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Hajkuna Atlagitsch und Junggesell Johannes

 

Sieh, Hajkuna Atlagitsch die Jungfrau,
Wie sie geht in wundersamem Anzug!
Siebenfach umwunden ist das Haupt ihr,
In den Ohren trägt sie Ohrgehänge,
Um den Hals drei feingeringte Ketten;
An den Armen auch dreifache Spangen,
Unterm Busen drei echtgoldne Gürtel;
Auf den Schultern gelbe Oberkleider,
An den Füßen bunte Unterkleider, –
Wie so schelmisch aufgeputzt sind diese!
Bis ans Knie sind Füchschen drauf und Lüchschen,
Vom Knie an ganz kleine Eichornweibchen;
Dicht daneben lauter Heidenbärtchen,
Von `nem Leibwachtpascha in dem Zwickel,
Drum herum von dreißig Leibsoldaten;
Auf dem Tragband zween Goldschmiedkünstler
Der vergoldet aber jener schmiedet.
So geht sie den neuen Markt hinunter,
Vor des Junggesell Johannes Laden.

„Helf dir Gott, mein Junggesell Johannes!“
„Ei, Hajkuna Atlagitsch! – Dein Wohlsein!
Mögst gesund das neue Kleid zerreißen!
Aber mir erbitt ich meine Gabe!“
Ihm entgegnete das Türkenmädchen:
„Ei, Johannes, soll dich Gott bewahren!
Was gäb ich dir wohl für eine Gabe?
Gäb ich dir ein schön gesticktes Tüchlein,
Wärs doch nicht für dich die rechte Gabe.
Gäb ich dir `nen feinen Unteranzug,
Wieder wärs für sich doch nicht das rechte!
Gäb ich dir `nen Wink nach meiner Kammer,
Wirst mir, Loser! dort nicht Frieden halten,
Allerhand mutwill`ge Streiche treiben!“
Ihr erwiderte der Knab Johannes:
„Hör, Hajkuna, laß darauf uns wetten!

Um dein Halsband und um meinen Schimmel,
Sag mir nur, wo wir zusammen kommen?
Ob in deinem oder meinem Hause,
Oder in Beg Atlagitschens Garten?
Daß wir eine Nacht zusammen nächt`gen,
Wer zuerst mutwillig wird von beiden.“

Flüsternd drauf antwortete Hajkuna:
„Wohl, so seis! – und höre, Knab Johannes!
Abends, wenn die dunkle Nacht herbeikommt,
Schleich dich in den Garten meines Vaters,
Unter Atlagitschens Pomeranzen.
Harre meiner bei den goldnen Bäumen!“

Und das Mädchen ging nach ihrem Hause,
Sinnend saß der Knab in seinem Laden,
Sinnend ob des Türkenmädchens Worte:
Ob sie kommen werd am stillen Abend,
Oder an die Türken ihn verraten?

Unterdessen rückt die dunkle Nacht an,
In den grünen Gärten geht Johannes,
Unter Atlagitschens Pomeranzen.
Lang nicht harrt er bei den goldenen Bäumen,
Horch! da rauscht es durch den grünen Garten!
Durch die Büsche schimmern gelbe Kleider,
Klingeln hört er feingeringte Ketten,
Rascheln Lederstrümpfchen und Pantoffeln.
Und er denkt: das Mädchen bringt die Türken!
Eilig will er fliehen durchs Gesträuche,
Doch es gibt sich kund das Türkenmädchen:
„Flüchtling!“ ruft sie, „mög der Fuß dir brechen!
Weißt du nicht mehr, was wir heut gesprochen?“
Stehen bleibt Johannes, und ihm nahend,
Nimmt die Türkin bei der weißen Hand ihn,
Führt hinauf ihn in den obern Erker,
Wo das weiche Lager ihrer harret.

Wie ein Lamm, unschuldig, schlief der Knab ein,
Doch das lose Mädchen kann nicht schlafen,
Dreht sich um auf ihrem weichen Lager,
Gibt ins Antlitz einen Schlag dem Knaben:
„O, Johannes! schlaf du und kein Ende!
Tut dirs etwa leid um deinen Schimmel?
Ei, es soll ihn dir ein Türke reiten!
Räuber meinen Halsschmuck mir vertrinken!“
Als der Knab Johannes dies vernommen,
In den arm nahm er das Türkenmädchen,
Küßt`die Wange dreimal ihr und viermal,
Zählt‘ es einer, wär es wohl noch mehrmal!
Also schlummerten die beiden Kinder.

Als der Knab Johannes jetzt erwachte,
Schon beschien den schlanken Turm die Sonne,
Da  erschrocken rief er laut die Worte:
„Auf, o Mädchen! schläfst du Todesschlummer?
Schon ins Fenster scheinet hell die Sonne,
Sterben muß ich von der Türken Händen!“
Doch das schöne Türkenmädchen sagte:
„Fürchte nichts, o lieber Knab Johannes!
Wohl ein ganzes Jahr mit seinen Tagen
Könnt ich dich vor aller Welt verbergen,
Hier in unsrem weißen Haus, Johannes,
Daß es Vater nicht noch Mutter wüßte.“

Und sie sprang auf ihre leichten Füße,
Öffnete die Truhe ihrer Betten,
Drin mit eichen Kissen ihn bedeckend,
All den Tag schlief in der Truh Johannes,
Bis die dunkle Nacht von neuem nahte.
Nun versorgte Vater sie und Mutter,
Stieg hinauf dann nach dem obern Erker,
Nahm aus all den Kissen den Johannes,
Ihn mit prächtgem Abendmahl bewirtend.
Trug sodann viel gelbes Gold zusammen,
Stieg hinunter nach dem Erdgeschosse,
Ihres Vater Braunen aufzuzäumen.
Doch Johannes ging nach seinem Turme,
Sattelte in seinem Stall den Schimmel,
Nahm an Geld zu sich, was er hatte,
Darauf, sich auf die guten Rosse schwingend,
Flohen sie nach den ebenen Kotari.
Als des Morgens nun der Morgen anbrach,
Sah des Beg Atlagitsch Ehgemahlin,
Daß im Turm das Mädchen nicht daheim war,
Daß im Schatze vieles Gold auch fehle
Und der Braune aus dem Erdgeschosse.

Eilig einen Brief auf ihren Knieen
Schrieb sie nieder, ihn der Tochter sendend:
„Was, o Tochter! daß dirs Gott vergelte!
Was verbrennst du deines Vaters Barthaar?
Was verschwärzest du der Mutter Antlitz?“
Doch Hajkuna schrieb entgegnend dieses:
„Sprich nicht töricht, liebe alte Mutter!
Wüßtest du, o meine alte Mutter,
Wie so stürmisch sind der Christen Küsse,
Meinen Vater ließest du noch heute,
Freitest, noch als Greisin, einen Christen!“

 

M, Ćurčin (Hrsg.): Serbische Volkslieder, Insel-Bücherei 197, Leipzig o. J., S. 13 ff..

Duft nach Oregano

Der Duft nach Oregano der Wiese über der kroatischen Küste 1989, die Ringelnatter in einem der Plitvicer Seen, Sinti oder Roma mit einem kleinen Bären, die Teppiche anboten, die Burg von Senj. Ein Jahr später Krieg. Ethnische Säuberungen in Kosova, die Karawane von Menschen, die nach Albanien zog, dann das Massaker von Srebrenica, die Ermordung von 8000 Bosniaken aller Altersstufen, ausgeführt von serbischen Soldaten, der folgende Krieg, Bombardierungen von Belgrad und von Donaubrücken, der Bus mit Zivilisten, getroffen von einem Nato-Bomber, erstmalig bewusst gehört das Wort vom Kollateralschaden. Außenminister Joseph (Joschka) Fischer vergleicht das größte Massaker nach dem II. Weltkrieg in Europa mit der Mordfabrik Auschwitz, die Diskussionen, ob es angemessen sei oder nicht, der Jugoslawien-Krieg, an dem die Bundeswehr beteiligt war und heute die nette Zahnarztassistentin aus Bosnien, damals ein Kind. Ihr serbischer Mann untersagt es heute seiner Frau und Mutter zweier Kinder, sich mit Srebrenica zu beschäftigen, da sie es psychisch nicht vertrage. Sie sagt: „Ich habe es im Fernsehen gesehen: Weiße Kreuze, unendlich viele weiße Kreuze bis zum Horizont. Ich möchte gerne dorthin, aber mein Mann sagt, das ist nicht gut für dich.“ Dazu die verstörende Haltung Peter Handkes, die Herkunft meines Vaters aus dem Banat unweit des auch bombardierten Novi Sad, die ungarischen Flüchtlinge in meiner Stadt 1956, der Mohnstrudel meiner Kindheit, eine Reise nach Rumänien 1968, Wachtürme an der Grenze, Tresterschnaps in einem Weinkeller, die Speckkammer in einer siebenbürgischen Wehrburg, Einschüsse in den Mauern Budapests, József Kardinal Mindszenty auf unserer Fahrt 1968 zum ersten Mal in meinem Leben und völlig unerwartet eine große Moschee, in Ungarn oder war es schon in Rumänien? Franz Eugen, der „edle Ritter“, den mein Vater verehrte, das Schloss des Prinzen in Wien usw. usf. Die junge Ungarin (sie würde einen Frankfurter Juraprofessor heiraten), die im Unterricht feststellte, Ungarn gehöre nicht zum Balkan.  Aber der Kaffee soll nach der türkischen Belagerung von Wien während des I. Türkenkrieges 1529 vor Wien in Form ungebrannter Bohnen zurückgelassen, dann geröstet, die Wiener Caféhaus-Tradition begründet haben. Ich stelle mir den Balkan so bunt und divers vor, wie es meine Erinnerungen sind. Und dann der unglaubliche Fund eines angeblich sehr teuren Bändchens der Insel-Bücherei, aber die Fachleute korrigieren ihre Meinung, denn es werde überschätzt, kostet aber immer noch zwischen 80 und 120 Euro: Serbische Volkslieder, Insel=Bücherei Nr. 197, 16. Und 17. Tausend, gedruckt von Spamer in Dresden. Für mich, der bei „Freistoß“ nachdenkt, ob der Begriff etwas mit dem „Freischütz“ oder doch eher mit Wilhelm Tell oder Wilhelm II. zu tun hat, als mit Fußball, diesem Gebrüll mit Bier, haben Bücher auch den Charakter von Fetischen, die ja ein wenig gefährlich sein können, jedenfalls geheimnisvoll und da ja nun heute alles, aber auch wirklich alles, von der Pubertät der Störche und Störchinnen bis hin zum Alltagsverhalten selbst kochender Hagestolze als ein „Narrativ gelesen“ wird, lese ich meine Fetische. Und was hat es mit dem Balkan oder Nicht- oder Noch-nicht-Balkan zu tun? Da gibt es ein Liedchen, das zeigt, dass jeder Nationalismus und jedes Geschwafel von uralten Schlachten auf dem Amselfeld oder vor Wien gegen den Pascha oder seinen Wesir nur Unsinn sind, wenn es um Menschlichkeit geht. Menschen sind Menschen. Basta! Sagt das Volkslied eines Volkes, das wie alle Völker gar nicht so tümlich ist. Es wurde von einem Fräulein von Jakob, das den Künstlernamen Talvj verwendete, aus dem Serbischen übertragen. Jakob Grimm hatte die Dame für die Arbeit gewonnen, nachdem er zusammen mit Wilhelm von Humboldt 1814 und 1815 am Wiener Kongress teilgenommen und Serbisch gelernt hatte.

„Türkenmädchen“ ist heute sprachlich anstößig, dürfte aber neutralem Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts entsprechen. Man könnte auch das Postulat einer „christlichen erotischen Überlegenheit“ herauslesen, sollte aber nicht übersehen, dass der Text mit den genauen Namensnennungen seine Personen individualisiert und damit einer verallgemeinernden Sprechweise – die Osmanen versus die Christen – entgegenwirkt. Auch ist zu bedenken, dass historisch gesehen, das Osmanische Reich als Okkupator Serbiens wie weiterer großer Teile des Balkans auftrat und damit die Darstellung der Anziehungskraft des Knaben Johannes eine widerständige Äußerung ist. Ich verstehe das Lied als Bild für die Macht der Sinne und Darstellung einer selbstbewussten, starken, jungen Frau, die sich gegen Einschränkungen der Eltern und gesellschaftliche starre Konventionen durchsetzt. Und einen ganz eigenen Reiz übt die wunderbar altmodische Hochsprache Fräulein von Jakobs, der Übersetzerin, aus.

Johann Wolfgang Goethe aus Frankfurt am Main hätte es gemocht, so wie er den „Klagegesang“ aus dem Morlackischen 1(id est Serbischen) mochte, den er nach einer Übersetzung für „Herders „Volkslieder“ umschrieb.

  • 1. Johann von Müller (Hrsg.): Johann Gottfried von Herder: Stimmen der Völker in Liedern, Erste Abtheilung, Stuttgart und Tübingen (Cotta’sche Buchhandlung) 1828, S. 131 ff.

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