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Moya Cannon

Pollen

Und dieser Staub überdauert
das Vergehen von Zeitaltern.
Er schläft in tiefen Erdschichten –
schwarz, rot, umbrabraun;
er schläft unter dem nassen Fell eines Novemberhügels,
wo langes Gras fuchsfarben ist;
er schläft tief unter Seen;
zwölf Meter tief überlebt er,
Staub arktischer Wiesen,
alt und kraftvoll
wie die Liebe.

 

Moya Cannon: A Private Country - Ein privates Land. Übersetzung aus dem Englischen von Eva Bourke und Eric Giebel, edition offenes feld 2017. Bitte beachten Sie auch unseren Veranstaltungshinweis Lesebühne Darmstadt am 02. Mai 2019.

Lullaby Wiegenlied

Im August 2017 erschien in der edition offenes feld (eof) der zweisprachige Lyrikband A Private Country | Ein privates Land von Moya Cannon, übertragen von Eva Bourke und mir. Abgesehen von einer kleineren Anzahl ihrer Gedichte in einer von Eva herausgegebenen Anthologie zeitgenössischer irischer Lyrik (With Green Ink | Mit grüner Tinte, Colibri Verlag, Bamberg 1996) waren Moyas Gedichte hierzulande bislang wenig bekannt. Mit der nun vorgelegten Auswahl von fünfundvierzig Gedichten aus ihren drei letzten Bänden (Keats Lives, 2015, Hands, 2011, Carrying the Songs, 2007, alle Carcanet Press, Manchester), möchten wir das deutschsprachige Publikum auf die Irin aufmerksam machen. Michael Krüger rechnet Cannon in seinem Nachwort zu dem ebenfalls 2017 erschienenen Band Gefrorener Regen von Michael Longley (Übersetzung: Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider) den Lyrikerinnen und Lyrikern zu, die in die Fußstapfen von Longley und Seamus Heaney, beide Jahrgang 1939, treten und die reiche Tradition der irischen Lyrik fortschreiben.

Lediglich ein Gedicht wurde nicht den drei vorgenannten Lyrikbänden entnommen, sondern erschien in der von Vincent Woods und Eva herausgegebenen Anthologie fermata. Writings inspired by Music (Artisan House, Letterfrack 2016).

Songs last the longest... reflektiert das vertraute Verhältnis von Mutter zu Kind, welches in der Universalität eines Wiegenlieds deutlich wird. Wir müssen die Melodie und die Worte nicht verstehen, um etwas von dem zu begreifen, was uns Menschen mit unserer Schutzbedürftigkeit und unserem Urvertrauen ausmacht.

[…]
Durch seine Rhythmen und Silben
fließt Liebe
wie Milch
durch ein rundes Sieb.

Das Gedicht ist der 1940 geborenen amerikanischen Künstlerin Susan Hiller gewidmet, die in ihrem Werk The Last Silent Movie (2007/2008) 24 bedrohte Sprachen, darunter Manx, Südliches Sami und Niedersorbisch, aufgenommen hat und die englischen Übersetzungen als Untertitel bereitstellt. In einem Fall, dem Wiegenlied in der südafrikanischen Sprache Kulkhassi, fehlt die Übersetzung. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1936. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Kunstwerks war die Sprache bereits ausgestorben und das Wissen um ihrem Wortschatz verschwunden.

[...]
Sang sie von Sternen oder Regen
oder hohem Gras oder blauen Blumen
oder kleinen Booten auf einem schnellen, braunen Fluss,
Antilopen in einem Gebirgstal
oder von einem Dämonen,
der ein kleines Kind stehlen will.
[...]

Moya macht aus diesem unwiederbringlichen Verlust eine sehr berührende Poesie, mit der sie die Lücke ausfüllt. Dass sie dabei eine weltumspannende, menschliche Nähe ausmacht und uns nahe bringt, ist eine immense Kraftquelle. Dennoch kann sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Tod von Sprachen die Diversität des Menschen  untergräbt. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird sich die Anzahl der Sprachen weltweit von heute noch 7000 auf etwa 3500 halbiert haben. Englisch und Deutsch werden weiter existieren. Insofern gibt es im Sinne einer Spracharchäologie dringlichere Übersetzungen als unsere Arbeit. Moya Cannon schreibt in Englisch, nicht im irischen Gälisch. Aber sie schreibt über ihre Mutter, die Menschen in der nordirischen Grafschaft Tyrone nach den letzten Resten ihres gälischen Dialekts befragte. Und sie schreibt über die Kinder der Tinker, des fahrenden Volks, denen sie Unterricht gab und die das Ende der Schulstunden herbeisehnten. In ihrer Sprache, dem Shelta, tagträumten sie von der Nacht, in der sie Hasen jagen würden.

Cannons Lyrik zu übersetzen, ist eine dankbare Aufgabe, da die Autorin  universelle Codes mitgibt, die intuitiv zugänglich sind, auch ohne dass für jedes englische Wort sogleich ein deutsches entsteht. Selbstverständlich, manches muss gründlich erarbeitet werden. Aber ganz wie wir verstehen, was die Mutter auf Kulkhassi ihrem Kind mit in dem Schlaf gibt, habe ich schon beim ersten Kontakt mit Moyas Lyrik, unserer gemeinsamen Lesung beim 7. Europäischen Poesiefestival in Frankfurt am Main 2014 diese Codes empfangen, die mich dazu brachten, für die darauffolgenden drei Jahre mich, der zuvor noch keine Übersetzungen gemacht hatte, dieser Lyrik zu widmen und in Eva eine erfahrene Kollegin zu finden. Jede Übertragung ist in gemeinsamer Arbeit entstanden und das Ergebnis eines hoffentlich nicht spürbaren Ringens um das treffendste Wort.

Ein kurzer Einblick in diese Detailarbeit, ein wenig Werkstattgeplauder am Beispiel des Wortes tough.

Im Gedicht Pollen geht es um den tief in der Erde liegenden Blütenstaub, der die männlichen Keimzellen mit ihrem einfachen Chromosomensatz enthält. Die Zeilen enden mit einem Vergleich: dust of arctic meadows,/old and tough/as love. Für tough schlug ich zunächst widerstandsfähig vor. Eva wies mich auf die Überlänge des Deutschen im Vergleich zum Englischen hin und machte es kurz: zäh. Damit war ich unglücklich, das hätte das Gedicht meines Erachtens beschädigt. Wieso? Genau betrachtet, störte mich der eingeleitete Vergleich: zäh wie. Das ist besetzt, das ist in der deutschen Sprache belastet: Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl. Adolf Hitler formulierte vor 50000 HJ-Jungen am 14.09.1935 das Ideal der NS-Jugend: „rank und schlank, schnell wie Windhunde, zäh wie …“. Lange haben wir über ein besseres Wort nachgedacht, Alternativen eingebracht, wieder verworfen. Schließlich haben wir uns auf kraftvoll wie die Liebe geeinigt.

Als ich zu Jahresbeginn durch Wien streifte, fiel mir in einem öffentlichen Bücherschrank ein österreichisches Wörterbuch von 1973 in die Hand. Hier fand ich für zäh das schöne Wort beharrlich.

Beharrlichkeit und die Liebe zur Sprache sind beim Übersetzen von Lyrik notwendig. Sehr erfreulich, dass wir in Jürgen Brôcan einen Übersetzer und Herausgeber gefunden haben, der diese Eigenschaften uneingeschränkt teilt und schöne Bücher in die Öffentlichkeit bringt.

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