Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Thomas Brasch* 1945† 2001

Der Nazi wischt den Hausflur

sauber: Droysenstraße 1. Er kriecht übers Linoleum
die Treppen hinauf mit dem Eimer: Zwei Jahre
SS–Standarte Adolf Hitler, sechs Jahre Eisenerz
in Workuta. Jede Stufe einzeln in jede Ritze. Wer hat denn die Geschichte gemacht.
Ich bin verantwortlich,
jawohl, vom Hausbesitzer eingesetzt. Wer
einen Fahrstuhlschlüssel kriegt, bestimme ich. Für
Mindestrente und mietfrei wohnen. Weil
ich mitschuldig war, aber nicht im Staatsdienst. Fragen Sie
doch meine Frau. Die hat sich aufgehängt vor dreißig Jahren
mit gutem Grund. Jetzt sitzt sie unten auf dem Sofa
und säuft: Der eigene Mann ein Hausmeister. Haben
Sie nicht verstanden: Die Schuhe ausziehen. Oder
soll ich nochmal von vorn anfangen.

Thomas Brasch: Der schöne 27. September. Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 33

1980

 

Thomas Brasch wurde 1947 als Kind jüdischer Exilanten in Westow, North Yorkshire, geboren. 1947 zog die Familie in die sowjetische Besatzungszone. Sein Vater, Horst Brasch, stieg zum stellvertretenden Kulturminister der DDR auf. Thomas Brasch legte sein Abitur an der Kadettenschule der Nationalen Volksarmee ab und studierte 1964/65 Journalistik in Leipzig. Wegen „Verunglimpfung führender Persönlichkeiten der DDR“ wurde er der Universität verwiesen und arbeitete daraufhin als Kellner und im Straßenbau. Brasch schrieb und inszenierte Theaterstücke, die meist nach kurzer Spieldauer von der Zensur kassiert wurden. Wegen seines in Flugblättern geäußerten Protestes gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings erhielt er eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten, wurde aber nach 77 Tagen auf Bewährung entlassen. Wie Sarah Kirsch unterzeichnete er 1976 das Protestschreiben gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und siedelte danach in den Westen über. Er war erfolgreich als Filmregisseur tätig. Nach dem Fall der Mauer stand er länger nicht mehr in der Öffentlichkeit, veröffentlichte aber 1999 Prosa und brachte drei Theaterstücke zur Aufführung. Thomas Brasch starb 2001 in Berlin.

Die SS–Standarte Adolf Hitler war eine unmittelbar auf Hitler eingeschworene Truppe, die beginnend mit dem Röhmputsch zahlreiche Morde und Kriegsverbrechen begangen hat. Der Hausmeister war im größten und härtesten Lager des stalinistischen Gulags am Polarkreis, Workuta gefangen. Trotz dieser Erfahrung tritt er weiterhin als Befehlsgeber in seinem winzigen Wirkungsbereich auf. Thomas Brasch beschreibt einen Menschen autoritären Charakters, der offenbar aus seinen Erfahrungen keine Lehre zog, obwohl er sich als mitschuldig bezeichnet. Thomas Brasch schrieb ein dokumentarisches Gedicht, kenntlich durch die genaue Angabe der Adresse in der ersten Zeile, in der auch ein urdeutscher „Wert“ in „sauber“ anklingt, aber zur gleichen Zeit in dem Verb „kriechen“ auch die beinahe beklagenswerte Situation eines verpfuschten Lebens. Die Beurteilung des beschriebenen Menschen überlässt Thomas Brasch ganz dem Leser.

Bertolt Brecht verfasste siebenundzwanzig Jahre vorher (auch in oder bei Berlin) ein kurzes Gedicht, das in der Sammlung »Buckower Elegien« erschienen ist und das gleiche Thema behandelt, allerdings ganz bei einem kurzen Sinneseindruck verharrt und damit das Nachdenken über Schuld ganz dem Leser überlässt:

Der Einarmige im Gehölz

Schweißtriefend bückt er sich
nach dem dürren Reisig. Die Stechmücken
Verjagt er durch Kopfschütteln. Ächzend
Richtet er sich auf, streckt die Hand hoch, zu spüren
Ob es regnet. Die Hand hoch
Der gefürchtete SS-Mann.1

  • 1. Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Frankfurt 1968, Gedichte, Bd. 3, S. 1013.

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