Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Wulf Kirsten* 1934

Seestück

ein sommer, wie er nie wieder war. –
wahr ist nichts als der nachtatem des sees,
als die sprache der dinge, schwarzumrissen;
stille bis in die schlafplätze der vögel
                                    im röhricht hinein.

einen atemzug verruhte der sommer.
in den baumkronen tonlose schritte,
der sommerweg führte über wolkenwälle,
hautschrift in der nacht hut.

der see ein blinder spiegel,
in den kühlen atem des wassers
tauchte ein wortpaar:
vorgeschmack von handschlag und ortswechsel.

zwei atemzüge, flüchtiges gleichmaß,
                             vom munde abgeweht.
beständiger ist nichts
als die himmelsrichtungen,
die uns fortziehn mit ihren langen armen.
 

Nur die Wahrheit im Präsens

Wulf Kirsten nimmt den Begriff „Landschaft“ wörtlich: den ländlichen Naturraum erkundend erschafft der Dichter poetische Kunstwerke und wird nicht müde, das Gesehene in Wortfindungen festzuhalten. Tatsächlich hat er ein lyrisches Panorama eröffnet, bei dem er sich als Teil des Ganzen der Außenwelt zuwendet. Darin breiten sich seine „wortwurzeln“ aus, und man kann sich getrost lyrisch einstimmen lassen. Bald stößt man beispielsweise auf Gedichte zu verschiedenen Kräutern wie das „hirtentäschelkraut“, Namen, die als Überschrift schon viel versprechen. Und man könnte meinen, diese Gedichte entstehen gerade dann, wenn einer „einfach so“ übers Land streift. Aber es ist jemand, der dabei in die Tiefe blickt und trotzdem die unzähligen Facetten nicht außer acht läßt. Der Erdboden mit alldem, das sich darüber erhebt, ist für den Sehenden fruchtbar, und es sind kaum merkliche Details, die sinnlich wahrgenommen werden. Ob beim Wiesengang oder „zwischen wilden müllkippen“: Wulf Kirsten setzt naturnahe Erfahrungen in klingende, schwingende Verse um, und ihre Anziehungskraft durchstrahlt den schönen, 400 Seiten starken Band „erdlebenbilder“

Als ob man dem erlebten Sommer nicht recht trauen mag, folgt eine Nennung anderer Wahrheiten. Melancholie verhüllt den „nachtatem des sees“, vergeistigt werden „dinge“ wahrgenommen, denen eine eigene „sprache“ zuerkannt wird. Beruhigend wirkt die nächtliche Ruhe, die weit hinaus reicht, über Wege, Wolken, Grenzen. Bewußt und mit klaren Gedanken stützt sich der Wirklichkeitssinn auf Empfundenes. Die Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart am Satzende und -anfang verweist auf den zeitlichen Übergang, der durch die zwei Worte „war / wahr“ auch sprachlich fließend dargestellt wird. Trotz Ernüchterung ergibt die Bilanz einen reichhaltigen Erfahrungsschatz. Wer so sinnlich empfindet, öffnet sich der Wahrheit, um die dieses Gedicht kreist. Ein einziger „atemzug“, bei dem sich der Sommer verabschiedet, ist von Bedeutung. Der Herbst naht, und in den Bäumen sind seine „schritte“ zu hören,  oder ist das nur das Rauschen des Laubs. Wie hier ein einzelner Augenblick verdichtet wird. Sein Vergehen; und immer zählt die kleinste Regung. Die „hautschrift“ als poetische Metapher für den gegangenen Weg umschreibt die körperliche Erfahrbarkeit. Sind es Enten, die sich an der Wasseroberfläche regen? Doppelbödig spricht Wulf Kirsten vom „wortpaar“ und weiß gleichzeitig um kommende Veränderungen. Es bleibt offen, ob sich der flüchtige Augenblick auch auf den Partner bezieht. Lebenswege, Himmelsrichtungen. Nur wenn von Wahrheit und Beständigem die Rede ist, schreibt der Autor im Präsens. Ein wundervolles Gedicht.

Wulf Kirsten: erdlebenbilder. gedichte aus 50 jahren. 1954-2004. Ammann Verlag, Zürich 2004.

 

 

 

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