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Stefan George* 1868† 1933

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.

(1911)

Dein Prinz

Es gibt da eine dunkle Seite. Obwohl dieses letzte Gedicht von Stefan George so hell ist und schön. Es ist kunstvoll gebaut und feiert einen schönen, vielleicht auch selbst gut gebauten Menschen. Er ist schlank (das kennen wir) und rein (das verwirrt uns). Auch die nächsten Zeilen sind eigenartig in ihrer Mischung aus Fremdem und Bekanntem. Die meisten von uns haben schon einmal einen zarten Morgen gesehen. Man genießt die klaren Stunden, wundert sich, dass es schon hell ist, wenn man mal besonders früh raus muss, und verspricht sich, das öfters zu tun und zu genießen. Aber dann vergisst man’s und muss von George an den Eindruck erinnert werden. „Geheim“ ist der Angesprochene, aber nicht weggesperrt oder kompliziert, keine Nuss, die man knacken muss, sondern unvertraut und doch nah, und „schlicht“. Nicht blöd, sondern ohne die Verwerfungen, die andere sich in der Welt von Rolle und Analyse einhandeln. Schlicht naiv? Das wäre eine böswillige Unterstellung, deren Urheber sich selbst zum Maßstab macht.

Das Du ist bei mir, es begleitet mich, es bedeutet mir etwas und regt mich an, und ich kann es spüren. Den Duft, das Atmen eines anderen Menschen wahrzunehmen, ist ein intimer Moment. Er gelingt nur, wenn man einander nah ist und wenn es sonst still ist. Wenige Menschen gestatten einander, sich so zu begegnen.

„Du bist mein wunsch und mein gedanke“. Hier klingt nun schon etwas Anderes an, was mit der dunklen Seite zu tun hat, von der ich sprach. „Ich atme dich mit jeder luft“, das sind einfache, schlichte Worte, die zeigen, wie Einklang herrscht zwischen Sprecher und Angesprochenem. „Ich küsse dich mit jedem duft“. Was bahnt sich hier an?

Georg Lukács spekulierte bekanntlich: „Vielleicht werden aus Stefan Georges Gedichten auch noch Volkslieder.“ Sie wirkten 1911, als er das schrieb, noch kühl und exklusiv, aber spätere Leser könnten sie zugänglich, einfach warm und herausfordernd tragisch finden, vermutete Lukács. Ich habe viel über Stefan George geschrieben und vor allem in meinem Buch über seine Gedichte gefragt, wie die Innigkeit der Beziehungen, die er uns zeigt, in einer Welt voller Pornographie dazu anregen kann, den anderen Menschen als frei und würdevoll, als schön und anders anzusehen. Gibt es Wege, einem Menschen Raum zu geben, ohne ihn alleinzulassen? Ich habe auch versucht zu zeigen, dass Georges Gedichte uns etwas bedeuten wollen, ohne uns vorzuschreiben, was wir genau aus ihnen lesen sollen. Diese Offenheit ist keine Leere, sondern ermöglicht es dem Leser, Verantwortung zu übernehmen. Mit Lukács’ Wort habe ich mich noch nicht beschäftigt, aber es geht mir nicht aus dem Kopf, vor allem im Zusammenhang mit „Du schlank und rein wie eine flamme“. Meine dunkle Vermutung ist, dass die Volkslied-Vorhersage nicht weit davon entfernt ist, sich zu erfüllen.

Wenn alle Geheimnisse verraten sind
Und du dich verloren fühlst
Ich dreh mich um dich

So heißt es bei Herbert Grönemeyer, dessen Texte nicht an George herankommen. Aber ich stelle mir Grönemeyers Stimme vor, wie sie Georges Gedicht singt. Und das geht. Rauchig und intim, den Rhythmus rhapsodisch dehnend und beschleunigend: „Du schlank und rein wie eine flamme / Du wie der morgen zart und licht“. Und ich denke an Tocotronic und ihr Lied „Mein Prinz“:

Es ist für den, der uns begleitet
Der unsere Schritte lenkt und leitet
Der unser Bruder ist und Feind
Und der uns jeden Tag erscheint
Der unsere Stimme in sich hört
Er gehört uns ganz und gar

Die Texte von Tocotronic sind besser als Grönemeyers. Das Metrum in „Mein Prinz“ ist dasselbe wie bei George, man könnte also Georges Text statt des Originaltexts singen und hätte einen gerockten George. Gerockt statt Gehrock. Nicht die alten Bilder, die uns immer wieder vorgehalten werden (die Joppe ist kein Gehrock, ich weiß, aber der Eindruck ist ähnlich, zumal Georges strenger Blick Gehrock sagt). Keine alten Paraphernalien, sondern ein gesungenes Wort.

„Volkslied“ sagt man heute nicht mehr für Songs, die viele Leute ansprechen. Das „Bevölkerungslied“ haben uns die Grünen zum Glück bisher erspart. Was George selbst von Liedfassungen halten würde, lässt sich nur schwer sagen. In seiner Dichtung wird viel musiziert, sie ist voller Klänge (vom Sprachklang und -rhythmus gar nicht zu sprechen), das haben seine musikfeindlichen Freunde manchmal übersehen. Der Virtuosenkultur und dem pompösen, großbürgerlichen Musikzelebrieren stand er ablehnend gegenüber. Aber das hat auch nichts mit dem Volkslied zu tun. Er würde sich wahrscheinlich freuen.

Bei Tocotronic ist, wie bei George und trotz vieler anderer Unterscheide, nicht ganz klar, wer eigentlich wen anzieht, wer eigentlich auf wen hört und wie man einander gehört. Die Berliner Band erweitert das „Ich“ zum „Wir“, eine Sprach- und Blickbewegung, die George ausweislich des Siebenten Rings und des Sterns des Bundes nicht fremd ist. Arnold Schönberg und Anton Webern haben George vertont (und sind selbst nicht zu Volkslied-Komponisten geworden, obwohl sie es gehofft hatten). Stimmen und Texte aus den letzten Jahren lassen mich spekulieren: Vielleicht wird George doch noch bei Musikfans ankommen, die vom schlanken, flammenden Du schwärmen. Vielleicht.

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