Fixpoetry

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Lesart
Sarah Kirsch* 1935† 2013

 

Wiepersdorf 11
Männliches Steinbild im Park

Leider leider werden die Damen
Immer schnurriger. Was die nicht mehr
Können und alles vermögen! Die trennn sich
Dreimal im Leben von Diesem und Jenem, die
                                                                         schleppen
Nur das Nötige mit die Kinder, die Arbeit
O wie mir graut!

 

Sarah Kirsch. Rückenwind, Ebenhausen bei München 1977, S. 29

1976

 

Sarah Kirsch ist 1935 in Limlingerode im Harz als Ingrid Bernstein geboren. Die Familie zieht nach Halberstadt um, wo sie ihr Abitur macht. 1958 schließt sie ihr Studium der Biologie mit dem Diplom ab. Den Namen Sarah nimmt sie aus Protest gegen die Geschehnisse der Shoa und den Antisemitismus des verstorbenen Vaters an. Von 1963 bis 1965 studiert sie am Johannes R. Becher–Institut in Leipzig. Von 1960 bis 1968 ist sie mit Rainer Kirsch verheiratet. Da sie die Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet, wird sie aus dem Schriftstellerverband und der SED ausgeschlossen. Im August 1977 siedelt sie in die Bundesrepublik über, wo sie sich in Norddeutschland niederlässt. Sarah Kirsch erhielt zahlreiche Preise, u. a. den Heinrich Heine–Preis, den Österreichischen Staatspreis und den Büchnerpreis. Sie ist 2003 in Heide/Holstein verstorben.1

Voller Ironie gibt Sarah Kirsch wieder, was das versteinerte Patriarchat zum emanzipierten Leben der Frauen sagt. „Rückenwind“ ist ein Jahr vor Sarah Kirschs Übersiedelung nach Westdeutschland zuerst in der DDR erschienen. Obwohl die Einbeziehung der Frauen in die Volkswirtschaft der DDR ein höheres Maß an Emanzipation ermöglichte, als im Westen gegeben war, scheint dieser Umstand auch in der DDR keine Selbstverständlichkeit gewesen zu sein. In Westdeutschland begann nach 1968 die sogenannte Zweite Emanzipation (nach den ersten Schritten in der Weimarer Republik), die sich bis heute weiter entfaltet. Der Witz des kurzen Textes liegt in dem Rollenwechsel der Dichterin, die sich als Stimme des Steinbilds ausgibt. Sie formuliert vier prosaische Aussagesätze, die nur durch das Mittel des Enjambements lyrischen Charakter annehmen. Die Ablehnung der erstarrten patriarchalen Haltung teilt sich durch die Wortwahl mit: Herablassend werden die Frauen als „schnurrig“, also als seltsam und von der Norm abweichend bezeichnet, weiter durch die Reduplikation „leider, leider“ und den vollkommen übertriebenen Stoßseufzer „O wie mir graut!“. Unnötig zu sagen, dass Selbstbestimmung kein Anlass für „Grauen“ ist, aber wenn jüngere Frauen heute in der Familienphase davon sprechen, sie seien in die „Traditionsfalle“ geraten, wird deutlich, dass die Steinbilder immer noch Macht haben.

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