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Lesart
Reinhard Goering* 1887† 1936

Nacht

Nun ist mein Kammerfenster wie ein Auge,
Durch das zu mir hereinsieht ew’ge Nacht.
Und ich, mit dem vergänglicheren, sauge
Mich fest an diesem großen, das nicht lacht.

Auf mich mit grauem Auge sieht das All.
Enträtseln wird es nichts aus meinen Mienen
Als nur sich selbst – wie ich im gleichen Fall
Nur finde Licht, das ihm aus mir geschienen.

Mit grauem Auge sieht das All

über ein unveröffentlichtes Gedicht von Reinhard Goering

Reinhard Goering (1887-1936) ist in der deutschen Literatur unvergessen als Dichter expressionistischer Dramen (seine Lyrik galt bislang als unergiebig und ist größtenteils unveröffentlicht), allen voran der SEESCHLACHT - gegen Ende des ersten Weltkrieges aufgeführt, zeigt sie den inneren Kampf der Soldaten im Geschützturm eines Zerstörers während der Schlacht am Skagerrak und erregte großes Aufsehen schon bei seiner Uraufführung 1918 in Dresden. Plötzlich war Goering bekannt und anerkannt. Das Stück selbst entstand schon im Jahre 1916 und sammelt eigentlich innerweltliche Erfahrungen von Reinhard Goering, die er im Jahr 1915 auf dem Monte Verità in Ascona gemacht hatte, als er flohzerstochen in einem alten Vogelfängerturm lebte.

„Im Sommer 1915 bewog mich eine Freundin meiner Kusine nach Locarno zu fahren anstatt nach Lugano. Ich hatte es nicht zu bereuen.“ erinnert sich Goering später. Nachdem er kurze Zeit zu Jahresbeginn 1915 als Arzt in einem Feldlazarett Dienst getan und sich dabei mit Tuberkulose angesteckt hatte, war Goering auf Staatskosten zur Heilung nach Davos geschickt worden. In Davos hatte er sich im Mai mit dem Komponisten Frank Wohlfahrt angefreundet, dem er von Locarno aus – es ist Juli - schreibt, er möge doch nachkommen. Nicht ganz ohne Hintergedanken. Wohlfahrt hatte in Davos Goering aus der allgemeinen Liegehalle zu sich herauf auf seinen privaten Liegebalkon geholt, war wohlhabend und nicht knauserig.
Für Goerings Aufenthalt in Davos zahlte der Staat, für eine Kur auf dem Monte Verità jedoch hatte er selbst aufzukommen und über Einnahmen verfügte er nicht (sein 1913 erschienener Roman „Jung Schuk“ hatte kaum Beachtung gefunden. Die nach Davos nachgereiste Familie, seine schwangere Frau Helene zusammen mit der erstgeborenen Tochter, hielt sich mit Rubeln aus Odessa, die der begüterte Vater Helenes schickte, über Wasser). Also kam ein wohlhabender Freund mehr als gelegen. Und er kam. Man zog hinauf auf den Monte Verità ins Sanatorium des Belgiers Oedenkoven.

Auf dem umgetauften Hügel oberhalb Asconas, eingerahmt von subtropischer Vegetation, begegnete Goering erstmals und überraschend einer Welt, in der man versuchte Reformen nicht politisch und lauthals und theoretisch (an immer den anderen und an der ganzen anderen Welt), sondern praktisch und eindeutig an sich selbst zu verwirklichen.
Goering kannte bislang ein studentisches, von der fernen Verwandschaft bezahltes Leben, hatte sich als Bidhauer versucht, schrieb Gedichte, bohèmisierte, er kannte und schwärmte für den georgischen Dichter-Geist und hielt diesen für den Sinn des Lebens. Als er nach Ascona kommt, kennt er natürlich auch das Lazarett und einige Grauen des Krieges, aber nur als kurzes Intermezzo – es nimmt ihm sofort die Luft – sein Ekel will die Tuberkel, sie übervölkern die innersten Kontakte zur Welt. Er kennt das morbide, in grauen Träumen oszillierende, tatenlose Davos und er kennt letzten Endes das Leben als erzwungener Familienvater, der glaubt seine Pflicht zu tun, indem er sich um eine ungewollte Familie halbherzig kümmert und für die er sich Ausreden wie die Kunst sucht.

Aber er kennt nicht: wie das ist, wenn man versucht, ganz zu sich selbst vorzudringen, alles, wirklich alles mal wegzulassen, jede Form von Kleid, jede Art von Ballast, das Versinken in Meditation, Innehalten bei Atemübungen, Tanzen im hellen Licht der Natur, die Reaktionen von Körper und Geist auf Askese und Enthaltsamkeit. Man geht nackt und ernährt sich vegetarisch.
 „Ich tanz verzückte Tänze bei den Farnen. / Auf nacktem Fels erschau ich neue Welt.“ lauten zwei Zeilen eines Gedichtes, das er 1916 in Davos in Erinnerung an die ersten Momente in Ascona schreibt. Was in Ascona und namentlich auf dem Monte Verità Realität ist, überrascht und ist neu für ihn und bietet ihm ein breites Feld neuer Antworten. Goering, der Dramatisierer (und spätere Dramatiker), der die Dinge immer sofort in die Tiefe denkt, versinkt zunächst in eine orientierungslose, offene Schwebe, in der das Neue sich mit dem Alten anfasst und abgleichen will. Ohnehin ein Zweifler, wird er hier zum Entdecker tiefster zivilisatorischer Maskeraden, an sich, an anderen. Aufs Elementare hingewiesen, reflektiert er neue Gedanken und lenkt das Licht daraus auf sein altes Thema zurück: den endgültigen Moment. Goering ist zeit seines Lebens immer dem Moment verhaftet, es gibt nur darin Konstanz. Er treibt auf ihn zu und übertreibt ihn. Gespräche lenkt er meist von Belanglosem in kürzester Zeit auf psychologisierte und philosophierte Ebenen. Auch in seinen Stücken gibt es Brüche, Momente, die plötzlich kippen und zu Extremsituationen werden. Dorthin zielt Goering, nur dort ist er lebendig, spürt er sich und die anderen.

„Es verbrenne das Faule, das Tote im Menschen und in dessen Wirkungskreis! – Im Lichte der Flamme, die aus dem Scheiterhaufen bricht, erblicken wir dann neues Leben…“ liest man in einer Schrift der Sanatoriumsgründer. Bei allem Reformgeist  - es sind kultivierte Leute auf dem Monte Verità und keine Revoluzzer (die findet man im Umkreis). Oedenkoven gilt weithin als vornehmer Herr, seine Partnerin und ebenfalls Sanatoriumsgründerin Ida Hofmann gibt abendlich Klavierkonzerte. Man spielt Wagner. Die Verpflegung wird, im Gegensatz zu den Anfangsjahren, als das Essen noch anonym aus Klappen zu entnehmen war (um den Bediencharakter zu vermeiden), freundlich serviert und ein geregelter Sanatoriumsbetrieb, organisiert von einer fachkundigen und praktisch orientierten Ärztin, umspült die wenigen Gäste. So ist es leicht, anregende Gespräche zu führen, sich um sich selbst zu kümmern und sogar eine Art gesellschaftliches Leben zu führen. Mag sein, dass bei einem dieser Abende, man lauscht Ida Hofmann am Klavier, der Komponist Frank Wohlfahrt mit einer wohlhabenden Dame aus Berlin ins Gespräch kommt, die für den norwegischen Komponisten Edvard Grieg schwärmt. Es ist Cäcilie Maria Albers. Man spricht über Musik. Als sie dem dunkeläugigen, im Abgleich der Elemente schwebenden, tiefsinnigen Goering vorgestellt wird, ist es gleich um sie geschehen. Und Goering, dessen Frau schwanger in Davos auf ihn wartet, dessen Ehe aber nie wirklich glücklich war, lässt sich ein, lässt sich fallen.

Ob im Streit mit Wohlfahrt (weil dieser eifersüchtig wird) oder aus Geldmangel, oder wegen beidem, Goering weicht aus in die Peripherie und findet Unterschlupf in einem verlassenen Vogelfängerturm. Roccoli, so nennt man im Tessin die steinernen Türme, die den Vogelfängern als Behausung dienten (dort wärmten sie sich und warteten, daß sich Singvogelschwärme in den Fangnetzen zwischen den Bäumen verhedderten). „Bald war ich irgendwo in den Felsen in einen Turm gezogen, wo mich die Flöhe zerstachen und jeder besuchen konnte, der wollte, da der Turm von mir nie verschlossen wurde.“

Der besagte Turm „lag mitten im Weinberg, eine Viertelstunde von der nächsten menschlichen Behausung entfernt. Drei kleine, einfache Räume gab es darin, alle drei übereinander gelegen und mit zwei Hühnerleitern miteinander verbunden. Wenn auch seine Ostseite fensterlos war und es nach der Gotthardseite nur Klappläden gab, war doch die Aussicht, die man vom Roccolo genoß, unbeschreiblich schön.“. So schildert ihn Käthe Kruse, ihr war der Turm Heimstatt geworden, ein Jahr nachdem sie 1904 nach Ascona gekommen war und zunächst in einer der Oedenkovenschen Lufthütten gewohnt hatte. Der Roccolo war weitaus billiger zu mieten als eine Unterkunft auf dem Monte Verità. Ein Umstand, den auch Franziska zu Reventlow zu nutzen weiß, die den Turm im März 1911 bezieht und längere Zeit darin wohnt, und den nun auch Reinhard Goering sich zu Nutze macht. Es ist derselbe Roccolo, in dem wenige Jahre später Werner von der Schulenburg in Ascona sesshaft wird, und den er in seinem Buch „Briefe aus dem Roccolo“ zur Hauptfigur werden lässt. Goering wird bis ca. Mitte Oktober im Roccolo und in Ascona bleiben, reist dann Cilla nach, erst nach Wannsee, dann in ihre Villa in Nikolassee in Berlin. Die Geburt seiner zweiten Tochter in Davos erlebt er nicht mit. Er muß Gedichte und Tragödien schreiben.

Er hatte in den Wochen im Tessin in eine große innere Tiefe gefunden, fühlte sich in den lebensreformerischen und radikalphilosophischen Ansätzen des Monte Verità-Umfelds gespiegelt. So liegt er nun in Niklassee in einer Kammer und schaut durch ein Fenster in die schwarze Nacht. Wahrscheinlich ist es der Januar 1916. Man spürt deutlich die angespannte Leere in ihm, die sich einem Größeren öffnen möchte – ein Thema, das ihn zeitlebens begleiten wird: selber Licht sein, unverschuldet, hineinfinden in eine urtümliche Harmonie mit dem Kosmos - und das immer wieder im Widerspruch stehen wird zu einem anderen Drang: dem nach Selbsttötung, dem Abtöten und Erwürgen des Selbst, das viel zu oft und immer wieder keine Ruhe zuläßt in ihm.

Es wird ihm nie gelingen, sich dauerhaft im Licht zu finden - das Dunkle wird ihn immer wieder einholen und schließlich übermannen. Zunächst gibt er 1920 das Schreiben auf, das er erst 1925/26 wieder aufnimmt, um mit Zeitungsartikeln wenigstens etwas Geld zu verdienen, denn seine Anstrengungen als Naturarzt erfolgreich zu sein, sind vergeblich. Er wird sogar erneut Dramen schreiben und einen weiteren Literaturpreis gewinnen. Doch 1936 begeht er in der Nähe von Jena Selbstmord.

Ich fand das Gedicht in seinem Nachlaß – es ist bislang unveröffentlicht.

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