Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit John Mateer

„...eine andersartige, unheimliche Grammatik...“

  John Mateer (c) Daniel Terkl

 

english version below

„Selbstgespräch“. Die englische Entsprechung könnte „soliloquy“ sein. Ein „soliloquy“ ist ein Theatermonolog, bei dem jemand über sich selbst spricht und für sich selbst ist, also alleine. Aber ich dachte mir, dass es, vielleicht, eher wie ein Gespräch mit seinem Selbst und über sein Selbst ist, ein Weg durch sein Selbst zu sein.

Dann frage ich mich, ob Sprache das nicht immer ist? Es gibt die Idee, dass Sprache immer an jemanden gerichtet ist. Und doch muss man, um zu verstehen, was jemand sagt, sich zuerst mit seinem Selbst „unterhalten“. Es ist wie ein Spiegelbild, das Bild, das einem ursprünglich erlaubt, sich selbst zu erkennen, und dann, später, wenn wir in die Welt hinaus gehen, wissen wir, wie wir von anderen gesehen und erkannt werden. Schreiben ist auch diese Art von Selbstgespräch.

Also muss die Frage lauten – Was bedeutet es, seiner eigenen Sprache zuzuhören? Nicht dem „Klang der eigenen Stimme“. Sondern eher: Was bedeutet es, zu hören, was du denkst? Was bedeutet es, durch Hören zu denken oder zu hören durch Denken? Das ist zentral für den Gedanken der poetischen Sprache und Literatur. Vielleicht ist diese Erfahrung auch der Kern von Sprache an sich. Diese Idee, dass man, indem man durch Sprache hört und denkt, Sprache an sich „erfindet“.

Tatsächlich, oder vielleicht, erlaubt Sprache Gedanken wie diese. Daher gibt es eine seltsame Dynamik zwischen dem Aktiven und dem Passiven, zwischen dem, sein Selbst zu sehen und sein Selbst zu sein, oder zu werden, konstituiert zu werden. In beiden Fällen bedeutet es zuhören und zusehen.

Darüber dachte ich nach in Bezug auf mein Buch Ungläubige. Ich überlegte, was es bedeutet auf kleine Stücke von Sprache zu treffen, die aus Sprachen kommen, die nicht die eigene sind, und trotzdem in deiner eigenen Sprache sind. Was bedeutet es, wenn du versuchst, durch Erfahrungen und Sprachen zu denken, die dir, obwohl du dir dessen vielleicht nicht bewusst bist, fremd sind? Es gibt das Beispiel des Lehnwortes, stimmt. Dennoch könnte es auch sein, dass unterhalb jeder Sprache, der eigenen Sprache eines jeden, auch eine andersartige, unheimliche Grammatik zurück bleibt, wie die veränderliche Gegenwart von Gespenstern.

Das alles hat einen Einfluss darauf, wie ich über Sprache denke. Dass Sprache eine Entfremdung ist, eine Entfremdung vor der es scheinbar kein Entkommen gibt.

Folgt man dieser Ansicht, dann besteht die Möglichkeit, dass als ein Individuum zu existieren schon eine Form der Entfremdung ist, ein Loslösen von einer größeren Art der Sprache, von einem größeren Sein. Poesie lenkte die Aufmerksamkeit fortwährend auf die Wahrnehmung, dass es etwas in Sprache gibt, das aus seiner Sprache entkommen mag, das frei sein möchte von Sprache an sich. Das ist gegensätzlich zu dem, was man für gewöhnlich von Sprache denkt, dass Sprache ein Werkzeug ist.

Tatsächlich ist Sprache überladen mit allen Sorten von Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten. Nicht nur Mehrdeutigkeiten der Bedeutung, sondern auch von Gefühlen, Wahrnehmungen und, seltsamer Weise, der Wahrnehmung des Seins an sich.

In ihrer Essenz sind das spirituelle Fragen. Wie Sprache Bedeutung erzeugt, wie wir uns selbst in Sprache aufgehoben fühlen und geformt durch Sprache, das sind spirituelle Fragen. In Ungläubige habe ich in den Raum gestellt, dass zumindest ein Teil von dem, was wir „im Westen“  über Poesie denken, aus islamischen Vorstellungen von Poetik und dem Spirituellen abgeleitet ist. Ich schreibe das nicht, weil ich selbst mich den islamischen Ideen eng verbunden fühlen würde, meine eigenen Interessen liegen in der buddhistischen Philosophie und ein paar anderen asiatischen spirituellen Praktiken. Ich schreibe das, weil ich glaube, dass es gerade jetzt ein faszinierender Denkansatz ist, in dieser Zeit, in der der Islam, um es ungenügend auszudrücken, in „den Westen“ zurückkehrt.

Wegen der gegenwärtigen Diskussion des Islams als einer Kultur – sogar von Muslimen als einem Volk – denke ich, dass es wichtig ist zu begreifen, dass er zuallererst eine Religion ist, und zwar eine mit einem speziellen Spektrum an Überzeugungen zur Verbindung von Sprache und Geist.

Eine Sache, die ich hoffte in Ungläubige nahezulegen, ist, dass man islamische Poetiken auch so betrachten könnte, dass sie westliche Gedanken über Sprache spiegeln. Ich frage mich auch, ob wir uns, indem wir den Islam und seine Geschichte als Formen kultureller Erfahrung denken, nicht selbst daran hindern zu begreifen, dass wir uns in einer Periode der Weltgeschichte befinden, in der wir alle, Menschen des Ostens und Westens, des Nordens und Südens, tiefergehender über die im Besonderen spirituelle, und möglicherweise universelle, Frage nachdenken müssen, was es bedeutet, innerhalb von Sprache zu sein.

Natürlich hat der Islam seine Beziehung zu Sprache. Sein Heiliges Buch ist auf Arabisch, seine Anhänger müssen genug von der Sprache lernen, um den Text auf Arabisch zu lesen oder zu rezitieren, und der Text wurde dem Propheten auf Arabisch enthüllt. Es ist – um einen deutschen Begriff zu gebrauchen oder falsch zu gebrauchen – wahrhaftig eine „Ur-Sprache“, in dieser Hinsicht. Das ist wahrhaftig ein linguistischer Fundamentalismus. Trotzdem sehe ich es auch als ein Beispiel für die völlige Verkörperung von Geist im seltsamen, ungewöhnlichen Material, das Sprache ist.

Was mich betrifft, kann ich nicht sagen, dass diese Art des Verständnisses der Verbindung von Sprache und Geist meiner Realität entspricht. In der Sichtweise auf Sprache, die der Buddhismus pflegt, gibt es die Übereinkunft, dass seine Lehren nicht speziell für eine bestimmte Sprache gemacht sind, dass sie übersetzt werden und in jeder Sprache existieren können, und diese Sichtweise ist entscheidend dafür, wie buddhistische Philosophen an die Praxis der Weitergabe ihrer Konzepte herangehen.

Dabei gibt es noch einen interessanten Aspekt: den Gedanken des „Nicht-Selbst“, oder, in einer westlicheren historischen Bezeichnung, der „Nicht-Seele“. Die Art der spirituellen Welt, mit der sich buddhistische Sprache befasst, kann in allen Registersorten und in jeder Sprache ausgedrückt werden, weil sie nicht versucht, einem Selbst oder einer Seele Ausdruck, oder „Stimme“ zu verleihen, wie das bei den zentralen Poetiken des Islams, Christentums und Judentums der Fall ist. Obschon wir die wichtige Rolle, die Übersetzung auch im Christentum spielte, nicht vergessen sollten.

Diese Idee, dass die Sprache der spirituellen Realität übersetzbar ist, verdient Beachtung, da sie uns zur Idee des „Selbstgesprächs“ zurück führt, zu der Art von Gespräch, das in einer schwer zu fassenden Beziehung zum Selbst steht. Oder, vielleicht, in Beziehung zu einem schwer zu fassenden Selbst? Gibt es einen Weg, Sprache zu verwenden und Erfahrung auszudrücken, der nicht von einer Beziehung zu einer Seele oder einem Selbst abgeleitet ist? Oder kann Sprache in Beziehung zu einer anderen Art, anderen Arten, von Bewusstsein stehen?

Wenn ja, dann könnte diese Art von Sprache offen für verschiedene andere Sprachen und für viele Formen der Anrede sein. Könnten wir eine solche Haltung für unsere eigene, innere Sprache, für unser Denken schaffen, könnte uns das eine Möglichkeit geben, in unsere Gespräche andere Weisen über Leben zu sprechen und Leben zu sein mit einzubeziehen. Das wäre etwas, das uns zurück führen könnte zu einer größeren, tieferen Art des Selbst-Gesprächs, und auch zu einer unermesslichen, urzeitlichen und, im besten Sinne, weltlichen Gesprächserfahrung.

Diese Art von Vorschlag könnte vielen Menschen im heutigen „Westen“ seltsam erscheinen. Aber in Ländern wie Afrika und Australien und in Teilen Amerikas ist das nicht so, weil einige der Menschen dieser Länder sich darum bemühen, die Sprachen zu bewahren, in denen sie das ansprechen können, was wir an dieser Stelle „Natur“ nennen könnten und ihren – unseren? – Platz darin.

Und doch vermute ich, dass sie ihre Sprache nicht als eine Art des „Selbstgespräches“ ansehen würden.

Indem wir über Poesie sprechen ist es uns möglich, diese tieferen, spirituellen Fragen zu behandeln. Und wir befinden uns jetzt an einem Punkt in der Weltgeschichte, an dem wir damit beginnen müssen, Wege zu finden um unsere Beziehung zu Tieren, Pflanzen und der Welt an sich, zum Innen und Außen, neu zu artikulieren und wieder zu finden. Das ist wichtiger als die Science-Fiction unserer Technologien!

Wir müssen über unsere Präsenz in unseren eigenen Sprachen nachdenken, selbst wenn diese Präsenz mehrdeutig ist, und selbst wenn diese Erfahrung beunruhigend ist, uns das Gefühl gibt, wir könnten verloren gehen. Wir müssen begreifen, dass es in jedem von uns ein pragmatisch existierendes Selbst gibt. Aber dazu gibt es immer noch eine spezielle, starke, sehr tiefe Existenz, etwas, das tiefer ist als ein Selbst oder eine Seele, eine Gegenwart, die in unsere jeweilige Sprache verschwindet, oder als Gespenst durch sie erscheint.

[Übersetzung: Astrid Nischkauer]

***

...there remains also an alien, eerie grammar...”

“Selbstgespräch”. The English equivalent could be “soliloquy”. A soliloquy is dramatic speech, where someone speaks of one's self and is by one's self, that is alone. But I was thinking that, maybe, it is more like a conversation with one's self, and about one's self, a way of being through one's self.

Then I was wondering if that isn't what language always is? There is the idea that language is always addressed to someone. Yet for someone to understand what you are saying they need to be “conversant” with their self first. It's like a mirror-image, the image which allows someone to recognize themselves initially, and then, afterwards, as they go out in the world, they can know how they are seen and recognized by others. Writing, too, is that kind of self-conversation.

So the question must be – What is it like to listen to one's own language? Not the “sound of one's own voice”, as we would say in English. But rather, What is it like to hear what you are thinking, what you think? What is it to think through hearing, or hear through thinking? This is central to the notion of poetic language and literature. Probably, it is this experience that is the core of language itself. This idea that in listening and in thinking through language, you are “making up” language itself.

Actually, or maybe, language is allowing those thoughts to be made. So there is a strange dynamic between the active and the passive, between witnessing one's self and being, or becoming, one's self, being constituted. In both cases it is to hear and to witness.

I was thinking this in relation to my book Unbelievers, or 'The Moor'. Wondering what it is when you encounter bits of language that are from languages not your own yet they are within your own language. What is it when you try to think through experiences and languages that are, even though you might not be aware of it, foreign to you? There is the example of the loanword, true. Yet it could also be that underlying any language, everyone's own language, there remains also an alien, eerie grammar, like the shifting presence of ghosts.

 All of this has a bearing on how I think about language. That language is an alienation, an alienation from which there seems to be no escape.

 Following this view there is the possibility that even existing as an individual is a form of alienation, a disconnection from a larger kind of language, from a larger Being. Poetry has constantly drawn attention to the sense that there is something in language that wants to escape from its language, that wants to be free of language itself. This is contrary to what is conventionally thought about language, that language is a tool.

Actually, language is fraught with all sorts of contradictions and ambiguities. Ambiguities not just of meaning, but also of feelings, sensations, and, strangely, of with the sensation of Being itself.

In essence, these are spiritual questions. How language makes meaning, how we feel ourselves to be in language and formed by language, are spiritual questions. In Unbelievers, or “The Moor” I was suggesting that part of what we think about poetry in “the West” is derived from Islamic ideas about poetics and the spiritual. It's not that I feel closely connected to those Islamic ideas myself, as my own interests are in Buddhist philosophy and some other Asian spiritual practices. Rather it's because I believe it is an intriguing approach to consider at the moment, at this time in which Islam is returning, to say it in understatement, to “the West”.

Due to the common discussion of Islam as a culture – even of Muslims as a race – I think it is important to realize that it is foremost a religion, and one with a particular set of beliefs about the conjunction of language and spirit.

One of the things I was hoping to suggest in Unbelievers is that Islamic poetics may be considered to mirror Western notions of language. I was also wondering whether by thinking about Islam and its history as forms of cultural experience we may be preventing ourselves from realizing that we are at a period in world history in which we all, peoples of the East and West, North and South, need to think more deeply about the particularly spiritual, and possibly universal, question of what it is to be in language.

Of course, Islam has its relationship to language. Its Holy Book is in Arabic, its converts need to learn enough of the language to read or recite the text in Arabic, and the text was revealed to the Prophet in Arabic. It is – to use, or misuse, a German term – truly an “Ur-sprache”, in this view. There is a linguistic fundamentalism here, indeed. Yet I also see it as an instance of the full embodying of spirit in the strange, extraordinary material that is language.

Personally, I don't feel that that kind of understanding of the conjunction of language and spirit articulates my own reality. In the Buddhist view of language there is the understanding that its teachings are not specific to any one language, that they can be translated into and exist in any language, and this approach is key to how Buddhist philosophers have addressed the practice of the transmission of their concepts.

There's another interesting aspect to this: the notion of “no-self”, or, in a more Western, historical expression, “no-soul”. The kind of spiritual world that Buddhist language is concerned with can be articulated in all sorts of registers and in any language because it is not trying to make articulate, or – to use another English expression –  “give voice to”, a self or soul, as is the case with the central poetics of Islam, Christianity and Judaism. Although, we shouldn't forget the important role that translation has played in Christianity, too.

This idea of that the language of spiritual reality is translatable is something worth considering as it returns us to the idea of the “selbstgespräch”, to that kind of conversation which is in an elusive relation to the self. Or, maybe, in relation to an elusive self? Is there a way of using language and articulating experience that is not derived from a relationship to a soul or self? Or can language be in relationship to another kind, other kinds, of consciousness?

If there is, this kind of language could be open to various other languages and to many modes of address. If we could create such a stance for our own, inner language, for our thinking, it could give us an opportunity to include other ways of talking about and Being life in our conversations. It would be something which could take us back to a larger, deeper kind of self-conversation, and also to a vast, pre-modern and, in the best sense, worldly experience of conversation.

This kind of proposal might seems strange to many people in “the West” today. But in places like Africa and Australia and parts of the Americas this is not the case because some of the peoples of  those places are concerned to retain the languages in which they are able to address, what we could here call, “Nature” and their – our? – place in it.

And yet I suspect that they wouldn't see their language as a kind of “selbstgespräch”.

In talking about poetry we are able to consider these deeper, spiritual questions. And we are now at a point in world history when we do need to start finding ways to return to and re-articulate our true relationship to animals, plants and the world itself, and to inner and outer space. It's more important than the science-fiction of our technologies!

We need to reflect on our presence in our own languages, even if that presence is ambiguous, and even if the experience is disturbing, making us feel that we may be lost. I think that we need to realize that there is in each of us a pragmatic, existent self. Yet there remains also a special, powerful, very deep existence, something which is deeper than a self or soul, a presence which disappears into, or appears as a ghost through, our every language.

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