Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Andreas Bülhoff

die Schleifen und Schlaufen des Nichtgesprochenen

Andreas Bülhoff, Foto: Jana Zwick

Also, ja, du reagierst auch nicht, ne? Ich erzähle einfach was und wir können es nachher noch redigieren , oder so.

Einmal habe ich darüber nachgedacht das mit dem Alleine-Sprechen finde ich irgendwie sehr problematisch. Weil ich glaube, dass, gerade wenn das Gegenüber eine Frage stellt oder das Gespräch mit beeinflusst, dass man dann vielleicht viel reichhaltiger denkt und spricht, als wenn man so vor sich hin denkt und spricht. Und eben auch, dass, wenn man sich nicht sozusagen eine Rhythmisierung oder so vom Gespräch durch ein Gegenüber holt oder das hat, dass es dann quasi viel schwieriger ist heraus zu finden, warum man bestimmte Sachen sagt. Im Gespräch kann man gut rauskriegen, warum man Sachen sagt oder warum der andere bestimmte Sachen fragt, da wäre ich mir, glaube ich, viel bewusster, was so passiert wenn man was spricht.

[Quietschend anhaltender Messe-Shuttle-Bus im Hintergrund]

Ähm. Und dann finde ich problematisch, dass – deswegen finde ich Gespräche insgesamt auch irgendwie schwierig und auch eigentlich Lesungen schwierig – weil man immer linear spricht, also zeitlich hintereinander und man davon nicht so richtig wegkommt. Und da eben auch bestimmte Sachen passieren, dass man sich an bestimmte Sachen nicht mehr erinnert oder so und dann nicht mehr zurück kann oder so. Und bei Texten ist es ja anders, also man kann halt zurück blättern oder man kann auch Texte irgendwie so schreiben, dass man nicht das Gefühl hat, man liest nur in eine Richtung, sondern man kann auch wieder zurück lesen. Beim Sprechen ist man irgendwie dieser Zeitlichkeit unterworfen. Ja. Und das beschäftigt mich zumindest bei Lesungen sehr. Als du zum Beispiel gelesen hast, vorgestern, ich hab da auch mit Freundinnen darüber gesprochen, die auch da waren, und die meinten, du hättest extrem langsam gelesen und das finde ich auch. Mir hat es aber trotzdem gefallen und ich glaube, gerade weil es so langsam war. Weil man irgendwie durch sehr langsame Worte quasi die Chance hat, einmal bei den Worten zu verweilen und dann aber auch verschiedene Anschlüsse auszutesten. Also es ist noch nicht klar, was als nächstes kommt und man ist noch nicht so festgelegt. Das ist sozusagen ein viel offeneres Sprechen, durch die Entschleunigung. Das hat mir sehr eingeleuchtet.

Und ich hab eben bei Lesungen dann auch schon – weil mich dieses Lineare häufig so stört bei geschriebenen Texten und bei Lesungen ohnehin – versucht, wie man das irgendwie anders regeln kann, oder auflösen kann. Also ich hab schon experimentiert mit Metronom, dass jedes Wort die gleiche Dauer hat. Und das ist aber alles auch nur so mittel befriedigend, also man schafft es zwar eine Gleichwertigkeit herzustellen, aber durch die Linearität ist trotzdem immer das letzte Wort wichtig. Dann hab ich versucht mit so Halleffekten die vergangenen Worte wieder zu reaktualisieren. Das geht auch nur in bestimmten Maßen, weil man ja irgendwie den Rezeptionsbehälter anfüllt und der halt irgendwann voll ist und dann muss wieder was raus, damit wieder was rein kann, oder so.

[Quietschend anhaltender Messe-Shuttle-Bus im Hintergrund]

Ähm. Also es ist unterm Strich eine höchst unbefriedigende Angelegenheit finde ich, so eine Lesung. Also man schreitet halt immer so voran, aber ich fände es schön, wenn man auch – wenn der Zuhörer die Chance hätte, auch zurück zu schreiten und nochmal irgendwie den Anfang zu hören, oder sowas. Und das ist eben auch so mit weiß nicht Kausalität oder solchen Dingen. Und da stelle ich mir so vor, dass man das im Text – gerade auch vielleicht im gedruckten Text und im digitalen Text sicherlich ohnehin – auflösen kann und diese Zeitlichkeiten nicht mehr so wichtig nehmen muss.

Ähm. Es gibt halt immer Anfang und Ende, dagegen kann man irgendwie nichts tun. Und trotzdem ist aber so die Anstrengung, dagegen was zu tun. Das finde ich das Schöne an Literatur aber auch am Schreiben. Also ich würde mir vorstellen, dass es eher so im Schreiben, im Lesen, aber vor allem auch im Sprechen eher so ein exploratives Sprechen oder ein exploratives Zuhören gibt, wo man eben nicht in so einen passiven Rezeptionsmodus verfällt, sondern irgendwie selektieren kann als Zuhörer. Mir scheint dass das, bei mir zumindest, vor allem einsetzt, wenn ich sehr viel Text lese oder sehr viel Text höre. Und dann driftet man irgendwie ab und Sachen sind einem irgendwie wichtig und da bleibt man dann. Deswegen finde ich es auch meistens schwierig, wenn Gedichte sehr kurz sind. Ich finde sozusagen, wenn mehr Wörter da sind, ist auch die Chance höher, dass mich was interessiert, oder so. Ähm.

Ja. Und ich glaube, dass man schon verschiedene Techniken anwenden kann, um so eine Gegenzeitlichkeit oder so eine Gleichzeitigkeit irgendwie herzustellen in Texten, aber auch in Lesungen. Und wahrscheinlich ist es, weil es in Lesungen halt so problematisch ist, da auch besonders spannend heraus zu finden, wie man das machen könnte.

Mir fällt gerade ein, ich hab irgend so ein Zitat mal vor ein paar Tagen gepostet, von Xenakis, ich guck das mal eben nach. Jetzt. Hier. Du kannst aber auch weiter laufen lassen.

[Stimmen im Hintergrund. Zippverschlussgeräusch beim Öffnen der Laptoptasche.]

Also da ging es irgendwie auch um so Außerzeitlichkeit von Musikstücken.

Ich such das mal eben raus.

[Quietschend anhaltender Messe-Shuttle-Bus im Hintergrund]

Transkribierst du die Hintergrundgeräusche auch? Nein?

Warum eigentlich nicht?

Ah genau. Es geht irgendwie – richtig verstanden habe ich das nicht, aber Xenakis beschreibt sich als von Maxwell’s demon besessen und meint damit, dass es irgendwie Ordnungen gibt, die außerhalb der Zeit existieren können und dann auch umkehrbar werden. Und er sagt, diese Ordnungen sind nicht „in real time, meaning in the temporary of flow, because this flow is never reversible, but rather in a fictitious time, which is based on memory.“ Und er wird dann gefragt das ist so ein Interview ob es also irgendwie umkehrbare Strukturen in der Musik gibt, und sagt dann darauf: Es gibt diese Strukturen, aber sie sind nur umkehrbar außerhalb der Zeit. Und das finde ich eigentlich bedenkenswert auch für Lesungen, weil man irgendwie mit Zeitlichkeiten arbeiten, aber man die vielleicht so manipulieren kann, dass im Hören und eigentlich auch im Sprechen irgendetwas anderes angesprochen oder angeführt wird, Erinnerungsrezeptionsmodi, die dann irgendwie doch eine Gleichzeitigkeit ermöglichen, selektiert durch den, der spricht oder den, der zuhört. Und dann vielleicht viel mehr aussagen können über das, was einen beschäftigt und warum es einen beschäftigt, als wenn mir jemand ein Schicksal in einem Roman vermittelt.

Und dann habe ich das ist vielleicht auch noch interessant darüber nachgedacht, wie man das dann so machen könnte, wenn ich jetzt hier was spreche und du transkribierst das dann und so. Ich habe mir dann vorgestellt, das wird dann so transkribiert und irgendwie hochgeladen und vielleicht transkribierst du auch die ganzen, weiß ich nicht, Pausen, das ganze Wiederholen und Gestotter und so und die Ähms und sowas. Und ich könnte mir vorstellen dass man das, wenn man das quasi auf fixpoetry online stellt es gibt viele so konzeptuelle Ansätze, dass man irgendwie alles weglöscht außer die Kommata oder Füllwörter oder sowas. Ich glaube, so etwas könnte ich mir gut vorstellen bei der Transkription, dass man den Rest löscht. Aber dann wiederum fände ich das schade eigentlich um das Gesagte, wenn man es dann nicht mehr reaktivieren kann, oder so. Man könnte dann sozusagen – das wäre mein Vorschlag, da können wir ja noch darüber reden – dass man dann alles bis auf die Kommata und die Punkte und sowas und vielleicht die Ähms und so Konnexionswörter, also Unds und Alsos und sowas, dass man die stehen lässt und den Rest in der Schriftfarbe genau so macht wie den Hintergrund der Seite. Sodass man es nicht auf den ersten Blick sieht, sondern nur quasi die Schleifen und Schlaufen des Nichtgesprochenen. Und man dann aber mit der Maus den Text markieren kann und der dann dadurch trotzdem sichtbar wird. Aber eben nicht zu Beginn. Das wäre noch so mein Vorschlag für die Umsetzung. Ja.

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