Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Rainer Brambach* 1917† 1983

Das Beil

Verdrossen nach dem Streit um nichts,
Rechthaber du und ich um wiedernichts,
kamen wir durch das fremde Dorf.
Die Dämmerung mischte Jauche und Milch
vor den Ställen.
Wir sahen unterm Scheunendach den Knecht
am Spaltstock,
sahen das Beil und hörten es eintreffen,
hörten noch lang hinter uns
die Stille, das Beil, die Stille, das Beil
wie es eintraf.

Hinter dem Namen ein Raum

„Ich fand keinen Namen dafür“ – so hieß ein schmaler Band Gedichte aus dem Diogenes Verlag (1969 erschienen), den ich aus einer Wühlkiste in der Stadt hervorgekramt und für eine Mark gekauft hatte. Da ich kein Geld hatte, destillierte ich fast alle meine Bücher aus solchen Konvoluten. Es war eine schwierige Zeit, ich hörte Peter Hammills „Over“ und seine verlustreichen Songs, bei Kerzenlicht und einer Flasche Sherry, Gold, mit dem ich mich in ein Dunkel einkaufte, wo alles fehlte. Weil ich Angst hatte mein eigener Mensch zu sein, verkrümelte ich mich in Verse und band sie wie Drachen an mich, damit sie in der Stille flattern. Ich betrank mich, schrieb, daß nichts wahr war und lebte den Zweifel. Ich zerriss mich und dachte mich selbst als Mikado. Theater.

Dort hinein platzte Rainer Brambach. Schon der Titel des Buches war spannend. Man lebte mit Namen und vergab sie bei jeder Begegnung. Man rief sie wach und nutzte sie, um zu jonglieren. Aber das titelspendende Gedicht „Am Nachmittag“ verweigerte genau das.

Diesmal kam es am Nachmittag
und nicht wie sonst immer
in der Nacht.
Es kam wieder, doch ich fand
auch am Tag keinen Namen dafür.
Diesmal schien es gelb.
Ich saß in der Küche,
ein abgebranntes Zündholz
zwischen den Fingern.

Nichts ist selbstverständlich. Es gibt, was wir mit unseren Begrifflichkeiten zudecken, auch nackt und ohne Namen. Es zu reduzieren, indem ich es betitle, macht Sinn – alles geht leicht und flott von der Hand. Aber diesen Sinn macht es nur für uns, es gibt ihn nur in unserem eigenen Zusammenhang. Und irgendwann sind wir in so viel Eigensinn verwebt, daß wir Eigentliches nicht mehr sehen. Geschehen an sich ist offen. Brambach sitzt allein in der Küche und hört auf, allein in der Küche zu sitzen; er verlässt seinen Kontext und findet zum Wunder.

Hier schrieb einer, der anders einsam war, in einer von Larmoyanz völlig verschont gebliebenen Sprache. Ich dachte an meine vollgeschriebenen Zettel aus der Nacht und schämte mich. Meine eigenen Texte schienen mir plötzlich egoman, großmäulig und  überkandidelt, Spielereien, die eine Art Impotenz überdecken sollten. Endlose Etüden mit dem Blick fest auf das, was auf dem Blatt passiert. Und daneben passierte etwas anderes, von mir unbeachtet und von mir heimlich gefürchtet. Während ich meinen Singsang im Kopf hervorsprudeln ließ, grub Brambach mit der Hand in der Erde und pickelte schweißgebadet Lehmgruben, um Bäume zu pflanzen: „Ich wiege achtzig Kilo und das Leben ist mächtig“ schrieb er. Brambach war Möbelpacker, Torfstecher und Gartenbauarbeiter und ich ein verwöhnter, blaumachender Schüler, der sich mit Sherry betrank und die Welt im Kopf vermutete, weil man sie dort betäuben konnte, der lieber eine undurchschaubare Show abzog, als sich selbst hinzustellen. Ich spürte einen Ernst, vor dem ich mich drückte, weil er mit Einsamkeit verbunden schien.
Die Stille, das Beil, die Stille. Das lebte. Dazwischen gab es etwas, einen zusätzlichen Raum. Dort geschah es. Und Brambach stand nicht einfach cool und unbeteiligt beiseite. Es gab keine gespielte Souveränität in seinem souveränen Spiel. Er war sehr einfach und klar vorhanden. Das beeindruckte mich. Ich lernte von Brambach, daß das Ich weder eine Rakete noch eine Sintflut, sondern nur ein Bei-Spiel ist. Es darf da sein, aber gehören tut es einem nicht mehr. Lyriker sind Menschen, die ihr Ich ablösen können, dachte ich mir. Und damit besitzlos sind. Sie stellen es in einen Raum, der nicht mehr ihnen gehört – sondern dem Gedicht.

„Diese Gedichte sind Schöpfungen aus dem Nichts, der Akt ihrer Entstehung fällt mit dem schonunglosen Eingeständnis zusammen hart an der Niederlage zu leben.“ bemerkte Frank Geerk.  Zwischen Brambachs erstem und zweiten Gedichtband vergingen zehn Jahre, und weil die magere Ausbeute von 30 Gedichten nicht ausreichte, stockte man auf, indem man einige Texte aus dem ersten Band nochmals veröffentlichte. Obwohl er (bspw. in Günter Eich und Hans Bender) einflußreiche Unterstützer hatte, Brambach kam nicht mit dem Literaturbetrieb zusammen und verweigerte sich immer wieder. Er wollte nicht, daß man nur klug über Gedichte redete, sie gehörten für ihn in das Gemeinsame. Poesie war ein allgemeingültiger Bestandteil der Welt, von jedem zu entdecken, von jedem zu lesen.  So wie Einsamkeit ein ubiquitärer Zustand war.

Brambach trank und fiel weg in Depressionen und schrieb nurmehr in Momenten, in denen zufällig alles so vorhanden war, daß es zu einem Gedicht kommen konnte. Zum Schluß waren es Kneipenlieder; aus der euryöken Gegenwart war seine Poesie in eine eingeschleifte Nische verdriftet.

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