Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Norbert Johannimloh* 1930

Hier war es

Es war
auf gesplissenen Tannenbohlen
unter bleiernem Dachfenster;
der gelbe Duft
dörrender Lindenblüten
bis in die Fliegenhülsen
im Nest der Spinne.
Hier war es,
unter den Windrosenpfeilen.

 

Aus: „Wir haben seit langem abnehmenden Mond“, Bläschke Verlag, Darmstadt, 1969.

Truth is molten

Der Bläschke Verlag wurde vom Antiquar Josef Gotthard Bläschke (1903-1983) in Darmstadt gegründet. 1964 startete er die Reihe „Das neue Gedicht“ mit Karl Krolows Band Reise durch die Nacht. Hier erschienen Lyrikbücher unter anderem von Walter Helmut Fritz, Günter Eich (dessen letzter Band Nach Seumes Papieren), Wilhelm Klemm, Heinz Piontek, Hans-Jürgen Heise, Margot Scharpenberg, Christine Lavant, Wieland Schmied, Kay Hoff, Johannes Poethen, Peter Härtling sowie auch vom DDR-Lyriker Wulf Kirsten. Unter den verlegten fremdsprachigen Lyrikern sind beispielsweise T. S. Eliot (übersetzt von Hans-Jürgen Heise), William Carlos Williams (übersetzt von Gertrude C. Schwebell), Eugenio Montale (übersetzt von Hans Hinterhäuser), Odysseas Elytis (übersetzt von Günter Dietz), W. H. Auden und Hart Crane (beide übersetzt von Dieter Leisegang) zu nennen (weiß wikipedia).

Wertgeschätzte Namen, mit denen Bläschke noch in den 80er Jahren seine Bücher bewarb, die dann allerdings längst im „Druckkostenzuschuß“-Modell erschienen und Publikum und veröffentlichten Poeten vorgaukelten, es handele sich hier um gleichfalls gewichtige Literatur. Warum Bläschke den Switch von Qualität zu Bezahlverlag vollzog? 1984 veröffentlichte er beinahe täglich ein Buch: 300 Bände Prosa und Lyrik – vor denen auch heute nur zu warnen ist: Bläschke ist nicht gleich Bläschke – die frühen Verlagserzeugnisse gehören unzweifelhaft in die deutsche Nachkriegsliteratur, die späteren gehörn in den Reißwolf. Die Buchoffensive am Ende half nichts, der Verlag (dann umgezogen nach St. Michael in Österreich) meldete 1985 wegen 4 Millionen Schilling Steuerschulden Konkurs an. 

Norbert Johannimlohs Buch bei Bläschke gehört unzweifelhaft in die „gute Zeit“, 1969 erschienen und als Stenogramme eines Daseins, das sich nicht mit »Konkretem« verarmt zufrieden gibt“ (Inge Meidinger-Geise in „Perspektiven deutscher Dichtung“ 1970) wahrgenommen.

Zuvor galt Johannimloh als westfälischer Mundartdichter, der 1963 mit En Handvöll Rägen und plattdeutschen Gedichte (inklusive deren hochdeutscher Übersetzung) zu nicht geringer Beachtung kam: „Die Provokation dieser Verse liegt darin, daß sie plattdeutsch geschrieben wurden. Hätte sich Norbert Johannimloh der hochdeutschen Sprache bedient — es wäre ein leichtes gewesen, ihn irgendwo zwischen Wilhelm Lehmann und Paul Celan einzuordnen; und ich bin sicher, daß man ihm einen guten Platz zugewiesen hätte. Norbert Johannimloh aber schreibt seine Gedichte in der Mundart seines Geburtsortes Verl bei Gütersloh, wo er 1930 geboren wurde.“ Konrad Hansen in seinem Nachwort zur Handvöll Rägen.

Es war und es gab – so fangen neben Märchen auch prosaische Aufzählungen an, wie ich sie selber nutze und auch bei anderen liebe, vor allem als Beispiel-Sammlung in Ursachenschichten, Sachgeschichten, die ihr Wirkzeug ausbreiten. Was in diesem Gedicht war, bleibt unausgesprochen, aber sein Surrounding wird angefasst und detailliert, bis in die ausgesaugten Insektenkörper im weißen Spinnmantel hinein, und nach dorthin, wo man den Wind schießen sieht. Es gibt gelben Duft. Unterm Dach, roh gezimmert, wo das Licht hereinbricht wie ein Fixativ für das Zerstäuben der Zeit, das Jetzt aus Hitze, Geruch, Sonderreich. Ich erinnere das, ohne es erlebt zu haben. Es ist eine Kindheitserinnerung, die ich so nie, aber ähnlich vielleicht, hatte.

Damit spekuliert das Gedicht: mit mir etwas zu teilen, mich auszusetzen einem Moment, von dem ich nach Ende des Textes weiß, obwohl ich ihn nicht wirklich kenne. Es legt darauf an und hebt irgendwie ab. Es will was. „Der Dichter ist viel mehr der Inspirierende als der Inspirierte. Die Gedichte haben immer große weiße Ränder, große Schweigeränder, wo die glühende Erinnerung sich verzehrt, um einen Taumel ohne Vergangenheit zu erschaffen. …. Man träumt über ein Gedicht, wie man über einen Menschen träumt. Das Verstehen, wie der Wunsch, wie der Haß, besteht aus Beziehungen zwischen der zu verstehenden Sache und anderen, ob man diese verstanden hat oder nicht.“ Paul Éluard (1895-1952) in einem Vortrag 1936 anläßlich einer surrealistischen Ausstellung.

„Der Dichter kann nicht einfach aus dem ihm zugänglichen Bereich ‚Mitteilungen‘ machen. Sein Wort steht unter dem Gesetz des Raumes, von dem es Kunde gibt. Es ist umhüllt und verhüllt vom ‚Schnee des Verschwiegenen‘.“ schreibt Norbert Johannimloh im August 1965.

Johannimlohs Gedicht arbeitet mit einer Art Rätsel und versucht geheimnisvolle Zusammenhänge zu sehen, wo der Alltag sie übersieht, kindhaft in einem gewissen Sinn. Es bemüht etwas Unsagbares, ein im Rahmen des Gedichtes aber Erfahrbares. Der Rahmen des Gedichts steckt ab, was darin los sein sollte: der Fund, ein Etwas, das aufscheint im Moment, ein Lichtflimmern, das mir sagt, es gibt mehr als mich; es gibt die Luft, den Wind, das Licht, es gibt Blei und Glas und die Welt riecht nach Farben, und es sind Blüten, die es gibt, weil diese Welt schön ist in ihrer prinzipiellen Geilheit, verschwenderisch schön, in Zeitlupe wahr, dem Wind und den Gewalten gewachsen. Ein heller Moment auf dem Dachboden, der in seiner Gesamtheit etwas ist: das Hier, das dort war.

Ich mag dieses Gedicht, weil es mich hineinführt in die Komponenten, die Zutaten eines besonderen Moments. Ich werde hineingestellt. Ich mag Vorstellungen, die dort gegeben werden, um am Ende umzulenken in Vorstellungen, die nicht mehr gegeben werden können, aber da sind.

Ich bekenne aber unbedingt:  ich würde es heute mehr mögen, wenn es weniger zielausgerichtet den Kopf dirigiert, stattdessen - ganz Bauch - Konflikte heraufbeschwört, die denselben Trip hervorrufen, dieselbe Irritation, denselben Fund, nicht unbedingt mit einer geringeren Bestimmtheit, vielleicht aber doch mit einer zusätzlichen (kann man sagen: erweiterten?) Unbestimmtheit, mit einem Strich durch die Rechnung, die mich noch alleiner, noch verlassener und zweifelnder, aber dafür mich selbstverantwortend zurücklässt. Nicht mehr tröstend. Ich mag es, alleine den Weg zu finden und finde ihn gern ohne Tröster. Der Mensch ist kein Hinterherläufer, sondern ein Erkunder und ein Wegbereiter, alles wortwörtlich genommen. Die Poesie einer bekannten Strecke ist weniger spannend, als die einer unmöglichen Premiere.

Ich mag Gedichte, die es verlernt haben, etwas Genaues zu wollen, oder genau Etwas, und die mich weniger dirigieren, als überraschen wollen, wie eine Collage überrascht, mit einem Mix, einem Techtelmechtel der Wortmoleküle und Satzinsekten, irritierend, inspirierend. Der Collagist ist eigentlich die Bühne, auf der das Zusammenführen geschieht. So ähnlich führt Johannimloh zusammen, aber sehr viel realer, als man es heute tun würde.

Mein Problem ist, daß meine Welt, je länger ich lebe, eine immer mehr zerfetzte wird: alles verliert nach und nach seinen Sinn und man könnte dazu sagen: seine Maske. Es sieht plötzlich aus. Also eigentlich nicht mehr aus. Die Welt verliert ständig ihr Aussehen, in immer kürzerem Takt, und zeigt sich als Verführung, wo sie am elendsten ist. Der kleine (oder große) screen, der mich durch den Tag bringt, schaukelt mich nicht nur, sondern verschaukelt die Welt. Mein Amüsement bringt (sehr verdeckt) den absehbaren Tod und das Aussterben mit sich. Der Schirm ersetzt die Welt mit things of thoughts nach meinem Gusto – dabei ist es wurscht ob das Meine irgendeine Maske benutzt oder das Deine sie abnimmt. Es gibt eine breit aufgesetzte Gleichgültigkeit, im Endeffekt ist alles gleich gültig und am Ende sogar belanglos, für was man sich entscheidet.

In dieses Terrain stellt man sein Gedicht. Es hat längst keine Behauptungsattitüde mehr, nur noch eine Objektivierung (Be-Objektung) des Daseins.

Ich gehöre zu den Lyrikern, die mit dem vielbändigen Akzente-Nachdruck bei Zweitausendeins groß geworden sind. Ich bin sozialisiert mit Lyrik aus den 60er/70er/80er Jahren, die ich vorfand und die mich verführte. Was damals verführerisch und neu war, wäre als heute gemachtes Gedicht für mich in der Regel nicht mehr spannend. Es kann weiterhin: gut gemacht sein.

Genau das ist Norbert Johannimlohs Gedicht: saugut gemacht. Ich mag das Licht in dem Gedicht, das nie erwähnt wird, aber immer da ist. Es gibt den gelben Duft dörrender Lindenblüten. Selbst im Geruch ist das Licht vorhanden. Man hat die Blüten – es ist Sommer - auf dem Boden aufgehangen, ins helle Trockene, das es dort gibt. Das Licht, das nie erwähnt wird und das Trockene dort, draußen zu sein im Drinnen, das macht diese Location so faszinierend und zu einem „Es“, zu einem inneren Ort, vom Außen verschont, dem dieses Außen trotzdem hereinbricht als Licht.  

Ein Gedicht, das ich mir gerne merke und das ich gerne betrete: beispielhaft für seine Zeit. Und genauso lese ich es und habe eine ähnliche Freude daran, wie an Musik aus der Zeit: wie meinetwegen am Barabajagal von Donovan (den jeder unterschätzt, der in ihm nur den Folkkasper sieht, mit akustischer Klampfe und Atlantisträumerei. Nein: zum Beispiel bei Barabajagal zerhaut er zusammen mit der Jeff Beck Group jede Harmlosigkeit und Infantilität und bereitet einen Tanzhimmel, den es wieder gibt, seit ihn Crate Digger wieder entdecken). Nur wer Räume betritt, kann sie verlassen. Oder wie Donovan, der ein wirklicher Poet war, sagt: Love is hot, truth is molten.

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