Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Rolf Haufs* 1935† 2013

W.

1
Immer kamen wir zu spät Ich wartete
Bis deine verletzten Beine es geschafft hatten
So viel Schnee hat uns bedeckt und doch
Die Splitter trafen dich du schriest
Blutroter Park Blutrote Stadt

2
Später warst du der Beste die Diktate
Fehlerlos die Aufsätze verrieten
Daß du wußtest was Angst ist
Ich fing an dich zu hassen weil du
Wieder alle Vokabeln gelernt hattest

3
Rauchen was das trockene Laub hergab
Mittlere Brände wir sahen die Dome
In Asche liegen Christus verkohlt
Kein Stigma Wir grüßten
Gewaschen gekämmt den Führer

4
In der Nacht haben sie dich geholt
Das Bild das brennt noch immer
Du siehst dich um zwischen zwei
Männern Mond schien die Sterne
Unsere kleinen Kindergärten
erfroren      Da hätte ich
Schreien mögen

5
War aber still

 

Rolf Haufs: Felderland. Gedichte. München 1986, S. 18.

1986

 

Rolf Haufs, 1935–2013, wuchs in Rheydt auf und ließ sich 1953–1956 zum Industriekaufmann ausbilden. Er war bis 1960 bei verschiedenen Firmen in seinem Beruf tätig und ging dann nach West–Berlin, wo er bis zum Lebensende lebte. 1962–1967 war Rolf Haufs Mitglied der Gruppe 47, von 1972 – 1999 arbeitete er als Leitender Redakteur für Literatur beim Sender Freies Berlin. Rolf Haufs verfasste Lyrik, Kinderbücher, Prosa und Hörspiele.

Ein offenbar jüdischer Schulfreund, dessen Name Rolf Haufs mit W. nur dezent andeutet, wurde im Krieg von Geschosssplittern verletzt. Er war der Beste in der Schule und die Verheerungen des Krieges, die „Dome in Asche, Christus verkohlt“ (ein Bild, das an den Vers „Es liegt Maria erschlagen vorm Tor“ in Peter Huchels Gedicht „Dezember 1942“ erinnert) gehören zum Alltag der Jungen, ebenso, dass sie den „Führer“ grüßten.  Dass der Junge eines Nachts von der Gestapo abgeholt wurde, dieses „Bild das brennt immer noch“. Die Barbarei wirkt als Trauma in nachfolgenden Generationen fort. Die Traumata zu benennen und nicht, wie allzu oft in den Brunnen des Schweigens zu versenken, sie als lyrische Aussage zu objektivieren, fügt sie in das kollektive Gedächtnis ein. Die geteilte Erinnerung an W. könnte so dazu beitragen, dass niemandem jemals wieder Ähnliches angetan wird. Rolfs Haufs war die Bedeutung von Erinnerung für seine Lyrik bewusst:

Mein Ich ist gezeichnet von Erlebnissen, die weit zurückliegen. Was macht das Kinder-Ich, wenn es erwachsen ist? Kommt es unter dem Schutt hervor? Ist es trotzig, wütend, widersteht es? Literatur trägt die Last vergangener Jahre. Literatur ist allergrößte Anstrengung des Denkens, des Umgangs mit der Sprache, der Fähigkeit zur Abstraktion. Literatur ist Schmerz.1

  • 1. Wikipedia-Eintrag Rolf Haufs a. a. O.

Letzte Feuilleton-Beiträge