Fixpoetry

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Lesart
Wolf-Heinrich von der Mülbe* 1879† 1965

Morgen

Es sind die morgensonnenhellen Zimmer
erfüllt vom Licht der jungbelaubten Bäume,
der grünen Frische spielendes Geflimmer

spinnt leichte Netze durch die kühlen Räume.
Grünsilbern rieselt es von allen Dingen,
die schimmernd sind wie kaum erwachte Träume, -

von einem weißen Tische aber schwingen
sich aus des Wassers spiegelklarer Reine
lichtrote Tulpen, deren Blüten singen.

Mit ihrer Farben leicht verwehtem Scheine
sind sie gleich zarten Flammen, die verfächeln,
und leuchten durch des Lichtes Schleierfeine

wie junge Lippen, die dem Morgen lächeln.

Ein komplett anderes Licht

Typischerweise beginnt eine Schriftstellerkarriere mit einem Band Gedichte – das war vor 100 Jahren noch zutreffender als heute. Das mag daran liegen, daß in der Begegnung mit der Lyrik eine erste Faszination greift über das, was kunstvoll mit Sprache und im Falle des Gedichtes sehr rasch auf kleinstem Raum geschehen kann, eine Initialzündung in der Brennkammer der Poesie. Und viele Debütanten nutzen damals wie heute die Form des selbstverlegten Buches. So auch Wolf-Heinrich von der Mülbe (1879-1965), der es sich als Sprößling westpreußischen Adelsgeschlechtes zudem auch sicher leisten konnte.

„Sonne und Nacht“ nannte er seine „Jugendgedichte“, die 1902 in Krefeld erschienen und während ruheloser Studienjahre sein einziger Beleg eigener Dichtkunst blieben. München, Berlin, Göttingen, Zürich, Leipzig, Breslau, wo er 1904 seinen kunstgeschichtlichen Doktor macht, sind seine Stationen. Daran schließen an Lehrtätigkeiten in Hannover, Heidelberg. Er strandet – nach längeren Auslandsaufenthalten in Frankreich, Italien, Belgien, Holland, Skandinavien, Schweiz und Österreich – endlich 1915 in München, nun „Schriftsteller“ geworden, der in Zeitschriften Gedichte und Erzählungen unterbringen kann und in der Schublade reift bereits erste längere Prosa, die schon Vorlieben fürs Phantastische aufweist (sein größter Erfolg wird 1937 „Das Märchen vom Rasierzeug oder Die Zauberlaterne“ sein, auch heute noch bisweilen aufgelegt). Seine Brötchen allerdings wird er zunächst mit Übersetzungen aus dem Dänischen (Johannes Buchholtz, Ejnar Mikkelsen, Sven Elvestad) und später auch aus anderen Sprachen (Sigrid Undset, Tania Blixen, Roald Dahl) verdienen und nur zeitweise zu eigener Prosa, gar nicht mehr aber zu eigenen Gedichten zurückfinden.

Bis dahin liest sich sein Leben als typisch bourgeoises Phänomen der Zeit um die Jahrhundertwende 1900 – ein vom Geld unabhängiger, studentischer Bohèmien stößt sich nach geglücktem Abschluß die Hörner auf umfangreichen Reisen ab und träumt davon Schriftsteller zu werden. Ein nichtarbeitendes, verwöhntes Bürschchen, ein Schöngeist und Nichtsnutz, ein gebildeter Lackl. Man kann ihn damit in eine Schublade ablegen, die nicht ganz ungerecht ist, eine Schublade allerdings auch, die er sich tapfer erkämpfen muß, denn sein Vater war seines Zeichens General der Infanterie und als wilhelminischer Knochen wohl sicher nicht einverstanden mit der vom Sohn angestrebten Karriere.

Wenn Gedichte eines sind, dann Ausweise – wer die psychische Bewegungen lesen kann, die in ihnen erfolgen, den Esprit der Sprache entschlüsselt, der liest in ihnen den Puls der Seele. Und folgendes Gedicht, das von der Mülbe 1917 handschriftlich zu einer Anthologie der deutschen "Lyrik der Neuzeit" einreichte, weist einen sehr fein empfindenden Menschen aus, der mit ebenso fein ausgeprägtem Sprachgefühl eine Situation erarbeitet, eine idyllische Morgenstimmung --- und das, während in Europa die Leichen sich türmen, Studenten hunderttausendfach als Kanonenfutter ins Feld geworfen werden, um irgendwelche strategisch wichtigen Höhen zu stürmen. Und trotzdem verstehe ich ihn. Während sein Vater – der General – über Tod und Leben befehligt und mit Blut um sich spritzt in einer herrischen Zackzack-Pose, blinzelt der Sohn nach einer Blume, nach dem bißchen Leben, das da bleibt, für ihn und die anderen, im Abseits der Poesie pflegt er das Schöne, das andernorts der Unzeit zum Opfer fällt. So behauptet er sich gegen das Blut des Vaters, eine Blume hält er ihm entgegen – während Europa im Kriegswahn fiebert, betritt er in einer seltsamen Ruhe einen anderen Raum. Dort soll die Dichtkunst an das Schöne erinnern.

Natürlich ist das ein Rückzug, ein feiger noch dazu. Von der Mülbe glaubt daran, daß etwas heil bleiben muss. Das, was die Sprache kann. Daß überleben möge, was sich in uns Mühe gibt mit den Dingen und der Welt und allen Welten in den Dingen. Daß es diesen und überhaupt einen Morgen gibt. Er flieht so weit weg vom Krieg, wie es nur irgend geht. Er will auf diese Weise den Nichtkrieg - ein komplett anderes Licht als das des Vaters, das hart und grausam ihm und allem anderen Leben die Därme aufschlitzt, weil es wie Messer durch den Moment geht.

Der Geist und die Sprache bleiben übrig. Vielleicht ein Gedicht.
Pfeifendeckel. Der Mensch bleibt das Tier, das immerzu sich selber tötet.

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