Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Paulus Böhmer* 1936† 2018

 

Für Böhmers Marieluis. Für das Lächeln
des Nat King Cole. Für den Landstörzer,
den Degenschlucker, den Fuchs.
Für Tina vom Strich.
Für Dich, der Du dies liest.
[…]

 

Kaddish
für Moische,
Theophrastus bombastus felidae,
Samtfußrübling,
Schnurrbasislager,
Bruder Nautnutz,
Treppenhausmontezuma
Prinz
mit den Meyerbeerböhnchen
Saftsäckchen, Gurrlautgenerator
getigerter Somnambuler!

Kaddish
für Gypsi,
Mäuseasina, schwarze
Heimhierodule,
Cicsbeoscharwumme,
Gurrlautmadonna,
Pelzstelchen, verruchtes,
Steifsteertmarjellschen,
Leibinformanzin,
Bauchfellandante,
zärtliche Murrnermazone!

Bei Euch war ich schön. Bin jetzt der
Arme-ohne-Euch.
Kaddish
für Claudia Z.
Eine lethargische
Pflanze das Becken,
zitternd im Säfteverlauf.
Falten wie Mousseline, wie von Adzedine Alaïa,
unter dem Schädeldach hoch=
gebunden die Flechten, bloß–
gelegt das Gesicht, unter dem Schädeldach Kabel und Flächenbrände:
warum, was war, so war wie es ist,
und ein weißes Lächeln – alles, was ich noch weiß.
Für die Großmäuler, Schlappmäuler, Schisser.
Für die Lahmen, die Luschen wie
Popanze klebend in Klassenzimmern,
und kein Ende: das Sterben, die Kindheit.

2002

 

Paulus Böhmer wurde am 20. September 1936 in Berlin geboren und wuchs in Nieder-Ofleiden bei Homberg / Ohm und im Ruhrgebiet auf. Er studierte Jura, Architektur und Germanistik, wurde Industriekaufmann und arbeitete als Stauden- und Ziergraszüchter, Lektor und Werbetexter. Seit den frühen 1970er Jahren lebte er als Schriftsteller und Maler in Frankfurt am Main. Von 1985 bis 2001 leitete er das Hessische Literaturbüro, das heutige Hessische Literaturforum im Frankfurter Mousonturm. Er schrieb für das Theater und den Rundfunk. Zusammen mit seiner Ehefrau Lydia Böhmer übersetzte er unter anderem die Lyrik des israelischen Dichters Jehuda Amichai ins Deutsche. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Paulus Böhmer ist im Alter von 83 Jahren 2018 verstorben.

Ein winziger Auszug aus Paulus Böhmers Opus magnum, dem Langgedicht „Kaddish I – XXI“. Es umfasst zwei Bände, Bd. 1, S. 1-345, Bd. 2, S. 1-337, es dürfte das längste lyrische Werk der neueren deutschen Literatur sein.
Die Kaddish (Duden: Kaddisch), aramäisch für „Heiligung“ sind im Wesentlichen eine Lobpreisung Gottes. Obwohl sich mit der Zeit Assoziationen mit Tod und Trauer entwickelt haben, erscheinen diese Begriffe nicht selbst im Gebet. Die wichtigsten Gedanken des
Kaddischgebetes finden sich auch in dem im Neuen Testament Jesus von Nazareth zugeschriebenen Vaterunser. Das Kaddish ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum.

Das Werk gliedert sich in 21 Kaddish, die aber zahlreiche „Unterkaddish“ enthalten. Der Text setzt sich zusammen aus Realitätspartikeln, gedanklichen und phonetisch begründeten ___STEADY_PAYWALL___Assoziationen, Lesefrüchten und Erinnerungen, im Grunde aus allem, was eine sprachliche Form annehmen kann. Aber auch nicht Sagbares versteht Paulus Böhmer zu sagen, indem er Neologismen erschafft. Sprachspielerisches wie die Deskriptionen der beiden Katzen im Zitat steht hart neben Schilderungen Verstorbener. Wo auch immer man in dem Wörter–Gespinst zu lesen ansetzt, wird man von einem Sog hineingezogen, da man ständig Unvorhersehbarem begegnet. Linearität ist nicht zu erwarten, aber das menschliche Bewusstsein arbeitet auch nicht linear, kommt vom Hundertsten aufs Tausendste, springt, bricht ab, ängstigt und erfreut. Aber alles und jedes wird vergehen, alles ist von der Todeshaut Ernst Meisters ( Ach, in der / eigenen, ach, / in der Todeshaut […]) umhüllt, es braucht nur ein Wort Tod, und Paulus Böhmer setzt an, sein Alles––und–jedes aufzuzählen und hätte eigentlich nie enden können.
Jehuda Amichai beschrieb Böhmers lyrische Welt als ein riesiges Aquarium, „in dem seltsame Fische und Steine und Pflanzen zusammenleben und wirken, Gutes und Schönes mit Grausamem und Hässlichem. Dies ist die konzentrierte Ewigkeit in Böhmers Gedichten.“1 Stilistisch ist Paulus Böhmer mit Kaddish ganz nahe bei Finnegan’s Wake und auch nicht weit von Arno Schmidt. Und F. C. Delius lässt in seinem „Verlegenheitsgedicht“2
Walter Höllerer, bei dem Paulus Böhmer in Berlin Literatur studierte, sagen:

[…] und Höllerer stimmte dem zu,
im Flugzeug, er sagte, wir müssen lange
Gedichte machen, und er machte lange Gedichte,
das beste, was es gibt heute an Lyrik,
das sind doch erst Leute, die lange Gedichte machen,
was sind das für Leute, die kurze Gedichte machen, […]

Und Paulus Böhmer machte ein Gedicht, ein richtig langes.3

  • 1. Nach Harry Oberländer, Faustkultur, aufgerufen Mai 2020
  • 2. In F. C. Delius; Wenn wir bei Rot. Berlin 1969. S. 43
  • 3. Kristoffer Cornils schrieb einen sehr einfühlsamen und treffenden Text zu Kaddish, Fixpoetry, aufgerufen 16.06.2019

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