Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Peter Rühmkorf* 1929† 2008

Bleib erschütterbar und widersteh

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
bleib erschütterbar – doch widersteh!

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
– Fortschritt marsch! mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, daß die Kotze sich vergolde:

Schön, wie sich die Sterblichen berühren –
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
daß der Liebe gleich der Mut vergeh …
Wer geduckt steht, will auch andre biegen.
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar.
Bleib erschütterbar – doch widersteh.

Widersteht! im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee …
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr,
leicht und jäh – – –
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh.
 

Peter Rühmkorf: Haltbar bis Ende 1999, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 28

1979

 

Peter Rühmkorf wird 1929 in Dortmund geboren. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater reisender Puppenspieler. Er wächst in Warstade-Hemmoor bei Stade in Niedersachsen auf, wo er Volksschule und Gymnasium besucht. Nach dem Abitur 1950 studiert er Pädagogik, Kunstgeschichte, Germanistik und Psychologie in Hamburg, macht aber wegen Konflikten mit Professoren keinen Abschluss. Während des Studiums nimmt er an Theaterprojekten teil, gibt eine Zeitschrift heraus und arbeitet an dem »Studentenkurier« mit, einem Vorläufer der Zeitschrift »konkret«. Von 1958 bis 1964 ist Peter Rühmkorf als Verlagslektor bei Rowohlt tätig. ___STEADY_PAYWALL___Er schließt sich der Gruppe 47 an und ist seit 1963 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg. Peter Rühmkorf ist in diversen Institutionen im In– und Ausland auch in der Lehre tätig. 2008 erlag Peter Rühmkorf einem langen Leiden.

Der Elan der Jugend von 1968 ist infolge von politischen Ausdifferenzierungen, Gründungen seltsamer kommunistisch-leninistischer und maoistischer Parteien 1979 bereits erlahmt, doch das Gedicht ruft ganz unabhängig davon sowohl zur Empathie als auch zum Widerstand auf. Sich nicht gänzlich in den Strudel des Arbeitsprozesses ziehen zu lassen und sich mit Mitstreitern, Genossen, zusammenzutun. Versteht man den Text als Ermutigung, sich nicht fremdbestimmen zu lassen, sondern sich ein möglichst großes Maß an Autonomie zu bewahren, kann es auch heute Gültigkeit beanspruchen ebenso die Sentenz „Wer geduckt steht, will auch andre biegen.

Letzte Feuilleton-Beiträge