Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Muriel Pic* 1974

XIX Beim Lesen von Thomas Morus 1 – 2 – 3

Man erzählt sich, der Prinz Utopos
habe aus der Halbinsel Abraxa
eine Insel gemacht
indem er die Erde zerschnitt.
1936 wurde eine Brücke gebaut
um Rügen schneller mit
dem nationalsozialistischen Kontinent zu verbinden.
Keine Insel ist eine Insel.
Nicht einmal dieses Atoll von 1946
mit dem so sexy Namen: Bikini.

Ich alleine
unter allen Vorsehungen
der Welt
habe unphilosophisch
die philosophische Stadt
den Sterblichen dargestellt.
Freigebig
teile ich meinen Besitz
und ohne Schwierigkeit
anerkenne ich von den anderen das Beste.

Ich alleine
unter allen Diktaturen
der Welt
habe politisch
die totalitäre Stadt
den Sterblichen dargestellt.
Kerkerartig
verschließe ich meinen Besitz
ohne Skrupel
überfahre ich die Unterschiede.

Muriel Pic, Elegische Dokumente. Aus dem Französischen von Lukas Bärfuss. Wallstein 2018, ISBN 978-3-8353-3362-8

Rundherum wütet der Nazi

Ein übersichtlich zweisprachiger Band, (links französisch, rechts deutsch). Drei sagen wir Zyklen, in sich zusammengehalten von strikten Gliederungen – stets drei Strophen, stets zehnzeilig im ersten Zyklus, zwölfzeilig im zweiten, vierzehnzeilig im dritten – und inhaltlich vom Bezug auf Archive – hauptsächlich denen des Seebads Prora, denen von Kibbuzim aus der Frühzeit des Zionismus, denen Kafkas und schließlich dem etwas sinnbildlicheren Archiv einer

… Fotografie vom Sternbild des Orions, aufgenommen von einem Amateurastronom zur Stunde, als der Zweite Weltkrieg erklärt wird.

Wir sehen schon am Stoff, es geht, passend elegisch, um den Auseinanderfall von Vision und Wirklichkeit, bzw. um verfehlte Hoffnung, bzw. um Möglichkeiten, die von ihren Verwirklichungsbedingungen verraten sind. Das gipfelt im ganz Weiten eines astronomischen Blicks, der über den heraufziehenden Weltbrand buchstäblich hinweg-sehen muss, um zu seinem Ziel zu kommen; und das meint natürlich in allen drei Iterationen die Ur- und Vorgeschichte jener Nachkriegsordnung, die derzeit (2018) ökonomisch, moralisch, intellektuell und selbst spirituell auch schon wieder beim Teufel ist.

Wir bekommen die Faktoren, die so zusammenlaufen und über denen Muriel Pics Text-Ich schwebt, dank der Orientierung an tatsächlichen Archiven auch tatsächlich auf dem Silbertablett serviert – es geht um Beweisketten, nicht um Schwelgerei. Mir, aber wer bin ich schon, ist das, was dann so bewiesen bzw. so sorgfältig ausgebreitet wird, im Ganzen zu einfach. Just eine Serie von Gedichten, die das Ausstellen und Organisieren von wirklichen Dokumenten wirklicher Wirklichkeit zum expliziten Gegenstand haben, könnte (mir, s.o.) Überraschenderes bereithalten als Illuminationen zur bekannten Dialektik der Aufklärung (dh: … dass der Fortschritt [siehe: Nazis] ein zweischneidiges Schwert sei). Das hindert freilich die einzelne Elegie nicht, als lyrischer Text zu funkeln, und das verhindert auch nicht, dass die dokumentarische Seite des Bandes ihre Wirkung entfaltet und mir (mir) Neues über die Wirklichkeit beibringt, die, s. o., auch schon nicht mehr wirklich ist.

Es liegen zwar keine elegischen Distichen im Silbenzähler-Sinn vor, aber der, äh, deprimierte Zweischritt stellt das bei weitem wichtigste Bauprinzip dar und zieht sich, fraktal, vom Großen ins Kleine:

Wir sehen ihn in den letzten vier Zeilen (die auf Französisch besser funktionieren, "j'enferme" klanglich bezogen auf "j'écrase" und so), die wir als zwei Langzeilen lesen können; auch in der Parallelität jeder Zeile der zweiten Strophe mit ihrer Entsprechung in der dritten, die Morus' Autoravatar gegen Pics Avatar des Nazifaschismus stellt, der auf der Insel seine Planschburg baut; wir sehen das Prinzip auch in der Gesamtanlage des Gedichts – zwei Strophen in ca. wörtlicher Rede stehen gegen die erste, auktorial gefasste, und die umfasst ihrerseits im Wesentlichen einen Zweischritt: Hier das ("gute") Abtrennen der Insel, da der ("böse") Brückenbau … konterintuitiv für Zeitgenossen des europäischen einundzwanzigsten Jahrhunderts, welche in Brücke nicht mehr v. a. militärische Infrastruktur erkennen, sondern eher die Generalmetapher für die Überwindung alles Doofen …  Aus diesem klassisch-elegischen Gesamtentwurf fallen bloß die drei Bikini-Zeilen raus –

Keine Insel ist eine Insel.
Nicht einmal dieses Atoll von 1946
mit dem so sexy Namen: Bikini.

–, und so erkennen wir gerade sie pflichtschuldigst als besonders hervorgehoben vor einem ansonsten mit didaktischer Strenge mechanisch laufenden Textprogramm betr. die Fehlgeleitetheit alles Utopischen am Nationalsozialismus. Damit bedeuten uns diese drei Zeilen ungefähr:

Rundherum wütet der Nazi und vollzieht an der Aufklärung, am Denken selbst sein Zerstörungswerk, doch im Detail können wir bereits den nächsten Schritt der katastrophalen Historie ausmachen – die in jenem Atoll 1946 getestete Atombombe samt ihrer riesenhaften Dominanz des Paradigmas nach dem Untergang, der da vor unseren Augen abläuft … und nebenbei, vielleicht als Trostpflaster, vielleicht aber auch nur als denunzierbarer Oberflächen-Unfug, jedenfalls als Story vom Wandel im Gebrauch der Lüste – die nabelfreie Bademode der Zukunft … usw.

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