Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Tomas Tranströmer* 1931

Schubertiana

Auszug aus dem Langgedicht SCHUBERTIANA:

I.

Im Abenddunkel auf einem Platz außerhalb von New York, ein Aussichtspunkt, von dem aus man mit einem einzigen Blick die Wohnungen von acht Millionen Menschen umfassen kann.

Die Riesenstadt in der Ferne dort ist eine lange glitzernde Wehe, ein seitlich gesehener Spiralnebel.

Drinnen im Spiralnebel werden Kaffeetassen über die Theke geschoben, die Schaufenster betteln die Vorbeigehenden an, ein Gewimmel von Schuhen, die keinerlei Spuren hinterlassen.

Die kletternden Feuerleitern, die Fahrstuhltüren, die zusammengleiten, hinter Türen mit Sicherheitsschlössern ein ständiger Stimmenschwall.

Zusammengesunkene Leiber dösen in den Wagen der Untergrundbahn, den vorwärts rasenden Katakomben.

Ich weiß auch – ohne jede Statistik –, daß jetzt in irgendeinem Zimmer in der Ferne dort Schubert gespielt wird und daß für jemanden diese Töne wirklicher sind als all das andere.

aus: Tomas Tranströmer. Sämtliche Gedichte. Edition Akzente, München 1997, aus dem Schwedischen von Hanns Grössel.

Neutrinos, Newark und andere Defizite

Physiker im europäischen Kernforschungszentrum CERN sind besorgt: War da gerade was, was sich schneller bewegte als das Licht? Messungen im Rahmen eines kürzlich durchgeführten Experiments scheinen darauf hinzudeuten, dass Neutrinos für die Strecke von Genf bis zu einem Teilchendetektor in den Abruzzen weniger Zeit brauchten als Photonen benötigt hätten. Wer sich in der Tierwelt auskennt, wird das nicht unheimlich finden. Da sieht es doch so aus: Man stellt fest, dass einige Tiere schneller sind als andere und dass irgend jemand der schnellste ist (sagen wir mal der Gepard). Dann macht man sich auf und entdeckt einen neuen Kontinent, auf dem es schnellere Tiere gibt als den Geparden. Müssen deshalb die Gesetze der Biologie umgeschrieben werden? Wohl kaum. Man mag einwenden, dass die Physik anderen Regeln unterliegt. Aber warum spricht man dann vom „Teilchenzoo“? Photonen könnten durchaus auch „Geparden-Quarks“ heißen.

Wenn etwas sich schneller als das Licht bewege, reise es in die Vergangenheit, wird argumentiert. Wenn man also die griechischen Staatsschulden auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen würde, würden sie dann schrumpfen? Und wenn sich alle Beobachter griechischer Staatschulden, unabhängig von ihrem Standort, mit Lichtgeschwindigkeit bewegen würden, hätten wir dann den Weg aus der Krise vor uns? Die Welt der Physik ist eine Welt erstaunlicher Geschichten. Ein bisschen wie die Finanzwelt.

Die eigentlich interessante Frage ist aber, warum diese Neutrinos überhaupt nach Italien wollten. Deutschland war doch genauso nah. Einige Forscher verweisen darauf, dass die Potenz der Partikel darauf schließen lässt, dass es sich um die sogenannten „Bunga-Bunga-Partikel“ handelt, die mit den Charm-Quarks nicht viel gemeinsam haben. Wenn tatsächlich „zusätzliche Dimensionen“ im Spiel gewesen sein sollten, hatte Deutschland wirklich keine Chance. Und schwäbische Unternehmer müssen sich erst recht auf den Hosenboden setzen. Italien hat es offenbar geschafft, in Krisenzeiten zusätzliche Dimensionen verfügbar zu machen, während die Stuttgarter noch nicht einmal ein paar Gleise in der Innenstadt verlegen können.

All das bedrückte mich gestern. Ich saß in einem halbleeren Pendlerflug von Detroit nach Newark und las den Economist. Im Austausch für Vielflieger-Meilen erhielt ich wertlose Kekse. Obwohl mir bewusst war, wo sich alle vier Notausgänge befanden, kam ich nicht zur Ruhe. Durchschnittlich ist ein Wohnhaus in Detroit nur noch 25.000 Dollar wert, und die Mordrate in New York City steigt und steigt. Geschäftsräume selbst in vornehmen Gegenden in Manhattan bleiben wochenlang unvermietet. Ist das nicht alles im Absterben begriffen? Sollte ich nicht eigentlich woanders sein? Gurgaon? Oder in irgendeiner chinesischen Stadt, in die es Neutrinos und ihre futuristischen Brüder so sehr zieht, dass sie aufpassen müssen, nicht zu schnell dorthin zu gelangen, damit diese Orte nicht noch in der Vergangenheit liegen.

Ich versuchte, die Lichter unter mir mit den Augen von Tomas Tranströmer, unserem neuen Nobelpreisträger, zu sehen. In seinem Langgedicht „Schubertiana“ sucht er nach Halt in einer beunruhigenden, aber doch irgendwie auch schönen Welt. Es heißt: „Im Abenddunkel auf einem Platz außerhalb von New York, ein Aussichtspunkt, von dem aus man mit einem einzigen Blick die Wohnungen von acht Millionen Menschen umfassen kann. / Die Riesenstadt in der Ferne dort ist eine lange glitzernde Wehe, ein seitlich gesehener Spiralnebel. / Drinnen im Spiralnebel werden Kaffeetassen über die Theke geschoben, die Schaufenster betteln die Vorbeigehenden an, ein Gewimmel von Schuhen, die keinerlei Spuren hinterlassen.“ Es ist das einzige Gedicht, das mich je zum Heulen gebracht hat. An diesen Moment vor vielen Jahren denke ich jetzt, da wir unseren Anflug in eine Gegenwart beginnen, über die wir so wenig wissen.

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