Fixpoetry

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Lesart
Siegfried Einstein* 1919† 1983

Schlaflied für Daniel

Lampertheim ab 12.29 – Frankfurt an 21.15

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.
Und es ist Nacht.
Die Scheiben klirren im Wind,
da sind die Toten erwacht,

die Toten von Auschwitz, mein Sohn,
Du weißt es nicht
und träumst von Sternschnupp‘ und Mohn
und Sonn- und Mondgesicht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.
Und es ist Nacht.
Die Toten stöhnen im Wind:
viel Menschen sind umgebracht.

Du darfst nicht schlafen, mein Sohn,
und träumen von seliger Pracht.
Sieh doch! Es leuchtet der Mohn
wie Blut so rot in der Nacht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.
Und es ist Nacht.
Die Toten klagen im Wind –
und niemand ist aufgewacht …

 

Siegfried Einstein: Das Wolkenschiff. Zitiert nach Horst Bingel (Hrsg.): Zeitgedichte. Deutsche politische Lyrik seit 1945, München 1963, S. 99.

1950

 

Siegfried Einstein, 1919–1983, ist in eine begüterte deutsch-jüdische Familie im schwäbischen Laupheim geboren worden. Sein Vater besaß das in der Region größte Kaufhaus. Die Familie förderte seine literarische Begabung, sein erster Lyrikband erschien, als er 27 Jahre alt war. Orientierung boten ihm die Werke Rainer Maria Rilkes, Friedrich Hölderlins, Georg Trakls und des Expressionismus. Er war gerade 15 Jahre, als ihn seine Eltern in die Schweiz schickten, damit er in Sankt Gallen ein Internat beziehe. Den Anlass gaben antisemitische Erfahrungen, so rief ihn sein Mathematiklehrer an die Tafel:

Er sagte, ich solle mein Gesicht genau an die Tafel halten und er wolle mit der Kreide meine Schädelform nachfahren. Das tat er. Ich erschrak über mein Porträt: denn ich hatte dort eine riesenlange Nase, während ich in Wirklichkeit eher eine schwäbische Stupsnase besaß. Er sagte vor versammelter Klasse, die lachte und höhnte, sie erkennten nun, wie ein jüdischer Junge auszusehen habe.1

Auf dem Heimweg bewarfen ihn Mitschüler mit Steinen, so dass er blutend nach Hause kam. Auf der Internatsschule erwirbt er ein Handelsdiplom und das Oxfordzertifikat über englische Sprachkenntnisse. 1939 entziehen ihm die Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Emigration in die Schweiz rettete dem Jungen zwar das Leben, aber als Staatenloser zwingt ihn die Schweizer Bürokratie in Arbeitslager und verpflichtete ihn zur Arbeit im Straßenbau und im Steinbruch verbunden mit Erfahrungen des Hungers und der Krankheit. Ein Tagebuch-Eintrag (1951/52) Siegfried Einsteins beschreibt seine Erfahrung des Lagerlebens:

"Damals wurden wir alle, die wir schuldlos Haus und Hof verloren hatten, ausgenützt wie Sklaven im finstersten Altertum. Für 75 Rappen täglich (bei Strohsacklager und magerer Kost) waren wir verurteilt, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends Strassen zu bauen, Neuland zu gewinnen, Eisenbahnschienen zu legen etc. In Gampel holte ich mir jene schwere Ruhr, unter deren Nachwirkungen ich heute noch so sehr zu leiden habe, und ich muß den lieben eidgenössischen Behörden noch tausend Dank sagen, daß sie mir meinen Aufenthalt immer wieder verlängern.“2

1944 gab es in der Schweiz 88 Arbeitslager für Staatenlose,3 Siegfried Einstein musste einige davon kennen lernen:

Welch ein Lied könnte ich anstimmen, wenn ich an die Behandlung in den Lagern von Locarno, Vouvry, Visp, Gampel, Davesco denke! Die Jahre 1940 bis 1945 sind noch nicht vergessen.4

Die Härte der Arbeitslager findet sich in dem Buch von Sibylla Elam »Es soll dort sehr gut sein. Eine Familiengeschichte von Flucht, Vernichtung und Ankunft«, Zürich 2017, ihre Bestätigung. Eine der Hauptpersonen, Axel Kurmack, befand sich in dem Lager Gampel und schreibt, dass die Insassen auf dem Kartoffelfeld arbeiten, in kalten Sälen auf Strohsäcken schlafen und sich im Freien an einem Brunnen waschen mussten. Die Verhältnisse lassen sich mit den Zuständen in den deutschen Konzentrationslagern natürlich nicht gleichsetzen, aber den Insassen wurde über Jahre verwehrt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Siegfried Einstein schrieb nach dem Krieg für in- und ausländische Zeitungen, war im Verband der Verfolgten des Naziregimes VVN tätig und aktiver Gegner militärischer Gewalt, er setzte seine Unterschrift unter den Aufruf zum Ostermarsch 1966.

Siegfried Einstein singt seinem Sohn ein trauriges Lied von den Deutschen, die angestrengt die Verbrechen der jüngsten Vergangenheit beschweigen. Der Text erinnert an das letzte Gedicht aus Heinrichs Heines Zyklus »Zeitgedichte« von 1844 „Nachtgedanken“.5Denke ich an Deutschland in der Nacht, / dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine heißen Tränen fließen.“ Der Vers „Die Scheiben klirren im Wind“ nimmt Friederich Hölderlins Formulierung in »Hälfte des Lebens« „[…] im Winde klirren die Fahnen“ auf, worauf schon Heidrun Kämper hinwies.6 Erst mit der Studentenbewegung und der Graswurzelbewegung der „Geschichtswerkstätten“ in ihrem Gefolge, wird dieses Schweigen überwunden. Steht in Paul Celans Gedicht »Corona«7 aus dem Jahr 1948 „[…] wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis“ der Mohn wohl für Papaver somniferum, als Metapher für den Schlaf und das Vergessen, so wählt Siegfried Einstein die Pflanze auch, um mit der Farbe ihrer Blüte an das endlos vergossene Blut zu erinnern. Der Schlaf des Geistes ist unangebracht, denn „[…] da sind die Toten erwacht, […] Die Toten stöhnen im Wind […] Die Toten klagen im Wind […].“

  • 1. Heidrun Kämper:  Siegfried Einstein - Dichter, Emigrant, Zeitkritiker, in: Hermann Jung (Hrsg.): Spurensicherung. Der Komponist Ernst Toch (1887-1964) - Mannheimer Emigrantenschicksale. Frankfurt a. M. 2009.
  • 2. Heidrun Kämper, ebenda., S. 184.
  • 3. Heidrun Kämper, ebenda., S. 184
  • 4. Heidrun Kämper, ebenda S. 193.
  • 5. Klaus Briegleb (Hrsg.): Heinrich Heine: Sämtliche Schriften, Schriften 1837–1844, München 1976, Bd. 7; S. 432.
  • 6. Heidrun Kämper, ebenda., S. 179. Dort ungenau zitiert.
  • 7. Barbara Wiedemann (Hrsg.): Paul Celan. Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe, Frankfurt a. M. 2005, , suhrkamp taschenbuch st 3665., S. 39.

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