Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Elisa Asenbaum

Ja, Astrid hat mich eingeladen zu einem Selbstgespräch. Und einmal vom Höflichkeits- und Freudigkeitsteil zu sagen: einfach danke, dass du mich eingeladen hast! Und ich habe mir einen großen Zettel geschrieben, wo ich all die Sachen, die ich mir vorbereitet habe, erzählen werde. Und es geht ja irgendwie um ein Selbstgespräch, ist eigentlich ein vorbereitetes Selbstgespräch. Ja. Also das stimmt nicht, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, weil ich habe mir keinen Zettel vorbereitet. Aber Sie können das auch nicht überprüfen, was dieses Selbstgespräch eigentlich ist. Und natürlich stellt sich die Frage, was ist überhaupt ein Selbstgespräch? Also ich denke, ein Selbstgespräch würde ich alleine führen. Weil bei einem Selbstgespräch, da spreche ich nur mit mir. Jetzt ist aber noch jemand im Raum, der bei diesem sozusagen Selbstgespräch zuhört. Noch dazu, vielleicht spreche ich überhaupt ein Selbstgespräch nicht laut, sondern ich spreche es im Geist und ohne Worte, vielleicht auch nur in Bildern. Was eigentlich ein Selbstgespräch ist, also diese Frage hat mich beschäftigt. Und jetzt ist die Frage natürlich, wenn ich dann mit mir selbst spreche, würde ich fragen, habe ich dann zwei Selbsts? Oder wenn ich mich dann hineinversetze in das andere Selbst, meiner Zuhörerin, die meinem Selbstgespräch zuhört, dann schlüpfe ich natürlich gleich in dieses Selbst hinein und überlege mir, wie ist sie auf diese Idee gekommen, dieses Selbstgespräch als Format zu machen? Und das ist doch eine tolle Sache, weil im Grund genommen ist bei dieser Art von Selbstgespräch die volle Freiheit bei dem, der das Selbstgespräch führt und da gibt es sehr viel Freiraum. Auf der anderen Seite ist auch eine gewisse Genialität in diesem Format drinnen, weil man muss sich nicht vorbereiten auf das Selbstgespräch vom anderen, man muss keine Fragen stellen. Üblich ist es in einem Interview, man stellt eine Frage und der andere antwortet. Und an diesen Fragen führt es dann entlang, ob dieses Interview interessant wird, oder nicht. Das passiert jetzt hier nicht, weil, ich muss mir die Fragen selber stellen. Und so gesehen ist dieses Format eigentlich relativ einfach, weil man sich ja auch nicht mit dem anderen in diesem Sinne vorher auseinandersetzen muss, nur nachher. Es ist auch ein bisschen so etwas wie ein Selfie. Also es gibt ja viele Menschen jetzt, die andauernd Selfies schießen. Ich präsentiere mich dann so, wie ich es gerne hätte. Beim Selfie, hab ich mir dann überlegt, was mir da auffällt beim Selfie ist, dass es einen Geschlechtsunterschied gibt. Die Frauen, beobachtete ich, fotografieren sich sehr oft und löschen dann ganz viele Selfies weg. Bei den Männern habe ich das noch nicht so oft beobachtet. Überhaupt ist diese Entwicklung, dass das Selfie so viel Prominentheit bekommt, eine Sache unserer Zeit. Da ist interessant zu hinterfragen und zu überlegen, was das bedeutet? Tut jeder nur mehr mit sich selbst sprechen und sich selbst präsentieren, sich mehrere Identitäten schaffen und diese Identität dann halt so darstellen, wie gerade gewünscht wird? Eigen_Ich. Sind diese ganzen Thematiken schon in dem Format enthalten? Ich werde das natürlich jetzt nicht erfahren, weil Astrid ja nicht mit mir spricht, ob das so in dieser Art angedacht wurde, oder nicht.

Gut, jetzt habe ich das Problem natürlich, dass ich jetzt einen Monolog halte. Einen Monolog mit mir selbst. Und prinzipiell, wenn man ein Buch schreibt, monologisiert man auch die ganze Zeit, nur verteilt man verschiedene Rollen, besonders, wenn man verschiedene Protagonisten erfindet, dann teilt man dieses Monologische auf. So. Und jetzt frage ich Sie: Was würde Sie interessieren, dass ich Ihnen jetzt erzähle? Und das Sie – Sie sind ja noch nicht da, das ist eigentlich ein zukünftiges Selbst, mit dem ich jetzt hier in einen Dialog gehe. Also einerseits mit meiner Beobachterin, wo sich die Situation natürlich sofort verändert, wenn man beobachtet wird. Da gibt es eine sehr schöne Assoziationsanalogie – Anfang des vorigen Jahrhunderts, in der Quantenmechanik entdeckte man dieses Phänomen, dass sobald irgendein isoliertes Teilchen beobachtet wird, es sich nicht mehr so verhält, wie wenn es unbeobachtet bleibt. So geht es uns wohl auch. Wo wollte ich da jetzt hin? – Also ja, ich wollte ja mit Ihnen sprechen, mit dem zukünftigen Selbst, das ich nicht kenne. Das zukünftige Selbst, das vielleicht das lesen wird, aber vielleicht auch nicht. Sie können mich auch nicht hören, weil es wird abgetippt. Von der Sprache her, von dem wie ich spreche, also von der Melodie her, werden Sie nichts wissen. Es wird übersetzt in Zeichen. Und da kommen wir zum Beispiel zu dieser Thematik der Ehrlichkeit. Sie können ja nicht überprüfen, ob und wie ich spreche und was ich ehrlich meine. Was ist überhaupt Ehrlichkeit? Ein Zustand des Jetzt vielleicht, also ob man das, was man sagt im Moment empfindet? Kann man das hören? Sie können es sicher nichts heraushören, weil Sie mich nicht hören. Manche können nämlich hören, ob jemand mit dem, was er gerade spricht, in einem Einklang ist, oder auch nicht. Oder nicht! Schauspieler faken das super, die können das sehr gut, auch von der Melodie her. Aber das fällt nun weg, weil das Ganze in Zeichen übersetzt wird. Zeichen, die dann kleine Worte bilden und diese Worte lesen Sie und Sie setzen dann diese Worte wieder mit Bedeutung zusammen in Ihrem Körper.

Gut. Also habe ich mir überlegt: Wie gehe ich das Ganze an? – Weil prinzipiell liebe ich den Dialog. Ich liebe es ein Gegenüber zu haben, jemanden, den ich spüren kann und auf das eingehen kann. Aber das habe ich jetzt nicht, also bin ich hier sozusagen, alleine gelassen. Und da habe ich mir eine Idee kreiert, die vielleicht schon hunderttausendmal kreiert wurde, und die Idee ist, ich habe heute Morgen, wie ich dann doch gemerkt habe, dass das heute ist und nicht morgen, weil es gibt immer verschiedene Morgen und da war ich heute etwas verwirrt, weil ich heute ein Mail bekommen habe, wo es geheißen hat: Sehen wir uns morgen? – und ich hatte nicht genau auf das Datum geschaut, wann dieses abgeschickt worden ist und daher war das Morgen gleich nicht das Heutemorgen, sondern das Morgenmorgen. Na gut. Also die Idee ist, dass ich mir dann heute Morgen – also das stimmt nicht, was ich Ihnen gerade erzähle, es war überhaupt nicht Morgen, es war eigentlich jetzt eine Stunde bevor wir uns getroffen haben – ein paar Zetteln geschrieben habe mit Fragen, die ich jetzt aus einem kleinen braunen Gefäß ziehen werde und dann werde ich auf diese Fragen antworten. Aber ich wollte ein bisschen Zufall in die Sache hinein bringen und deswegen habe ich mehrere Fragen aufgeschrieben und ich schaue mal, was ich jetzt ziehen werde. Sie wissen ja natürlich nicht, ob es dieses Gefäß wirklich gibt, oder ob ich jetzt von meiner Liste ablese, aber das möchte ich Ihnen auch nicht verraten. Muss noch einen Schluck Wasser trinken.

Ist es erlaubt, frage ich jetzt, dass nicht ich die Frage ziehe? – Nein, ich muss sie ziehen, ich habe gerade ein Zeichen bekommen, ich muss sie selbst ziehen, sogar mein Selbst ist mein Zugpferd. Und hier gehe ich jetzt mit meiner Hand hinein – raschle, vielleicht wird das auch phonetisch übersetzt – [Rascheln] – und ziehe eine Frage: Oh. Das passt jetzt überhaupt nicht an den Anfang, aber bitte. Gut:

Was für eine Lieblingsstelle haben Sie in Ihrem Buch AUGUSTINAselbst?

Mhmh. Das ist eine ziemlich doofe Frage, das muss ich schon sagen, also wer die gestellt hat… Weil es gibt einfach viele Lieblingsstellen in meinem Buch, aber natürlich der hat, also ich meine der, oder vielleicht war das auch eine sie, hat nicht gewusst, was er fragen soll, es ist halt so, wie es immer mit diesen Interviews ist, nicht? Aber ich werde etwas heraussuchen und zwar nämlich etwas, was ich gerade vorgestern bearbeitet habe, das liegt mir halt am nächsten. Das Buch, AUGUSTINAselbst, ist ein ziemlicher Ziegel, also der hat 370 Seiten, also sehr unklug von mir eigentlich gemacht – ich bin nämlich Quereinsteigerin in der Literatur und normal sollte man kleine Büchlein – also falls jemand anfängt – kleine Büchlein schreiben, weil dann kann man öfter etwas herausgeben. Nicht so wie ich, sechs Jahre an einem Buch arbeiten und das in einem Ziegel präsentieren und dann hört man nach einem Jahr, dass das nicht mehr aktuell ist.

Aber dieses Buch versuche ich eben – besser gesagt, ich versuche nicht, sondern ich mache es – mit einem Übersetzer übersetze ich es gerade ins Englische. Ich kann nicht gut Englisch, mein Übersetzer David natürlich schon, und da gehen wir es durch. Er schickt mir dann seine englische Übersetzung und ich lese sie durch und versuche, meinen Senf drauf zu geben. Und da haben wir jetzt das Kapitel 19 aus der AUGUSTINA gerade übersetzt. Dort gibt es einen Anfangsteil, den ich wirklich sehr gerne mag. Und weil alles erlaubt ist, lese ich ein Stück daraus vor. Und lese Ihnen dann das in Englisch vor, weil ich interessant finde, wie die Übersetzung ist. Also vielleicht voraus zu schicken: Es handelt sich um einen Traum und ich lese jetzt nur einen kurzen Teil vor:

Krzzzl zzzuk nnnykk …

Ok, falsch, ich wollte eigentlich mit dem Deutschen anfangen:

Krzzzl zzzük nnnykk... zurückgespult zum Beginn, ihr Daumen auf der Fernsteuerung.
Krzzzl zzzük nnnykk.z zck kyt kyt...

Es setzt sich erst zusammen, der Körper des Mannes, die Pixel frizzeln, übersetzt gemeint: immenser Energieakt, aus der erdachten Zukunft, ist er doch aus der Serie, der vergangenen. Da ist sich Augustina ganz sicher, obwohl sie sich nicht an den Namen der letzten Folge erinnern kann.

Sie drückt nochmals auf langsamen Rücklauf.
Es könnte ein Archetyp, Archetypus sein ... und START!

Nun gibt es kein Zurück mehr, einmal den Weg betreten, ist es entschieden, oft unmerklich der Kipppunkt, der Richtungswechsel, manifestiert es sich. Die Steuerung ist entschwunden – Krzzzl zzzük nnnykk.z zck kyt kyt... Griechisch ist das nicht ... synthetisiert sich das unbehaarte zukünftige Wesen aus der letzten Serie, Wurzel gezogen, Haarwurzeln, der Mann mit der zukünftigen Glatze, schon jetztzeitig. (...)

Die Übersetzung  an dieser Stelle ins Englische hat mir gut gefallen, nur ein kleines Stück:

There is no going back now, once you enter the path it is decided, often indiscernible the tipping point, the change of direction, it becomes manifest. The remote control has vanished – Krzzzl zzzuk nnnykk.z zck kyt kyt … it’s not Greek, no … the hairless future being from the last series synthesises itself, root extracted, hair root, the man with the future bald pate, already presently.

Diesen Teil mag ich sehr gerne und diesen Traum 19, der dann eben weiter geht und auch sehr politisch wird. Gut. Ich trinke jetzt einen Schluck Wasser und hole mir die nächste Frage.

Welche Frage wird Ihnen am häufigsten gestellt? Und welche hätten Sie gerne?

Also die häufigst gestellte Frage ist: Wie viele Bücher ich verkauft habe. Das ist hart, diese Frage, finde ich. Ich nehme an, dass über 200 und unter 500 Bücher verkauft wurden, es wurde nach 200 nachgedruckt, ich kriege nicht wirklich immer die aktuellen Zahlen von meinem Verlag. Aber ich finde die Frage zeugt einfach von dem Geist, dass es nur um Verkaufszahlen geht und das ist traurig. Es ist die Situation, besonders, wenn man lyrisch schreibt, ja recht schwierig in der Literaturszene. Und es wird immer weniger gelesen und ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass in den Schulen überhaupt nicht unterrichtet wird, wie man lyrische Texte liest. Ja. Ich würde sagen, das stimmt mich traurig und das zeigt eigentlich, dass nicht Qualität sondern der Markt jetzt unser Korrektiv darstellt, er ist die eigentliche Machtinstanz, was überhaupt produziert werden darf. Das hängt mit Geld, Nachfrage und dem Niveau der Leser zusammen. Und das geht nicht nur der Literatur so, sondern auch der Kunst, das geht sogar den Museen so, dass ihr Budget einfach gekürzt und sie dadurch "Blockbusters" – also im übertragenem Sinne, auch wenn’s gute Blockbusters sind, sagen wir Van Gogh und Klimt usw., die könnte man vergleichen mit Kassenklinglern, das ist einfach etwas, was geht – und solche Ausstellungen werden jetzt viel gemacht, damit eben auch Einnahmen da sind. Und irgendetwas Experimentales oder so wird nicht gemacht. Meiner Ansicht nach, sollte das Museum vom Staat voll gefördert werden, da sollte Geld hinein fließen, das Museum sollte ebenso gegenwärtige Kunst, Experimentelles, neue Ideen und Bildung fördern. Da schließt sich die Kette. Ich finde, das Museum ist eine Bildungsinstitution und in Bildung sollte das Geld hinein fließen und gerade in der jetzigen Situation, auch mit dem Corona, wird dort sehr massiv gekürzt, das weiß ich wirklich aus Gesprächen. Und das finde ich sehr zweifelhaft.

Gut. Zu der anderen Frage, was hätten Sie denn gern? – Ich hätte gern, dass jemand, wenn er ein Stückchen liest von meinen Texten, dass er/sie thematische Fragen stellt. Und das bekomme ich ganz selten und ganz selten ist, dass wirklich über ein Thema gesprochen wird. Selten, dass ein Gespräch nicht über Organisation und diese ganzen Dinge, die da dran hängen, geführt wird, sondern über einen Inhalt. Es ist leichter unter Kollegen über das zu sprechen – wie es einem damit geht, oder über eine Herangehensweise, eine Technik, das ist noch eher möglich. Aber dass wirklich jemand fragt: Naja, was meinst du denn mit dieser Zukunft, oder mit diesem Krzzzl zzzük und mit diesem…? – Ich weiß nicht, warum das nicht gefragt wird, vielleicht steht da auch eine Angst dahinter, irgendwie was nicht zu verstehen, oder so. Ja. Das würde ich eigentlich gern gefragt werden, dass irgendein Punkt aus meinem Schreiben irgendjemanden berührt und der/ die dann wirklich über diesen Punkt mit mir spricht, das hätte ich gern. So. Nächste Frage, wieder eine kurze Pause.

Da gibt es wieder eine Frage zu dem AUGUSTINAselbst-Buch: Warum der Titel AUGUSTINAselbst?

Diese Frage wurde, glaube ich, von der gestellt, weil sich das Wort Selbst und Selbstgespräch da trifft. Den Titel AUGUSTINAselbst habe ich erkämpft, dass ich diesen Titel (zusammengeschrieben) überhaupt machen durfte. In der Erzählung geht es viel um das Selbst, es geht um das Thema, dass es viele Selbsts gibt und um die Hinterfragung des Individualismus. Viele glauben, dass sie sehr einzigartige Ideen, oder Dinge haben, aber wir alle sind geprägt und oft von Ähnlichem, daher  haben wir ähnliche Gedanken und Ideen. So ist das Selbst in einer gewissen Weise auch austauschbar. Und das ist natürlich sehr hart, wenn man sich das überlegt für sich selbst, aber das Buch thematisiert das und es kommen ganz viele Selbsts vor, in die man sich eindenken könnte.

In dem Buch ist es auch so, dass dieses Selbst sich eben – symbolisch dargestellt – dieses Selbst der Augustina verwandelt sich, nimmt verschiedene Seiensformen an. Sie ist ebenso Tier, oder sogar auch mal eine Tasse. Und die Personen, die in ihren Träumen vorkommen, sind natürlich auch sie selbst. Da ergeben sich dann viele philosophische Diskussionen zwischen den Selbsts. Im Grunde genommen, ich meine, das gibt es eh mit: In meiner Seele sind zwei – In meiner Brust sind zwei Seelen, in der Seele sind zwei Brüste – aber es sind ja viel, viel mehr Stimmen innen drinnen. Im Buch wird das auf eine witzige Weise, durch philosophische Gegenüberstellungen, durch diese verschiedenen Rollen des Selbst, thematisieren. Vielleicht jetzt einen kleinen Textteil, den hatte ich vorbereitet, falls ... Vor diesem Buch hat es nämlich ein Projekt gegeben, wie der Text noch keinen Verleger gefunden hatte, namens Augustina träumt in progressius. Künstler haben kleine Textausschnitte bekommen und ihre eigenen Interpretationen, künstlerische Arbeiten dazu gemacht. Das ist ein sehr schönes Projekt geworden. Und einem Künstler habe ich alle kurzen Satzfragmente herausgesucht, wo das Wort „selbst“ vorkommt. Und daraus lese ich jetzt nur einen Miniteil vor. Albert hat aus diesem Text Fragmente entnommen und mit seinen Zeichnungen collagiert. Mhmhmh. Also, ich fange irgendwo an: 

[…] gähnenden schwarzen Abgrund. Jammernd rollt sie um sich selbst. Führt ins Nichts./ Potential zur Gänze, niemand versteht sich selbst, und doch ist Ungeahntes in einem/ Ende über die Schlucht zurück zum Baum, wo es sich von selbst zu einem Ringzug /selbst abgeholt haben, ist hiermit mein Auftrag abgeschlossen./ erlangt hat. Die Akte, die Akte, das heißt: Ich ... ICH habe die Akte selbst in Auftrag ”ICH MICH SELBST beobachten lassen", wiederholt Augustina mehrmals laut,/ um es oben auf, das winzige Fleckchen meiner Selbst ohne Anker. Getrieben von Wind und Mein bewusstes Sein ein winziger Teil meiner Selbst. Kaum sichtbar, ein Partikel am /Richtung Bustüre. Der Bus startet von selbst./ angesagt, Rückbezüglichkeit vermeiden", kürzt sie gleich selbst schlagwörtlich ihre Boden blickt, erkennt sie, dass der Aufzug selbst nur aus einer quadratischen Platte innen, passiert das Selbst, im kleinsten Ausmaß ihrer Sinne, im Sinne der minimalsten tangential an der Selbstverständlichkeit vorbei und schwebt. Schwebt. Schwebt leicht ...

So. Das war diese Frage. Gut, jetzt werde ich noch eine Frage ziehen, so!

Was reizt Sie an dem Medium Sprache?

An der Sprache reizt mich, dass sie aus bestimmten Worten besteht, denen eine bestimmte Bedeutung zugemessen wird. Und ich sehe sie wie kleine Behältnisse, in denen Bedeutung liegt und der Leser bekommt eigentlich nur die Behältnisse, er muss selber die Bedeutung da herausholen, besser gesagt, die Bedeutung ist gar nicht mehr drinnen, sondern er füllt sie wieder mit seiner Bedeutung. Das ist für mich etwas Spannendes, dass man leere Hülsen, im Grunde genommen, in den Raum setzt, als Vorstellung, und der andere sie dann deutet. Und manchmal können sie sehr, sehr voll gedeutet werden, weil der Leser eine Erfahrung in dieser Weise, in dieser Richtung hat, er kann die Behältnisse nur mit seiner eigenen Erfahrung, mit seinem eigenen Wissen aufschlüsseln. Und wenn er die nicht hat, dann schlüsselt er sie anders oder wenig auf. Das ist schon eine spannende Sache.

Das zweite ist, Sprache ist, im Grunde genommen, ein großer Reduktionsprozess. Ich, zum Beispiel, denke oft in Bildern und versuche sie dann in Sprache zu übersetzen. Und das fällt mir manchmal schwer, weil das Bild weniger Zeitlichkeit im Sinne des Nacheinanders hat und mehr Facetten. Die Sprache bringt das eben in Grenzen, Begrenzungen hinein. Und auf der anderen Seite, kannst du aber mit Sprache wieder Dinge öffnen, nämlich Assoziationsgruppen. Und auch mit Wortlauten arbeiten, da kommt die Melodie hinzu, das ist  so etwas Schönes, etwas Musikalisches. Aber das passiert dann nur, wenn sie gesprochen oder gesungen wird, oder wenn der Leser auch musikalisch ist und das heraustönen kann aus den – besonders aus den – Gedichten; Gedichte sind musisch und musikalisch.

In der deutschen Sprache haben sehr viele Worte mehrere Bedeutungen. Das ist natürlich spannend für jemanden, der schreibt, dass man ein Wort so einsetzt, dass man es so oder so lesen kann. Das finde ich zum Beispiel eine besonders reizvolle Sache! Und des Weiteren, was mich auch bei der Sprache beschäftigt, sind die vorgefertigten Sprachwendungen – wie Konserven, eben so bestimmte – wie soll man sagen? – kleine Redewendungen, die in einer gewissen Zeit eine gewisse Bedeutung hatten und haben, aber wenn man sie durchanalysiert aus welchen Wurzeln sie kommen, kann man sie wieder ganz anders verstehen. Das passiert mir unbeabsichtigt, wenn ich lese, oft zerlege ich die Worte und gehe sie einzeln durch, denke dann darüber nach, was die Denkmuster von dieser Kultur, oder von dieser Zeit, in der wir gerade leben, aussagen. Oft spricht man ja ganz andere Dinge, als die Bedeutung der Worte ist, man kann es nur verstehen, wenn man mit dem Kodex der Kultur vertraut ist. Beim Übersetzen funktioniert manche 1:1 Übertragung gar nicht. Manche gebräuchlichen Bilder muss man völlig anders übersetzen, das habe ich jetzt eigentlich in diesen zwei – fast zweieinhalb Jahre arbeiten wir daran schon – stark gemerkt, dass manches nicht funktioniert und besonders Witze funktionieren oft überhaupt nicht. Ja. Und das heißt eigentlich, dass eine andere Sprache ein anderes Denkmuster im Hintergrund hat und dass dann auch anders gefühlt oder gelebt wird - das reizt mich beim Sprachvergleich. Da könnte man noch sehr viel dazu sagen, aber es reicht. Ich glaube, ich werde nun zur letzten Frage kommen.

Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Für wen schreiben Sie? Für sich selbst?

Das ist eine schwierige Frage. Da fange ich gleich an, meine Augen zu reiben. Weil das für mich immer ein Seilakt ist und ein Kompromissakt. Denn ich schreibe für ein Du. Also ich schreibe, dass es gelesen wird. Darüber habe ich länger nachgedacht. Also man könnte auch wirklich nur so schreiben ganz so wie es für einem selber passt. Aber das wird sehr extrem. Ja, und? Aber ich möchte schon, dass es gelesen wird, lesbar bleibt. Und da ist es wirklich schwierig einen Mittelweg zu finden von dem, wie mein Ausdruck, sagen wir wie es ganz fein für mich wäre, und dem, wo ich mir noch vorstellen kann, dass es jemand anderer nachvollziehen kann und nicht genervt abbricht. Hatte schon einmal erwähnt – ich sehe Bilder, ich sehe Bilder und Szenen und versuche die dann umzusetzen. Und dazu suche ich verschiedene Sprachmöglichkeiten. Dazu muss ich überlegen, wie könnte ich das machen, dass der andere auch dieses Bild dann in sich aufbauen kann. Ich könnte nur ein Wort sagen: Meer, Baum, Küste. Aber ich versuche dann irgendwie, die Sinneseindrücke zu übersetzen. Und da kann ich mit ganz verschiedenen Mitteln arbeiten. Ob mir das wirklich gelingt, ist mir nicht klar, eigentlich. Also es ist nicht klar und auch so, wie ich gesagt habe, manche wahrscheinlich entschlüsseln es und manche nicht, abhängig von der Erfahrung. Aber dies ist eine stöhnende Frage, weil ich wirklich oft umschreibe und mich sehr viel mit diesem Thema befasse. Ich versuche manchmal, die Texte länger liegen zu lassen und dann noch einmal zu lesen und einmal zu schauen, ob ich selbst das Geschehen in mir überhaupt aufbauen kann. Und das ist manchmal nicht so. Dann wird der Text natürlich wieder umgeschrieben. Also schwierig, es ist immer ein hin und her ... Es gibt zum Beispiel einen Traum in der AUGUSTINAselbst –  die Erzählung beinhaltet sehr viele Träume,  die immer mit Nummern bezeichnet sind bis zur Hälfte des Buches, im zweiten Teil folgt ein ungebrochener Langzeittraum – also es gibt einen Traum, den ich hinaus gelöscht hätte, weil er mir nicht besonders gefallen hat, es ist ein erotischer Traum, ja, er ist ganz lustig, aber er ist für mich nicht so großartig. Und genau diesen Traum mögen ganz viele, die das Buch lesen. So verschieden ist das. Das gibt mir zu denken und zu überlegen. Ja. Im Moment, also AUGUSTINAselbst war sozusagen mein dickes, dickes Einstandswerk, das erste Mal, dass ich so ein dickes Buch geschrieben habe. Jetzt bin ich an einem zweiten dran und da merke ich, dass ich schon zu viel gedacht, gelesen habe und mir eigentlich noch einmal schwerer tue. Genau diese Frage beschäftigt mich, bezüglich der Verständlichkeit, ich möchte nicht vollkommen experimentell werden, sondern auch eine Möglichkeit schaffen für mehr Leute, das zu lesen, aber trotzdem meinen experimentellen Teil – mir gefallen die ganz schrägen Teile – trotzdem auch den behalten. Also es ist eine schwierige hin-und-her-Diskussion in mir selbst.

Ja, vielleicht noch ganz kurz zu dem Buch an dem ich jetzt gerade arbeite. Es wird wieder eine fiktive Erzählung werden und es geht um die Materie und wie wir die Materie auch bewerten. Es geht über Kapitalismus, es geht über das Wunder des Lebens und wie wir auch mit Zeit und mit Vergangenheit und Tradition umgehen. Das sind circa die Hauptthemen. Also, ja, und zweitens gibt es dann einen lyrischen Band dazu, der damit zusammen hängt, mit Gedichten. An den beiden Sachen arbeite ich. Ja. Ich würde sagen, ich danke nochmal vielmals, ich habe eh viel zu viel gesprochen.

 

 

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