Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Netti Boleslav* 1923† 1981

Die Uhren verstummt
still
nach dem Strand
mit dir
Schnecken verkrochen
in die Muscheln
keine Welle schlägt mehr am Ufer
für uns
alle singenden Vögel
verließen den Himmel
wildes Gras ist gewachsen
über die Jahre mit dir.

Ein Zeichen nach uns im Sand

Wie kann man den Holocaust, wie kann man den Verlust der Liebe in diesen Zeiten, den Verlust aller menschlichen Werte, besser beschreiben, als Netti Boleslav es in diesem, kaum beachteten Text, tat?

Waren Dachau, Treblinka – beliebig fortzusetzen – Anlass für die so früh gestorbene deutsch-israelische Autorin, -  diesen Text zu schreiben? Ist es ein privates Trauern, ein Liebeslied, ein Text, der überhaupt nichts mit den Konzentrationslagern der Nazis zu tun hat? Nein, das wäre falsch. Ich habe Netti Boleslav, die gebürtige Tschechoslowakin, gekannt, die 16-jährig, 1939, in das damalige Palästina ausgewandert ist. Wir standen im Briefkontakt, wir trafen uns in Deutschland mehrmals, ich durfte ihren Roman und ihre Tagebücher lektorieren, die beide leider nie veröffentlicht wurden.

Ihren Gedichten wurde mehr  Aufmerksamkeit  zuteil: 1965 erschien bei J.P. Peter, Holstein, ihr Lyrik-Erstling „Der Weg ist tausend Schlangen weit“, 1972 folgte „Ein Zeichen nach uns im Sand“ bei Delp, München. Das war es aber schon. Der Krebstod beendete 1981 mit 58 Jahren ein hoffnungsvolles Dichterleben.

Die Uhren verstummt

schreibt sie. Was Uhren uns zu sagen haben – wer weiß dies nicht aus eigener Erfahrung. Was dichten wir ihnen an, die wir ständig auf die Uhr schauen, um „Bescheid zu wissen“?  - Die Uhren sind nicht nur nach einem eventuellen Moment der Liebe verstummt, sie sind für immer verstummt. Für die Liebe zuvorderst, für alles, was lebt, in der wirklichen Welt der 30-er/40-er- Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und wenn Uhren verstummen, dann ist dies nicht nur direkt gemeint. Wir wissen ja, dass die Zeitanzeiger früherer Jahre oftmals lautstark anzeigten, was die Stunde geschlagen hatte. Nein, wenn eine Uhr verstummt, dann ist zumeist auch vom Tod die Rede .Ob vom tatsächlichen oder vom psychischen – das mag jeder für sich entscheiden.

keine Welle schlägt mehr am Ufer
für uns

Keine Welle mehr, nichts, niemand, die Juden waren allein. Alleiin auf einer Festlandinisel,
Sie waren Jagdwild der damaligen Welt, Freiwild. Keiner, keiner, der eine Hand hob und Veto zur Jagd sagte. Oder doch nur wenige, die selbst Freiwild wurden.

Für die Autorin selbst und für ihre  jüdische Mitwelt gilt, was sie in folgenden Zeilen sagt:

Schnecken verkrochen
in die Muscheln

Sie alle mussten sich verkriechen, verstecken. Die Metapher von den Schnecken, die in die Muscheln kriechen, ist originell, vor allem, weil die Schnecken in die Muscheln kriechen, nicht in ihre eigenen Gehäuse. Mussten die Juden damals nicht in fremden Häusern Schutz suchen? Waren Sie nicht auf andere Menschen und deren Behausungen angewiesen?

alle singenden Vögel
verließen den Himmel

Es heißt nicht „alle Singvögel…“ Es heißt „Alle singenden Vögel..“ – Nun weiß ich, dass Netti  Boleslav eine ihr eigene deutsche Sprache in ihren Gedichten verwirklichte und sie auch gegen alle Lektoraktsversuche verteidigte. Es war und ist „ihre Sprache“.  Und, wennn sie auch manchmal neben der deutschen Grammatik liegen mochte, es entstanden oft eigenartige, eingenwillige Gebilde, die plötzlich einer eindeutigen Situation Mehrdeutigkeit verliehen.

Dass „alle singenden Vögel“ den Himmel verlassen, das ist eine starke Metapher für die schreckliche Zeit, in der die Autorin gelebt hat und in der so viele Menschen diese Erde verlassen mussten, weil ein Wahnsinniger und seine Millionen Gläubiger sie ausrotten wollten und dies auch taten.

Wie soll man verzeihen, wie soll man weiterleben nach all dem? Wie kann man einer verlorenen Liebe nachtrauern, einem zerstörten Leben? Wie vor allem einer ganzen Generation, die verloren ging?wildes Gras ist gewachsen
über die Jahre mit dir.

Nicht Gras, wie üblich, „wildes Gras“. Nichts ist in Ordnung. Kein normales Gras ist darüber gewachsen, was einmal war. Nein, „wildes Gras“, ungeordnet, ungewollt vielleicht, unkontrollierbar, Zugeweht, dieser Samen. Und wieder diese Doppeldeutigkeit: Der Einzelne (Liebhaber) und das ganze Geschehniss (Holocaust) ist überwuchert. Aber nicht mit normalem Vergessen, nein, mit „wildem Gras“, mit einem Etwas, das unerwünscht wächst, das kaum zu bändigen ist, das immer wieder kommt. Immer wieder.

Quelle: Ein Zeichen nach uns im Sand. Delp´sche Verlagsbuchhandlung, 1972, München

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