werden kann, aber auch als sehr eng, geradlinig. Eine ganze historische Analyse passt hinein, aber vielleicht ist es auch nur für ein persönliches Schicksal ausgelegt und hat nur dessen Länge, Breite und Höhe.

Sind Menschen verantwortlich für ihre Bestandteile? Für alle (also nicht nur für die, die aus ihren Taten resultieren, die sie quasi selbst hinzufügten, sondern auch für die, die in der Asche enthalten waren aus der sie emporstiegen)? Entspringen wir einer Form oder formen wir uns selbst? Reinigt das Feuer der Geburt die Asche oder sind wir durchzogen von den Geschichten und Eigenschaften die vor uns geschahen, vor uns galten?

Die Sprache ist ein solch Ding, das durchzogen ist von allem, was sie bereits erlebt hat. Wir sind fast verpflichtet zu glauben, dass es sich mit dem Menschen (dem lebenden Repräsentanten aller verstorbenen Menschheiten) ähnlich verhält. „Man hatte gesagt“, wie das Gedicht so schön sagt und diese Festlegung wird durch das Plusquamperfekt in eine abgeschlossene Vergangenheit gerückt, von wo sie als feste Konstante heraufzieht. Unmittelbar mit der Geburt sind wir angefüllt mit allen Eigenschaften der Asche, uns und anderen (ver)mittelbar im Laufe des Lebens, des Lesens. Wir können uns mit dem, was wir in uns finden identifizieren oder uns davon distanzieren, kurzum, wir können damit umgehen. „Woher kommen wir“ und „Wer sind wir“, das ist nicht dieselbe Frage, anders gestellt. Aber die Zone dazwischen, die Verbindungen – schwer ist es, sie auszuloten.

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