Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Uwe Kolbe* 1957

ZEN meets two Tags in Town

Wieder einmal ging Zen auf den europäischen Markt.
Verschiedene Meister saßen auf kleinen Plakaten
an Schaltkästen der Telekom.
Meistens war in der Nähe Ute zu lesen,
gesprüht, gepinselt, gekratzt.
Das ist ein Mann, erfuhr ich von meiner Quelle.
Einmal liebte ich Ute, wenn auch nicht sehr stark,
nicht wirklich schlimm. Sie sah das leider anders.
Eben war das Licht so wie damals über der Stadt.
Ich spüre einen Lendenwirbel beim Gehen.
Als ich Mentos grüßte, hieß er längst anders.

 

Uwe Kolbe: Vineta, Frankfurt 1998, S. 52

1998

 

Uwe Kolbe wird 1957 als Sohn eines Binnenschiffers geboren, der später als Führungsoffizier für inoffizielle Mitarbeiter bei der Stasi tätig ist. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst bei der Volksarmee verhilft ihm Franz Fühmann zu ersten Veröffentlichungen in »Sinn und Form«. 1980 erscheint sein erster Band »Hineingeboren« im Aufbau–Verlag. Seitdem ist er als freier Schriftsteller und Übersetzer tätig. Zwischen 1982 und 1985 unterliegt er einem Publikationsverbot der Zensur und wird zeitweise vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR observiert. Nach 1985 kann er ins westliche Ausland reisen und lehrt an den Universitäten Austin in Texas und in Wien. 1987 geht Uwe Kolbe nach Hamburg und nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wieder nach Berlin. Von 1997 bis 2002 lebt Uwe Kolbe in Tübingen und leitet dort das Studio Literatur und Theater an der Universität Tübingen. Nachdem er von 2002 bis 2013 wieder in Berlin lebte, war er fünf Jahre in Hamburg ansässig und ging dann nach Dresden.1

Mit wenigen ironischen Worten fängt Uwe Kolbe den zeitgenössischen Exotismus ein, der vermeintliche Heils– und Glückslehren aus dem Osten in die heterogene, schwer zu überblickende, von Individualismus geprägte, hochkapitalistische Gesellschaft der Republik schleust. Als zweites Thema tritt die Frage der Identität auf, enger der Geschlechtsidentität, die im Gefolge der Emanzipationsbewegungen diverser Minoritäten und der damit einhergehenden Liberalisierung des Rechts gegen Ende des Jahrhunderts aufkam. Abgesehen davon erzählt das Gedicht auch von einer unerfüllten Liebe, die in der Erinnerung, die von einem besonderen Licht über der Stadt ausgelöst wird, schmerzhaft präsent ist.

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