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Lesart
Werner Riegel* 1925

Seidiger Mohn

Seidiger Mohn und sMG,
Iris und Instinkt,
Wenn eine späte Kalliope
Unsere Story bringt.
Das jadefarbene Abenteuer
Das über uns fließt,
Wenn sich ins Mündungsfeuer
Unsere Seele ergießt.

Den Rauch von Lublin
Im Cerebrum -
Wann vergaßen wir ihn!
Aber der Wind schlägt um.
Was wollt ihr noch wissen?
Es hat keinen Zweck.
Ich reiße von euren fiesen
Fressen die Hoffnung weg.

Der Mond taucht schief
Aus Scheiße und Schund.
Schlürft den Aperitif
Mit schmerzlichem Mund.
Die letzten Fetzen Größe
Treiben an euch vorbei.
Nun tut das Sinngemäße
Und haut euch ins Heu.

Aus: Werner Riegel, Gedichte und Prosa, Wiesbaden 1961, S. 110

Zwischen den Kriegen

Werner Riegel, geboren 1925, wird mit 18 zur Wehrmacht eingezogen, mit 19 verwundet. Erneut an die Front geschickt, gerät er während der Ardennenoffensive in Gefangenschaft. 1945 kehrt er zu Fuß nach Norddeutschland zurück, wo er als Nachtwächter und zuletzt als Bürobote in Hamburg arbeitet. Ab 1952 gibt der 27-jährige, bald unterstützt von seinem Freund Peter Rühmkorf, bis zu seinem frühen Tod 1956 die hektografierte Zeitschrift Zwischen den Kriegen heraus. Trotz einer Auflage von 200 und des primitiven Drucks ist sie eine der wichtigen Literaturzeitschriften der jungen Bundesrepublik.

Die allgemeine Wiederaufbau- und Wirtschaftswundereuphorie lehnen Riegel und Rühmkorf ab. Der Titel der Zeitschrift verweist auf eine Haltung – von den Autoren Finismus genannt – die in Erwartung eines nahen Dritten Weltkriegs von Bitterkeit und Sarkasmus, aber auch von scharfem intellektuellen Witz geprägt ist. Als Lyriker geben sie ihrer Haltung eine sprachliche Gestalt, in der Bildungstrümmer, Alltags- und Militärjargon und lyrische Bilder, Pathos und Ironie kalkuliert ineinander greifen. Geschult am Expressionismus versuchen sie dem Chaos der Umstände und der Gefühle eine verbindliche Form zu geben, die nichts beschönigt. Dabei schlägt immer wieder so ein Benn-Sound durch (Europa dieser Nasenpopel / aus einer Konfirmandennase / wir wollen nach Alaska gehen. […]1), nicht aber das süffig ranzige Herrenzimmeraroma von schwarzer Brasil und Nietzsche, das einiges von Benn so schwer erträglich macht. Dass Castor Riegel sich anhört wie Pollux Rühmkorf und umgekehrt, spricht eher für die beiden als gegen sie.

Nun ist das Gedicht Seidiger Mohn in einem Alter, in dem man es in den philologischen Ruhestand versetzen könnte. Man könnte es hin und wieder anschauen und sich an der farbenreichen Staffage erfreuen: Da steht der schwersymbolische Mohn neben einem schweren Maschinengewehr, da bringt die weise Kalliope eine Story als wäre sie ein Revolverblatt, oder Scheiße und Schlund alliterieren und lassen – auch noch schief – den Mond aufgehen, den Stern der lunatics. Da prangen keine goldnen Sternlein, das knallt. Die Reime gefallen sich nicht in öder Klangverdopplung, und das Metrum kommt flott und geschmeidig daher. Sowas lässt den geschmackssicheren Connaisseur anerkennend die Brauen heben und zufrieden seinen Barolo schlotzen.

Aber es ist bei diesem Gedicht aus einer entfernten Epoche wie bei manchen alten Filmen: Ihre Bilder schlagen einen plötzlich in den Bann. Der erste Auftritt der Haushälterin Mrs. Danvers in Hitchcocks Rebecca von 1940 ist so ein Beispiel. Die strenge Haushälterin, eigentlich ein Klischee, bekommt hier mit ihrem Reptilienblick durch Kleinigkeiten wie die halbmondförmigen Brauen, die überschminkte Warze am Kinn und das harte Licht auf der rechten Unterlippe etwas mythisch Verstörendes.

Auf ähnliche Weise verstörend ist Riegels Gedicht:

Über uns fließt ein Abenteuer, jadefarben, offenbar eine spirituelle Ordnung verkörpernd. Wir sind darin versunken, das klingt so bildungssatt, wir ahnen nichts Schlimmes, der Mohn und das sMG sind noch Staffage, nicht Omen. Doch dann ergießt sich unsere Seele – oh Chimäre aus romantischer Entgrenzung und Ejakulation! – ins Mündungsfeuer. Wenn das keine soldatische Männerphantasie ist, die bis ins Heute weiterwuchert. Soweit die Ouvertüre.

Das Hirntier, der Vernunftmensch ist benebelt, hat das Cerebrum voller Rauch. Es ist der Rauch von Lublin, der Rauch des Vernichtungslagers Majdanek. Wann vergaßen wir ihn! Diese Frage ist keine Frage. Aber der Wind schlägt um. Da verbietet sich jede Frage. Was wollt ihr noch wissen? Diese Frage ist kein freundliches Angebot. Wie hilflos-trotzig wirkt ein Ich, das ausgerechnet hier ein einziges Mal im Gedicht auftaucht, um zu einer Geste auszuholen, die das, was einmal Aufklärung sein wollte, in kraftloser Wut der Lächerlichkeit preisgibt.

Ins Heu hauen sich längst keine Vagabunden mehr, es sind die erschlafften Heimkehrer, deren Seelen sich ins Mündungsfeuer ergossen hatten. Die letzten Fetzen Größe / Treiben an euch vorbei. „Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus“2 Der Aperitif, den es da zu schlürfen gibt, kann nur der zur Henkersmahlzeit sein.

Werner Riegels Gedicht ist wohl eher nicht geeignet als Kulturprogramm für Leistungsträger. Aber genau darin liegt seine Stärke.

  • 1. Gottfried Benn, Alaska, Ges. Werke 1, Ffm. 2004, S. 20
  • 2. T. W. Adorno, Negative Dialektik, Ffm 1970, S. 357 f.

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