Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Walle Sayer* 1960

Kleine Studie

Reglos,
im abgebrochenen Spiel,
stehen die verbliebenen Figuren.

Über Nacht
ist aus ihrem Warten
ein Ausharren geworden.

Im Raum
tut alles Abgewandte so,
als wüßte es den nächsten Zug.

Ein Stilleben,
wär nicht die Stubenfliege,
die unbehelligt durch die Reihen läuft.

Sprache in der Schwebe

„Vom Literaturbetrieb und seinen Moden hat sich der vielfach ausgezeichnete Lyriker nie beeindrucken lassen, der 1960 geborene Sayer hat über die Jahre seinen eigenen Ton entwickelt. Die Tradition von Rainer Brambach oder Walter Helmut Fritz fortsetzend, schreibt Sayer zurückhaltende, gelegentlich karge Texte, die aber immer zum Leser hin sprechen und das selbstreferentielle Sprachspiel meiden.“ vermeldete in einer Kurzkritik der Poetenladen.
Der 1960 in Bierlingen (Kreis Tübingen) geborene Walle Sayer lebt und arbeitet in Dettingen bei Horb, veröffentlicht Lyrik und Prosa (zuletzt „Kerngehäuse“, Aufzeichnungen und Prosagedichte, 2009). Er erhielt u.a. den Thaddäus-Troll-Preis, den Förderpreis zum Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg, den Berthold-Auerbach-Preis, den Förderpreis der Hermann-Lenz-Stiftung und den Ludwig-Uhland-Förderpreis. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und im P.E.N.

Ein Gedicht, Sprache, in der Schwebe; ein Gedicht, in dem Warten zum Ausharren wird, die Schwebe wird gehalten. Es ist dies ein typisches Gedicht für Walle Sayer, der wieder einmal seine ganz eigene Sprachlandschaft entwirft, aus Gegenständen, die uns umgeben und die mir, dem Leser, plötzlich in ganz neuem Zusammenhang bewusst werden. Es gibt hier keine Kategorien mehr, wie „schön“ oder „ergreifend“ – die Sprache dieses Gedichts vertraut ganz auf ihre eigene Kraft, sie „will“ nichts bewirken, nicht einmal bloß beschreiben, sie ist einfach da, stark, offen, offen für das Besondere am Alltäglichen.

Sprache als das hörbar, lesbar gemachte Nichts, das so Sinn bekommt. Das kann nur einer, der die Welt gelassen sieht, und mit dem Abstand des Beobachters, des Erfahrenen, des Erlebenden. Literatur vermittle mehr eine generelle Haltung als eine Meinung, sagte Sayer in einem Interview. Diese, seine durchgängige Haltung ist an diesem Gedicht direkt ablesbar.

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