Fixpoetry

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Lesart
Yoko Tawada* 1960

Absturz und Wiedergeburt I

In der Muttersprache stumm sein

Aus dem Ei schlüpft ein Flugzeug
Die Blicke der Einzelteile
Sammeln sich in der Sekunde des Starts

Namenlose Dinge beginnen ein namenloses Tun
Wann?

Am Ende der Rollbahn hebt es kräftig den Kopf
Der Maschinenleib stickt in den Himmel
Das Lächeln zerbricht
Ein Lid kann man noch nicht hören
Durch verstreute Flüge
Hängt noch keine Brücke

Sie übersetzt „Ufer“ mit „Gott“
Sie übersetzt „Herz“ mit „Stadt“
Sie übersetzt „Warum“ mit „Frau“
In den Tränen der schluchzenden Dolmetscherin
Wird der Maschinenleib kühl

Zerbrechenschlingernsinkenstürzenfallenwirbeln-
                                         untergehenuntergehen

Kein Makkaronisch

Yoko Tawada, 1960 in Tokio geboren,  ist keine Weltbürgerin, da sie nicht bürgerlich ist; doch ist sie als Dichter in der Welt zuhause und willkommen in Japan, Deutschland und den Vereinigen Staaten. Sie hat 1982-2006 in Hamburg gelebt und besitzt seit langem eine Adresse in Berlin, war aber auch zu erreichen und zu hören in Stanford und St. Louis.  Tawada hat zahlreiche internationale Preise gewonnen, darunter die Goethemedaille und war u.a. Stipendiatin der Villa Aurora in Los Angeles.  Sie hat c. 20 Bücher in Japan und Deutschland veröffentlicht.

Tawada schreibt mehrsprachig, meist Deutsch und Japanisch, hat aber auch eine hervorragende englische Übersetzerin in Margaret Mitsutani und eine aufmerksame Leserin in der Doyenne der amerikanischen Lyrikkritik, Marjorie Perloff.  Bei so viel
Weltläufigkeit und Aufmerksamkeit muss genauer nachgefragt werden. Was sind das für Texte, die soviel Aufmerksamkeit erfahren?  

Es sind Texte im japanischen Original, auf Deutsch, original und übersetzt.  Der Band „nur da wo du bist da ist nichts“ wechselt zwischen Deutsch und Japanisch, Original und Übersetzung, aber auch zwischen Lyrik und lyrischer Prosa in beiden Sprachen. Zur Seite 62-63 in diesem mehrfach aufgelegten Band und dem Gedicht „Hinterhof II“ gibt es eine Schablone, die dem Gedicht in seinen Zwischenräumen Text hinzufügt und aus dem Gedicht zwei und – zusammen – ein drittes macht. Oder auch mehr, wenn die Schablone wie eine Schieblehre über dem Text verschoben wird.  Man muss dieses kleine Kompositionswunder unter Einbeziehung des entdeckenden Lesers gesehen / gelesen / ausprobiert haben.

Wer (um einen alten Ausdruck wiedereinzuführen) in der Fremde lebt, vervielfältigt sich und lebt mehr als ein Leben zugleich. Das gibt Yoko Tawada einen nicht klischierten Blick auf die Rolle der Übersetzung. Sie schreibt in ihrem Buch „Sprachpolizei und Spielpolyglotte“: „Ich bin immer der Meinung gewesen,  dass eine Übersetzung ein weiteres Leben eines literarischen Werkes ist und keine Reduzierung des Originals“ (85). Das ist keine häufig anzutreffende Ansicht in unserem Land der Synchronisationen und einbürgernden Übersetzungen, wo die fehlende Glattheit der Sprache, ihr anregender Widerstand, auch dann als Übersetzungs-„Fehler“ angekreidet wird, wenn ein sprachlicher Zugewinn zu bemerken wäre.  Merke:  das Wörterbuch (besonders die kleinen, dünnen, gelben in Rezensentenhand) verzeichnet einen Altbestand.  Das Neue kommt in der Übersetzung wie der nächste Augenblick – wie der fremde Blick auf gewohnte Dinge, der auch eine Definition von Lyrik sein könnte.  So sieht die wunderbare und wagemutige Dichterin Yoko Tawada die Dinge, die sie zu ihren Texten macht. Zwischen ihnen „hängt noch keine Brücke“.

Foto: Yoko Tawada, © Yves Noir.
Zitate:
Yoko Tawada: nur do wo du bist da ist nichts. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 3. Auflage 1997.
Yoko Tawada: Sprachpolizei und Spielpolyglotte. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 2006.

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