Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Dato Barbakadse

 

Und er hat das nicht gemacht.

Ich werde jetzt ein paar Gedichte von Schotha Tschantladse lesen. Das ist nicht nur einfach ein bekannter georgischer Autor, sondern auch ein Autor, der wirklich kein Glück hatte in seinem Leben, weil er mit vierzig an Blinddarmentzündung starb. Und damals war es üblich, dass die Autoren immer ein Lokomotivgedicht geschrieben haben. Das bedeutet, man musste unbedingt entweder über Lenin oder über die sowjetische Macht oder in dieser Richtung etwas schreiben, und man musste diese damals wichtigsten Persönlichkeiten loben, besonders Lenin. Und er hat das nicht gemacht. Außerdem hat er wirklich ganz ruhige und ganz konkrete Gedichte geschrieben, also Gedichte, die mit dem Lob, der Heroik oder mit der abstrakten Welt oder anderen ähnlichen Dingen nichts zu tun hatten. Und was er in den 50er Jahren geschrieben hat, diese Gedichte sind bis heute wirklich aktuell. Und wenn man heutzutage diese Gedichte liest, denkt man, dass die Gedichte heute geschrieben seien. Leider haben seine Kameraden damals, seine Kollegen, also nicht alle, aber einige, geschwiegen über diesen Dichter. Und in den 70er Jahren, also er war nicht mehr am Leben, und in den 70er Jahren wurde irgendwie in der georgischen Lyrik, in der georgischen Dichtung, alles, was er schon vor zwanzig Jahren geschafft hat, wiederholt. Und sein Name wurde nicht erwähnt. Und erst in den 90er Jahren hat meine Generation diesen Autor für sich neu entdeckt, und er hat ein neues Leben angefangen: Die Eisenbahn. Fahrgäste nehmen ihre Plätze ein. Der Zug setzt sich in Bewegung. Unbekannte Reisende fangen eine Unterhaltung an. Sie sprechen angenehm miteinander, sogar jene unter ihnen, die sich vor der Fahrt noch um ihre Sitzplätze gestritten hatten. Ich höre ihren Unterhaltungen zu und mir wird es ganz wohlig dabei. Ich denke mir: „Ja, es ist durchaus möglich, dass Menschen friedlich miteinander leben... Aber selbstverständlich nur dann, wenn auf der ganzen Welt so eine Stimmung herrscht, wie hier in diesem Zug, der schon unterwegs ist.“ Noch ein Gedicht: Nun gehe ich regelmäßig in eine Redaktion, wo die Luft aus Wänden besteht, wo die Decke höher ist als der Fußboden, wo sich die Schreibtische ganz natürlich fühlen, wo der Füller immer in der Tinte steckt, wo ich mich daran erinnere, dass ich bei der Polizei den Pass habe ändern lassen. Wo ich immer noch weiß, wie mir in einem Ärztehaus ein mit Karies befallener Zahn gezogen wurde. Wo ich eine Zigarette so anzünde, dass ich auf der Streichholzschachtel die Aufschrift: „Der Sieg“ gar nicht wahrnehme. Wo der Redakteur sich so fühlt, als wäre er bei sich zu Hause und so mit mir spricht, als stünden wir an der Straßenbahnhaltestelle und die Straßenbahn würde sich gerade nähern. Schotha Tschantladse hat auch kleine Fabeln geschrieben und die kleinen Prosatexte sind wirklich entzückend: Einmal sagten sich Affen: „Da uns ja zum Menschsein nicht mehr viel fehlt, so lasst uns das Affensein aufgeben und uns wie Menschen verhalten. Sie zogen sich Anzüge an, setzten sich Brillen auf und nahmen Aktentaschen in die Hand. Sie grüßten sich freundlich im Wald. Zu dieser Zeit kam ein Löwe vorbei, sah deren Benehmen und sagte: „Was für ein Affentheater!“ Noch ein kurzer Text: Eine Maus ist in eine Falle getappt. Sofort war eine Katze zur Stelle. „Na, Freundchen, steckst du fest?“, fragte die Katze. „Ja. So ist es halt. Fallen und Gefängnisse sind das Los der Mächtigen auf dieser Welt. Hast du denn schon mal gehört, man hätte einer Katze eine Falle gestellt, oder man würde sie jagen?“, erwiderte die Maus. „Dummkopf! Du weißt doch bestens Bescheid, dass ich selber die Falle bin, dass ich selber der Jäger bin!“, antwortete die Katze. „Hättest du als Falle oder Jäger getaugt, dann hätte dein Besitzer mir niemals diese Falle gestellt“, sagte ihr die Maus und fraß seelenruhig seine gebrannten Mandeln weiter. Ins Deutsche übertragen von Maja Lisowski.

Noch einen Dichter würde ich gerne vorstellen. Das ist Thamas Badsaghua. Er starb mit 29 in einer Autokatastrophe mit seiner Frau und seiner Tochter. Das war ein großer Verlust für die georgische Lyrik, weil er unglaublich begabt war. Darüber schreibt eine georgische Literaturwissenschaftlerin Bela Tsipuria sehr gut, nämlich: „Mit dem Namen von Thamas Badsaghua wird in der georgischen Literatur ein mit großem Erfolg begonnener und durch einen tragischen Zufall frühzeitig abgebrochener Lebensweg verbunden. Es ist beachtenswert, dass die Jugendlichen in Georgien auch heute die Gedichte von Thamas Badsaghua lesen und allem Anschein nach in diesen Gedichten die Antwort auf jene Fragen finden, welche man traditionell an die Poesie zu richten pflegt.“ Ein Gedicht von ihm: Wer, wer ließ mich schmecken den Duft der künftigen Angst, wer hat umbunden meine Versuchungen als wären’s neun Ringe, oder warum bin ich Teilnehmer dieser Wanderung des Todes, des Mondes, des Herbstes, des Meeres und nebligen Dunstes. Wer hat umbunden meine Begeisterung mit dem Duft der künftigen Angst, und wer hat versiegelt mit neun Ringen meine Entzückung, meine Freiheit. Wer lässt mich mit der Stirn so bitterlich gegen die roten Spuren der Wüste anprallen. Ich bin ein Mensch des Wassers und zum himmlischen Wasser bringt mich zurück das kalte Echo meines verzweifelten Surrens, welches das Herz voran spürt, wie das Vieh das Erdbeben, wie die Schwalbe den Winter. Aber wo ist das warme Land, wo ist die Quelle, wo ist der Schatten, wo ist das Wort, gleich Mineralen rein und uranfänglich. Wo ist jene Sonne, – dem warmen Worte gleich, wo ist sie, wo ist das Haus, der warmen Sonne gleich, wo ist es, wo ist das Brot, dem warmen Hause gleich, wo ist es, wo ist die Frau, dem warmen Brote gleich, wo ist sie. . . Ich bin ein Vogel, der von seinem eignen Flügel zurückgeblieben ist, und ich klammere mich hoffnungslos und fest an jene in alten Blättern vergilbte Wörter: Ruhe, Freude, Mitgefühl, Begeisterung. . . Wer, wer ließ mich schmecken den Duft der künftigen Angst? Das Gedicht wurde von Manana Paitschadse übersetzt.

Und noch einen Dichter möchte ich jetzt vorstellen, das ist Badri Guguschwili, er war ein sehr guter Freund von mir. Ein bisschen älter als ich, er war zehn Jahre älter und er hat Selbstmord begangen, also er ist durch Selbstmord gestorben und hat für die georgische Poesie wirklich sehr, sehr wichtige Gedichte hinterlassen. Und diese Gedichte geben bis heute neuen Generationen viel Impuls. Ein paar Gedichte von ihm: Ein kleiner Mann. Bevor ich zu ihm komme, muss ich vorher vor dem Spiegel üben, damit mein Gesicht statt des Stolzes eine Demütigung ausdrückt. Im Kreuz gebeugt muss ich erst den Kopf in sein Büro stecken, dabei dürfen meine Augen nicht aufblitzen. Über meine Augen soll ein Nebel hängen wie ein weißer Vorhang, er soll mich sehen können, ich ihn aber nicht. Wenn ich das Büro betrete, soll ich mir nicht anmerken lassen, dass er unsichtbar ist – einem Körper in der Größe eines Fingernagels soll ich mich zu Füßen legen, ohne dabei irgendeinen Geruch zu versprühen, damit der Herr dadurch nicht belästigt wird. Ich habe eine einzige Bitte an ihn: Er darf mich versklaven und mir einen Job geben! Noch ein Gedicht von Badri Guguschwili: Verschneite Häuser während der Bauphase. Auf den Balkonen dieser Häuser hängt noch keine Wäsche. Auf diesen Höfen haben die Kinder noch nicht gelärmt. Ein Nachbar hat einen anderen noch nicht laut und überheblich rüber gerufen. Die Stufen im Treppenhaus haben noch nicht die Schwere eines Sarges gespürt. Noch haben sich die Wände nicht vor einem Fluch erschreckt. Weder die Wärme der Lippen haben sie gespürt noch über die Gleichgültigkeit der Trinksprüche haben sie sich gewundert. Noch hat kein Seufzer der Liebe die Decke des Zimmers aufgescheucht. Auch die Spatzen finden hier noch keine essbaren Körner. In einem der Spalte ist zu sehen – wie die Kälte und der Kummer eines Einsamen auf dem gefrorenen Wasser einander umarmend liegen. Diese Häuser – warten nur auf schwielige Hände und das Schmelzen des Schnees, der jetzt schon seit einer Woche jegliche Arbeiten zum Erliegen brachte. Ins Deutsche wurde dieses Gedicht von Maja Lisowski übersetzt.

Und ein paar Worte auch zu Maja Lisowski. Sie lebt in Deutschland, in Berlin, und hat eben für die Messe mindestens zwölf Bücher übersetzt. Eines davon umfasst etwa 800 Seiten und vieles, vieles andere hat sie übersetzt und trotzdem ist sie hier nicht anwesend. Diese Tatsache werde ich jetzt nicht kommentieren und nicht auswerten, also warum sie nicht hier ist. Aber ich bin wirklich nicht ganz froh und bin ein bisschen traurig, dass sie nicht hier ist, sie müsste unbedingt hier sein, die Übersetzerin. Und sie ist auch meine Übersetzerin und sie hat von ganzem Herzen jedes meiner Gedichte übersetzt.

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