Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Ferdinand Schmalz

Ferdinand Schmalz, © Regina Laschan

Die Sprache rülpst sich quasi so aus uns heraus und will sich nicht verdauen lassen.

Jetzt läuft’s. Ja. Ähm. Immer diesen Anfang finden, das ist ja das Schwierige. Das ist ja beim Schreiben auch das wahnsinnig Schwierige, dass man einen Anfang findet. Ich glaub, dass das früher noch viel schlimmer war, wenn man so wirklich dieses weiße Blatt Papier vor sich liegen gehabt hat, was ja noch bedrohlicher ist. Heutzutage mit den neuen Medien hat man da ja oft den Computer und dann macht man so Copy-Paste, irgendwelche Tastenkombinationen, und dann steht schon mal irgendwas da. Aber früher war das wahrscheinlich noch bedrohlicher, wo fängt man an.

Normalerweise würde ich jetzt fragen: was wollen Sie wissen? Aber so ganz fraglos… Das ist das große Fraglos, das ich da jetzt gezogen hab. Ja. Ich hab irgendwo mal gelesen „Am Anfang war das Wort“, in irgendeinem Buch, weiß aber nicht mehr, welches das war. Aber ich weiß gar nicht, ich glaub eigentlich nicht, dass das Wort als erstes da war. Ich hab nämlich jetzt erst vor kurzem auch einen Artikel gelesen, da ging es darum, um den Spracherwerb und dass da vor allem das Essen so wichtig ist. Also das Säugen schon einmal. Weil die Mundmotorik da so trainiert wird, durch diese Saugbewegungen. Und dann aber auch das Füttern. Wenn das Kind gefüttert wird, trainiert es auch irgendwie den ganzen Mundraum. Zum Beispiel jetzt für die Bildung von gewissen Lauten wie „k“, „n“ und "t", also diese ganzen harten Laute, braucht es halt irgendwie eine starke Zunge. Das wird angeblich auch beim Füttern schon trainiert. Drum ist das ein absoluter Blödsinn, wenn man sagt, man soll nicht mit vollem Mund sprechen. Wenn die Kinder beim Essen nicht reden dürfen, das ist angeblich das Schrecklichste, was man tun kann. Weil dann verzögert man den Spracherwerb ewig.

Also man kriegt oben in den Suppenschlitz, glaub ich so, die Suppe hinein, die Buchstabensuppe vielleicht, hinein gefüttert. Aber die Buchstaben, die wollen sich nicht verdauen lassen. Die Sprache will dann immer wieder über die Lippen raus gehen. Die ist vielleicht etwas ganz Unverdauliches, die Sprache. Obwohl sie ja ständig von der Verderblichkeit bedroht ist, das ist ja das Lustige irgendwie. Also die gesprochene Sprache. Die Schrift, das geschriebene Wort, da schaut es schon wieder anders aus. Aber die gesprochene Sprache ist was sehr Verderbliches, die hat keine hohe Haltbarkeit. Und man merkt ja oft, dass manche Sätze, wenn man auch nur kurz zögert, schon irgendwie abgestanden klingen. Oder verdorben eben. Wenn einen zum Beispiel jemand fragt, ob man ihn liebt, ob man ihn wirklich liebt – wenn man da nur kurz zögert, verbreitet man schon einen Mundgeruch vielleicht. Die wortwörtliche Verderblichkeit.

Ja, ich glaub, bei vielen Sätzen in der Geschichte ist das ähnlich. Die frischesten Sätze, die schaffen es, so einen Augenblick zu treffen. Also der Mundgeruch der Geschichte, könnte man sagen, rührt von so verdorbenen Sätzen her. Die zu lang im Magen sich nicht verdauen haben lassen.

Also das ist überhaupt komisch, wie halt Essen und Sprache auch miteinander zusammenhängen, finde ich. Man kann sich ja auch einmal fragen, warum wir aus dem Mund raus reden. Also das Loch, wo wir unser Essen reinstopfen, da sprechen wir auch heraus, das muss ja irgendwas miteinander zu tun haben. Wir reden ja nicht aus dem Arsch. Kann man sich auch einmal fragen, warum das so ist. Oder nur Zeichensprache. Ich hab zum Beispiel gehört, dass Pferde, da gibt es ja diesen Pferdeflüsterer auch, dass die eine ganz komplizierte Gestensprache haben. Also dass die wirklich sehr viel kommunizieren über Körperhaltung. Aber bei uns kommt’s aus diesem Ess-Loch heraus. Manchmal mit S-Fehler sogar. Die Sprache rülpst sich quasi so aus uns heraus und will sich nicht verdauen lassen.

Das Interessante ist ja auch überhaupt bei Lebensmitteln oder so, wenn man sich Lebensmittel anschaut, ich glaub, dass das überhaupt auch eine Frage der Zeit ist, mit den Lebensmitteln. Das ist ja auch, um jetzt einmal auf meine Werke auch zu sprechen zu kommen, auch ein Thema, das in Am Beispiel der Butter verhandelt wird. Dass die Lebensmittel nicht mehr so schmecken, wie sie früher geschmeckt haben. Und dass sich da vielleicht gesellschaftliche Veränderungen an den Lebensmitteln erschmecken lassen. Kann man sich natürlich fragen, wie schmeckt die Zukunft? Oder, wie geschmacklos ist die Zukunft? Ich glaub, das was die Lebensmittel so geschmacklos macht, ist halt dieses Konservierungsmittel auch. Dieser leichte Hauch von Formalin, der uns da aus manchen Massenprodukten irgendwie entgegentritt. Oder der Leichenhauch. Und das macht es halt auch zur Ware, irgendwie, das Lebensmittelprodukt. Das macht es zum Produkt, das Lebensmittel. Also alles, was Leben war in dem Lebensmittel, muss halt irgendwie der Konservierung weichen. Und da kommt man wieder auf die Sprache. Das Lustige ist, dass die Produktnamen mehr Geschmack haben, als die Lebensmittel selbst. Also die Sprache hat sich einen Geschmack erhalten können, den die Lebensmittel vielleicht nicht mehr haben. „Goldschatzmenü“ oder „crispy chicken“ – das klingt alles so gut! Während, wenn man sich das dann zubereitet, Zuhause in der Mikrowelle, kommt man oft drauf, dass das… Auch diese Bilder auf den Packungen, die lügen ja!

Aber das ist vielleicht auch, weil die Sprache halt das mittelbarste Lebensmittel ist. Oder besser das mitteilbarste Lebensmittel, das wir so zur Verfügung haben. Drum, vielleicht kommt die Rettung für die Lebensmittel aus der Sprache heraus. Vielleicht braucht es eine neue Sprache. Eine geschmackvollere, die den Geschmack wieder zurück in die Lebensmittel rein tragen kann. Und das ist es ja auch irgendwie, worum es dem Adi in meinem Stück, dem Protagonisten, geht, dass man halt sagt: ja, wie kann man neue Produktionsformen finden? Muss die Butter dieser unberührte Patzen sein, oder kann man wieder ein näheres Verhältnis zur Butter kriegen? – Vielleicht über die Sprache.

Das Komische ist ja, das Lebensmittel ist ja ein Mittel. Die Mittelbarkeit der Sprache auch. Mittel haben meist Zwecke. Ein Lebensmittel ist also das Mittel, das uns das Leben ermöglichen soll. Aber ich glaub, dass halt die Lebensmittel nicht nur das Leben ermöglichen wollen. Nicht nur uns am Leben halten. Weil sonst könnte man ja auch irgendwie so ein paar Pillen einschmeißen und wäre ernährt. Sondern ich glaub, dass, wie vielleicht Giorgio Agamben sagen würde, von dem gibt es ein Buch, das heißt Mittel ohne Zweck, dass die Lebensmittel auch immer Mittel ohne Zweck sein wollen. Also dass in jedem Lebensmittel was steckt, was nicht nur das Leben zum Zweck hat. Oder unser Leben, unser Überleben, zum Zweck hat. Es will sich, so heißt es dann halt bei Agamben, in seiner Mittelbarkeit auch ausstellen. Also in seinem sich-in-einem-Medium-befinden ausstellen. Insofern geben Lebensmittel unserem Leben auch irgendwie eine Form. Und grad dieser zwecklose Rest in den Lebensmitteln, das ist vielleicht gerade das, was uns aber das Leben schmackhaft macht, oder würzt. Ich glaub halt auch, in postmodernen Zeiten wie heute muss man halt irgendwie die Lebensformen beschützen vor diesem Effizienzzwang. Dass halt auch alle Mittel auf ihre Zweckhaftigkeit abgetastet werden. Und alles was zwecklos ist, hat ja keine Existenzberechtigung. Aber diese reinen Mittel quasi, die nicht auf bestimmte Zwecke ausgerichtet sind, die müssen wir uns erhalten, glaube ich. Auch die reinen Lebensmittel. Unkonserviert.

Das Komische ist ja auch, dass in so Lebensmitteln dann immer nur der Anschein von irgendetwas herrscht. Also das ist der Anschein von Leben, der dann da irgendwie konserviert wird. Fahl schmeckend. Den Anschein, als würde es nach Erdbeeren schmecken. Als würde es wie Butter schmecken. Als würde es nach Toskana riechen. Das läuft dann wahrscheinlich darauf hinaus, dass wir haltbare, aber geschmacklose Leben führen, ohne Ende.

Trauriger Ausblick.

Jetzt würde vielleicht der Interviewer nachfragen, nachbohren. Vielleicht würde er nach meinen eigenen Essgewohnheiten fragen. Aber dadurch, dass jetzt niemand fragt… Schwierig. Vielleicht hätte ich dann gesagt, dass ich am liebsten Interviewer fresse. Also eh ganz gut, dass niemand fragt.

Ja, vielleicht ist das ein gutes Schlusswort dann gleich. Das ist vielleicht ein gutes Schlusswort.

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