Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Adrian Kasnitz

Ein Gedicht für jeden Tag.

Adrian Kasnitz, © Astrid Nischkauer Ist es schon an?
Musst Du das so festhalten, die ganze Zeit, wenn ich jetzt zwei Stunden rede?

Ja, ohne Frage ist eine Antwort schwer. Aber ich würde gerne etwas über das Projekt erzählen, an dem ich gerade arbeite. Das ist dieser große Zyklus Kalendarium, ein Schreibprojekt mit Gedichten, die ein ganzes Jahr beschreiben sollen. Ein Gedicht für jeden Tag. Insgesamt werden es 365 Texte sein. Das hat aber schon im Jahr 2013 angefangen, ich bin da immer noch nicht am Ende. Das große Problem ist natürlich ein editorisches, aber ich will erst einmal von der Idee erzählen, warum ich damit angefangen habe.

Mich haben schon länger Texte fasziniert, die einen Tag zum Thema haben. Es gibt ja „Tagesgedichte“ und datierte Gedichte, die an einem ganz bestimmten Tag stattfinden. Von Thomas Brasch zum Beispiel, von Ernst Jandl, von Peter Waterhouse gibt es auch solche Gedichte und von Judith Zander zuletzt. Womit ich auch angefangen habe, war Geburtstagsgedichte zu schreiben. Also jetzt nicht Anlassgedichte, um jemanden zu feiern, sondern es waren Geburtstagsgedichte an meinem eigenen Geburtstag. Wo ich letztendlich zusammenfassen wollte, was in einem Jahr passiert ist, oder wo ich gerade selber angekommen bin. Also eigentlich sehr persönliche Texte, die eher wie ein Tagebuch funktioniert haben. Da gibt es auch eine Tradition: Birthday Letters von Ted Hughes, es gibt diese Geburtstagsgemälde von Max Ernst an seine Frau Dorothea Tanning. Die immer wieder versuchen, Zeit einzufangen. Was ist passiert? Wo steht man gerade? Wie hat man sich weiter entwickelt? Und dieses Zeiteinfangen, das hat mich dann immer mehr beschäftigt.

Klar, es gibt noch einen anderen Aspekt. Manchmal haben ja Zahlen eine bestimmte eigene Ästhetik. So etwas wie der 11.12.13, oder der 07.07.07. Solche Zahlen üben eine eigene Faszination auf mich aus. Das geht ja schon auch fast in so etwas Magisches über, dass ja auch Zahlen einfach mit Magie, mit Bedeutung aufgeladen werden – man denke an Hochzeiten und andere Jubiläen an diesen Daten! Und ja, in diesem Bereich sind immer mehr Texte entstanden, Textideen, darüber zu schreiben. Dann habe ich aber festgestellt, man könnte diesen Zyklus wirklich abschließen und sagen, man macht jetzt für jede Zahlenkombination ein Gedicht. Das ist natürlich ein riesiges Projekt, 365 Gedichte zu schreiben. Es ist ja auch schwierig, sich nicht zu wiederholen. Jeder Tag unterscheidet sich ja auch nicht so sehr von einem anderen. Und man muss da irgendwie Varianten erfinden, um über ähnliche Tage zu schreiben, oder andere Aspekte aufzugreifen.

Bei mir ist viel Beschäftigung mit Fotografie, mit Lektüre hinzugekommen. Weniger mit persönlichen Dingen. Das ist nicht so wichtig, nicht so im Vordergrund. Dann gibt es ja, klar, so etwas wie Tagesaktualität, aber die ist dann herunter gebrochen. Die Gedichte sind natürlich in dem Jahr 2013 angesiedelt, sie sollen aber nicht für das Jahr 2013 sein. Also das wäre ja auch aus einer Frage nach dem Adressaten oder einer Veröffentlichungsperspektive vielleicht dann doch ganz absurd, wenn ich, was weiß ich, in zwei Jahren ein Buch veröffentlichen würde, das Gedichte zum Jahr 2013 beinhaltet. Deshalb sollen sie einerseits Zeit einfangen, andererseits auch zeitloser sein, als man vielleicht von diesem Datum vermuten kann. Das sind schon einmal ein paar Rahmenbedingungen für die Texte selber.

Also ein wichtiges Arbeitsmaterial für mich war ein Abreißkalender, der aber aus Fotos besteht, so ein Fotoabreißkalender mit Polaroid-Fotos. Das sind auch jetzt noch Gedächtnisstützen, weil eben noch nicht alle Texte geschrieben sind. Notizen sind zu vielen Texten da. Nun kann ich mir immer ein Polaroid anschauen, als Erinnerung: ok, diesen Tag muss ich ja noch beschreiben. Ich hab da noch einen kleinen Stapel auf dem Schreibtisch liegen, der noch drankommen muss.

Auch die Motive der Fotos finden sich mitunter in den Gedichten wieder. Sie sind natürlich variiert, verändert, oder sind nur Auslöser, vielleicht eine Art Molekül, um dann die Verbindung zu etwas Neuem herzustellen, aus diesen drei Ebenen – Bild, Lektüre und Nachricht – eben diesen neuen Text entstehen zu lassen.

Und der andere Punkt ist natürlich: wie kann man so ein, ja, letztendlich dann ein riesiges Manuskript zu einem Buch machen? Oder geht das überhaupt? Klar, ein Band mit 365 Gedichten, das wäre auf jeden Fall nicht unmöglich, wäre aber auch ein ganz schöner Wälzer. Vom Schreibaspekt her macht das eigentlich mehr Sinn, das Buch in Monate aufzuteilen und dann zwölf Einzelbände entstehen zu lassen. Da habe ich die Möglichkeit, einfach die Texte kleinteiliger zu bearbeiten. Also erst mal dreißig gute Texte abzuschließen, zu überarbeiten, sie lektorieren zu lassen und mich dann mit dem anderen Material zu beschäftigen, statt gleichsam an allen Texten arbeiten zu müssen. Das würde zum Einen auch alles verzögern, bis es endlich fertig wäre und veröffentlicht werden könnte. Und so kann ich schon mal mit einem Band anfangen und kann das in loser Folge über die nächsten – ja, das wird man sehen – über die nächsten Jahre dann veröffentlichen. Sodass es, wenn es einen Abschluss findet – es gibt ja auch immer Projekte, die irgendwo hängen bleiben, man kennt die Lexika, die irgendwo bei „M“ aufhören – in zwölf Teilen erscheint.

Zeitgleich zum Kalendarium habe ich an meinem Roman geschrieben. Also das kann ich eigentlich ganz gut: beides schreiben. Eigentlich war es immer so: das Gedicht zu schreiben war immer der Einstieg, der tägliche Einstieg ins Romanschreiben. Dass ich mir so einen ganz guten Rhythmus aneignen konnte. Weil: der erste Text war dann ein Tagesgedicht, und dann war ich schon im Schreibfluss und konnte ganz gut wechseln in die Prosa und habe an meinem – ja, zweiter Roman ist vielleicht nicht korrekt, weil, also es ist ja schwierig, ich habe ja schon mehrere Romane geschrieben, einer ist veröffentlicht – an meinem nächsten Roman geschrieben, der heißt die Kreuzung, das ist der Arbeitstitel. Er handelt von einem Kriegsreporter, der zurückkehrt, letztendlich seinen Job aufhört und sich eine Wohnung sucht in einer neuen Stadt, wo er vorher nicht gewohnt hat. Und nun versucht er wieder zurück ins Leben zu kommen. Weil er da an diesen Erlebnissen, die er in den letzten Jahren erlebt hat, verzweifelt. Diese Erlebnisse, die kommen dann im Text als Flash-Backs immer wieder hoch. Und jetzt befindet er sich in dieser neuen Wohnung, schaut durchs Fenster auf die Straße, auf die Kreuzung, und beobachtet. Letztendlich ist er ja noch immer so ein bisschen wie früher als Journalist unterwegs, der Beobachter, ist jetzt aber ganz zurück gezogen auf sich und beobachtet die Straße, das Geschehen in der Straße, sieht da verschiedene Leute, die immer wieder vorbeikommen.

Dieser Erzählimpuls wechselt dann die Person. Also das Erzählen bleibt nicht bei ihm, diesem Kriegsreporter, sondern überträgt sich auf die anderen Personen. Man lernt sie kennen und ihre Geschichten und die Geschichten überkreuzen sich teilweise oder es gibt immer wieder Anknüpfungspunkte. Und es sind verschiedene Figuren dabei: es gibt einen älteren Herrn, der nach dem zweiten Weltkrieg als junger Mann aus Deutschland exiliert ist. Er hat in England gelebt, weil er ein ganz neues Leben anfangen wollte, ist dann aber wegen seiner Frau wieder zurück gekehrt. Jetzt ist die Frau im Krankenhaus, ein Pflegefall, das bleibt unausgesprochen, was eigentlich mit ihr passiert, ob sie stirbt, oder nicht, jedenfalls hat er jetzt Zeit sich mit Geschichte zu beschäftigen. Das macht er als Rentner-Hobby und ist da einem Kriegsverbrechen auf der Spur, das er als Kind selber erlebt hatte in seinem Heimatdorf, und was aber sonst nirgendwo berücksichtigt worden ist, oder zumindest keinen weiter interessiert hat. Er macht sich auf, sucht Dokumente zusammen und möchte die natürlich irgendwie veröffentlicht sehen. Deshalb lernt er dann eher zufällig diesen Kriegsreporter, den Journalisten, kennen und sieht in ihm die Möglichkeit, dass er das Material in die richtigen Hände geben kann. Er macht sich später auf den Weg nach Hamburg, um ein großes deutsches Wochenmagazin zu besuchen, um dort sein Material abzugeben.

Und das sind jetzt Beispiele für zwei Figuren. Es gibt mehrere Haupt- und Nebenfiguren, deren Lebenswege sich für eine kurze Zeit kreuzen. Der Erzählimpuls ist wie beim Staffellauf, wo man sich abklatscht und es weiter geht. Es ist aber so eng verwoben, dass die Personen immer wieder auftauchen.

Also wenn Du jetzt gefragt hättest, nach dem Schreiben von Lyrik und von Prosa: Manchmal gibt es Phasen, wo ich dem einen oder dem anderen den Vorzug gebe. Ich hatte jetzt die letzten zwei Jahre eine Zeit, in der ich beides ganz gut parallel schreiben konnte.

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